Glückskind

Glückskind

Irgendwo in einer deutschen Stadt lebt Hans D. Er geht gegen die sechzig zu, ist arbeitslos, Hartz IV-Empfänger. Für Hans spielt sich die Welt selten noch ausserhalb seiner vier Wände ab, ausser wenn er in den nahen Supermarkt schlurft, um sich Bier und irgendwelches Fertigessen zu kaufen. Seine Wohnung sieht aus wie eine Müllhalde, wann er sich das letzte Mal gewaschen, die Wohnung sauber gemacht hat, weiss er nicht. Eigentlich ist es ihm auch egal. Er hat eh nichts mehr zu erwarten in diesem Scheissleben.

„Er geht in die Küche. Leere Milchkartons türmen sich vom Boden bis unter das Fenster. Bis fünfzig hat er sie gezählt, es war sein perverses Hobby: den eigenen Niedergang akribisch genau zu beziffern. Dann hat er aufgehört, weil er nicht pervers genug ist, oder weil diese Perversion ihm zu viel Selbsterkenntnis abverlangte.“

Der Weiterbewilligungsantrag muss heute zur Post, sonst gibt es kein Geld. Der Müll muss endlich wieder einmal zur Mülltonne gebracht werden. Hans entscheidet sich als erstes für den Müll. Als er die Mülltonne öffnet liegt obenauf eine grosse Puppe – eine lebendige Puppe. Doch die Puppe bewegt sich. Jemand hat ein Baby wie Abfall in die Mülltonne.

Hans nimmt das Kind an sich und trägt es rauf in seine Wohnung. Und dieses Kind, das jemand nicht haben wollte, verändert sein Leben, das für ihn so sinnlos war. Seine Lebensgeister erwachen, er muss etwas tun. Das Baby braucht Nahrung und Windeln und es braucht einen Namen. Er nennt es Felizia, die Glückliche, denn sie kann sich glücklich schätzen, dass Hans sie gefunden hat. Er, der aussieht wie ein Penner, mit Rauschebart und Wallehaar, rasiert sich, schneidet sich einen Kahlkopf und stellt sich endlich wieder einmal unter die Dusche. Er räumt die Wohnung auf und putzt, denn in einem Schweinestall kann ein Kleinkind nicht gesund heranwachsen.

Herr Wenzel, der alte Mann vom Kiosk gegenüber, weiss bald Bescheid und auch das Ehepaar Tarsi, die Nachbarn gegenüber, haben mitbekommen, als Hans das Baby aus der Mülltonne fischte. Diese Leute werden seine Verbündeten und stehen ihm bei jeder Gelegenheit mit Rat und Tat zur Seite, sind ihm Stütze und Hilfe zugleich. Das Kind wird von den vier Erwachsenen herrlich umsorgt. Die anfängliche Zweckgemeinschaft entwickelt sich schon bald zu wahrer Freundschaft.

Doch Felizia bewirkt in Hans auch, dass er über seine eigene Frau und seine zwei Kinder, die ihn vor vielen Jahren verlassen haben, nachzudenken. Er fängt an, sich mit seiner eigenen Vergangenheit zu beschäftigen und die Gedanken schmerzen.

„Und dann bekam er nicht einmal sein eigenes Leben in den Griff. Aber vielleicht ist das Scheitern nur der Beginn einer neuen Fähigkeit, so wie kleine Kinder immer wieder hinfallen, bis sie endlich gehen können. Wenn es so ist, denkt Hans, ist es eigentlich nur wichtig, nicht zu verzweifeln und nicht aufzugeben. Wie ich es lange getan habe, denkt er noch, und dann kehrt er zurück aus der Vergangenheit und schaut wieder aus dem Fenster.“

Das Glück ist trügerisch, denn nach einigen Tagen berichten die Medien über diese Frau, die ihr Kind in die Mülltonne geworfen hat. Die Polizei hat sie festgenommen. Man wirft ihr Mord am eigenen Kind vor. Ermittlungen werden aufgenommen. Jetzt fangen das Versteckspiel und die Notlügen erst richtig an. Wird die Polizei Hans verhören? Oder verrät ihn einer der Nachbarn, eventuell der Hausverwalter, der überall seine Nase reinsteckt?

Hans möchte das Kind so gerne behalten und es grossziehen. Doch ist dieser Wunsch realistisch? Nach einem Gespräch mit dem Kinderarzt, bei dem er Felizia untersuchen lässt, weiss Hans, dass er in nächster Zukunft eine Entscheidung treffen muss, die für ihn unter Umständen sehr schmerzlich sein wird.

„Aber eines Tages wird sie ihren leiblichen Eltern begegnen wollen. Jeder Mensch will das, es ist ein Naturgesetz. Wir wollen unserem Ursprung begegnen, um etwas über uns zu verstehen. Und Ihre Felizia wird das auch wollen. Sie wird schon sehr bald, sagen wir in fünf oder sechs Jahren, anfangen, nach ihren Eltern zu fragen. Und Sie? Werden Sie ihr die Wahrheit sagen können?“

Steven Uhly ist ein warmherziger und zu tiefst berührender Roman gelungen, ohne jedoch gefühlsduselig zu sein. Das Buch hat mich in einen Sog gezogen, der mich nicht mehr losliess. Es erzeugte auch eine unglaubliche Spannung. Man wünscht sich geradezu, dass Hans und seine Nachbarn unentdeckt bleiben und das Baby behüten können. Es hat mich selbst froh gestimmt, wie dieser am Leben gestrauchelte Mann wieder Kraft schöpfte und sich den Menschen, die er nur noch als seine Feinde sah, öffnete. Doch dann stellt sich die Frage: Hat der Protagonist das Recht, dem leiblichen Vater sein Kind vorzuenthalten? Und kann er es verantworten, dass die Mutter als Mörderin verurteilt wird, obwohl ihr Kind lebt? Steven Uhly hat einen realistischen Roman geschrieben, der sich zu spannenden Diskussionen geradezu anbietet.

„Glückskind“ ist ein Glückstreffer, der mich mit einem Lächeln zurücklässt.

Steven Uhly, geboren 1964 in Köln, ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur und leitete ein Institut in Brasilien, übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Er lebt mit seiner Familie in München. Nach „Mein Leben in Apsik“ und „Adams Fuge“ ist „Glückskind“ sein dritter Roman. Der Roman wird von Paul Verhoeven verfilmt.

Steven Uhly: „Glückskind“
245 Seiten
Erscheinungsjahr 2012
Secession Verlag für Literatur
ISBN 978-905951-16-5