Glückskind

Glückskind

Irgendwo in einer deutschen Stadt lebt Hans D. Er geht gegen die sechzig zu, ist arbeitslos, Hartz IV-Empfänger. Für Hans spielt sich die Welt selten noch ausserhalb seiner vier Wände ab, ausser wenn er in den nahen Supermarkt schlurft, um sich Bier und irgendwelches Fertigessen zu kaufen. Seine Wohnung sieht aus wie eine Müllhalde, wann er sich das letzte Mal gewaschen, die Wohnung sauber gemacht hat, weiss er nicht. Eigentlich ist es ihm auch egal. Er hat eh nichts mehr zu erwarten in diesem Scheissleben.

„Er geht in die Küche. Leere Milchkartons türmen sich vom Boden bis unter das Fenster. Bis fünfzig hat er sie gezählt, es war sein perverses Hobby: den eigenen Niedergang akribisch genau zu beziffern. Dann hat er aufgehört, weil er nicht pervers genug ist, oder weil diese Perversion ihm zu viel Selbsterkenntnis abverlangte.“

Der Weiterbewilligungsantrag muss heute zur Post, sonst gibt es kein Geld. Der Müll muss endlich wieder einmal zur Mülltonne gebracht werden. Hans entscheidet sich als erstes für den Müll. Als er die Mülltonne öffnet liegt obenauf eine grosse Puppe – eine lebendige Puppe. Doch die Puppe bewegt sich. Jemand hat ein Baby wie Abfall in die Mülltonne.

Hans nimmt das Kind an sich und trägt es rauf in seine Wohnung. Und dieses Kind, das jemand nicht haben wollte, verändert sein Leben, das für ihn so sinnlos war. Seine Lebensgeister erwachen, er muss etwas tun. Das Baby braucht Nahrung und Windeln und es braucht einen Namen. Er nennt es Felizia, die Glückliche, denn sie kann sich glücklich schätzen, dass Hans sie gefunden hat. Er, der aussieht wie ein Penner, mit Rauschebart und Wallehaar, rasiert sich, schneidet sich einen Kahlkopf und stellt sich endlich wieder einmal unter die Dusche. Er räumt die Wohnung auf und putzt, denn in einem Schweinestall kann ein Kleinkind nicht gesund heranwachsen.

Herr Wenzel, der alte Mann vom Kiosk gegenüber, weiss bald Bescheid und auch das Ehepaar Tarsi, die Nachbarn gegenüber, haben mitbekommen, als Hans das Baby aus der Mülltonne fischte. Diese Leute werden seine Verbündeten und stehen ihm bei jeder Gelegenheit mit Rat und Tat zur Seite, sind ihm Stütze und Hilfe zugleich. Das Kind wird von den vier Erwachsenen herrlich umsorgt. Die anfängliche Zweckgemeinschaft entwickelt sich schon bald zu wahrer Freundschaft.

Doch Felizia bewirkt in Hans auch, dass er über seine eigene Frau und seine zwei Kinder, die ihn vor vielen Jahren verlassen haben, nachzudenken. Er fängt an, sich mit seiner eigenen Vergangenheit zu beschäftigen und die Gedanken schmerzen.

„Und dann bekam er nicht einmal sein eigenes Leben in den Griff. Aber vielleicht ist das Scheitern nur der Beginn einer neuen Fähigkeit, so wie kleine Kinder immer wieder hinfallen, bis sie endlich gehen können. Wenn es so ist, denkt Hans, ist es eigentlich nur wichtig, nicht zu verzweifeln und nicht aufzugeben. Wie ich es lange getan habe, denkt er noch, und dann kehrt er zurück aus der Vergangenheit und schaut wieder aus dem Fenster.“

Das Glück ist trügerisch, denn nach einigen Tagen berichten die Medien über diese Frau, die ihr Kind in die Mülltonne geworfen hat. Die Polizei hat sie festgenommen. Man wirft ihr Mord am eigenen Kind vor. Ermittlungen werden aufgenommen. Jetzt fangen das Versteckspiel und die Notlügen erst richtig an. Wird die Polizei Hans verhören? Oder verrät ihn einer der Nachbarn, eventuell der Hausverwalter, der überall seine Nase reinsteckt?

Hans möchte das Kind so gerne behalten und es grossziehen. Doch ist dieser Wunsch realistisch? Nach einem Gespräch mit dem Kinderarzt, bei dem er Felizia untersuchen lässt, weiss Hans, dass er in nächster Zukunft eine Entscheidung treffen muss, die für ihn unter Umständen sehr schmerzlich sein wird.

„Aber eines Tages wird sie ihren leiblichen Eltern begegnen wollen. Jeder Mensch will das, es ist ein Naturgesetz. Wir wollen unserem Ursprung begegnen, um etwas über uns zu verstehen. Und Ihre Felizia wird das auch wollen. Sie wird schon sehr bald, sagen wir in fünf oder sechs Jahren, anfangen, nach ihren Eltern zu fragen. Und Sie? Werden Sie ihr die Wahrheit sagen können?“

Steven Uhly ist ein warmherziger und zu tiefst berührender Roman gelungen, ohne jedoch gefühlsduselig zu sein. Das Buch hat mich in einen Sog gezogen, der mich nicht mehr losliess. Es erzeugte auch eine unglaubliche Spannung. Man wünscht sich geradezu, dass Hans und seine Nachbarn unentdeckt bleiben und das Baby behüten können. Es hat mich selbst froh gestimmt, wie dieser am Leben gestrauchelte Mann wieder Kraft schöpfte und sich den Menschen, die er nur noch als seine Feinde sah, öffnete. Doch dann stellt sich die Frage: Hat der Protagonist das Recht, dem leiblichen Vater sein Kind vorzuenthalten? Und kann er es verantworten, dass die Mutter als Mörderin verurteilt wird, obwohl ihr Kind lebt? Steven Uhly hat einen realistischen Roman geschrieben, der sich zu spannenden Diskussionen geradezu anbietet.

„Glückskind“ ist ein Glückstreffer, der mich mit einem Lächeln zurücklässt.

Steven Uhly, geboren 1964 in Köln, ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur und leitete ein Institut in Brasilien, übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Er lebt mit seiner Familie in München. Nach „Mein Leben in Apsik“ und „Adams Fuge“ ist „Glückskind“ sein dritter Roman. Der Roman wird von Paul Verhoeven verfilmt.

Steven Uhly: „Glückskind“
245 Seiten
Erscheinungsjahr 2012
Secession Verlag für Literatur
ISBN 978-905951-16-5

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Das Haus des Vaters

Das Haus des Vaters

Die Ich-Erzählerin schaut ihrem Nachbarn Ramón zu, wie er den Paradiesbaum in seinem Garten fällt. Sie hat vor kurzem ihren Vater verloren, der Ramóns bester Freund war. Ramón und der Verstorbene waren leidenschaftliche Gärtner, so erhält nun die Ich-Erzählerin gutgemeinte Ratschläge wie der Garten weiter zu pflegen sei. Umgekehrt schaut die Nachbarin auch mal zu Ramóns Haus, als dieser ins Krankenhaus muss Die kleinen Aufgaben und Gespräche lassen die Beiden den Verlust eines geliebten Menschen leichter verarbeiten. Sie gehen aufeinander zu, kümmern sich umeinander und sind füreinander da.

Die argentinische Schriftstellerin Ángela Pradelli hat mit „Das Haus des Vaters“ ein Buch geschrieben, das einen nicht traurig stimmt wie man vermuten könnte. Mir kommt es vor, als würde die Ich-Erzählerin einen Karton öffnen, alte Fotos vor mir ausbreiten und mir zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Dabei erinnert sie sich liebevoll an Erlebnisse mit ihrem verstorbenen Vater, so zum Beispiel als sie mit ihm einen Ausflug im neuen Auto ans Meer unternimmt und auf der Rückfahrt ein Lieferwagen in das Auto kracht. Der Vater macht kein grosses Drama um den beschädigten Wagen, fährt die Nacht durch, mit der Tochter an seiner Seite, mit der er sich in der Dunkelheit unterhält.

„Obwohl wir später selten darüber sprachen, wurde meine Erinnerung an diese Tage am Meer und dieses Glück mit den Jahren sogar stärker, wenngleich ich im tiefsten Inneren immer wusste, dass all das nichts Grosses bedeutete, letzten Endes waren wir ja nur Vater und Tochter, auf dem Weg zurück nach Hause, in einem kaputten Auto.“

Den Gegenständen im Haus des Vaters ordnet sie Geschichten zu: einem Mantel, dem Spazierstock, der Uhr, die stehen geblieben ist. Es sind Momente, in denen die Ich-Erzählerin inne hält und zurückblickt.

„Vielleicht sollte ich Ramón den Herrenmantel jetzt schenken, aber ich weiss nicht, ich hadere noch damit. Letzten Winter, der erste ohne meinen Vater, habe ich ihn machmals als Decke benutzt. In kalten Nächten schlafe ich gern dick zugedeckt. Als ich morgens aufwachte, lag in der Luft der Geruch meines Vaters, der noch immer am Futter haftet – eine Mischung aus Wolle, Naphtalin und Rasiercrème. Derselbe Geruch wie in dem Kleiderschrank, in dem ich den Mantel aufbewahre.“

Das Kapitel „Schauspieler“ lässt mich schmunzeln, denn die beiden alten Herren entpuppen sich beim Bezug ihrer Rente als gute Schauspieler. Um nicht stundenlang vor der Bank Schlange stehen zu müssen, hinkt der Vater mit einem Spazierstock auf die Bank zu, während Ramón ihn stützt. Türsteher und Schalterbeamte tricksen sie so mit ihrer Inszenierung aus und sie amüsieren sich darüber köstlich.

Keines der Kapitel ist länger als zwei bis vier Seiten. Unaufgeregt kommt eine Episode zur anderen und einzelne Momentaufnahmen ergänzen sich zu einem Album. Erstaunt hat mich bei der Lektüre, dass die Mutter kein einziges Mal erwähnt wird. Über sie verliert die Ich-Erzählerin kein Wort.

Einige Geschichten stimmen mich nachdenklich, die anderen lassen mich lächeln. Ángela Pradelli zeichnet auch ein Bild eines argentinischen Quartiers in einem Vorort von Buenos Aires, in dem Menschen verschiedenster Couleur aufeinandertreffen, wie dem Polen, der nichts Anderes möchte, als seine Geschichten loszuwerden oder einer Verrückten, die im Regen tanzt und die „Sintflut“ mit offenem Mund verschlingen will. Die Autorin zeigt mir mit diesem Buch auch einen Weg auf, wie man Abschied von einem lieben Menschen nehmen kann und ich finde, es ist ihr in einfühlsamer Weise gelungen, das mich etwas mit dem Tod versöhnt, mit dem wir alle irgendwann konfrontiert werden.

Ángela Pradelli wurde 1959 in Buenos Aires geboren. Sie schreibt Lyrik, Romane und Essays. Für „El lugar del padre“ wie der Roman im Original heisst, erhielt sie 2004 den Premio Clarín de Novela. Von Juni bis November 2012 war die Autorin Writer in Residence des Literaturhauses und der Stiftung PWG in Zürich.

Ángela Pradelli: Das Haus des Vaters
Erscheinungsjahr 2012
Rotpunktverlag
144 Seiten
ISBN 978-3-85869-512-3

Fast eine Liebe

Fast eine Liebe

Bei meinen Recherchen und meiner Suche nach Büchern von und über Annemarie Schwarzenbach stiess ich auf „Fast eine Liebe“ der Schweizer Autorin Alexandra Lavizzari. Ein Buch über die Begegnung von Annemarie Schwarzenbach mit Carson McCullers.

Annemarie Schwarzenbach kam 1908 als drittes Kind von fünf Kindern von Alfred Emil Schwarzenbach und Renée Schwarzenbach geb. Wille, in Zürich zur Welt. Ihr Vater war anfangs des 20. Jahrhunderts, dank seiner Seidenweberei, einer der reichsten Industriellen der Schweiz. Ihre Mutter stammte aus einer militärischen Familie, war ihr Vater doch General der Schweizer Armee.

Das Verhältnis zu den Eltern war zeitlebens angespannt. Der Vater war von den schriftstellerischen Ambitionen seiner Tochter nicht begeistert und noch weniger, als sie sich im Hause von Thomas Mann aufhielt. Im Gegenzug machte sich Annemarie nichts aus den Geschäften ihres Vaters, ja kritisierte ihn sogar öffentlich. Auch die Mutter stellte ihre Tochter ständig unter Druck und versuchte ihre lesbischen Neigungen zu unterbinden, da sie befürchtete, dass Annemarie der Familie Schande bringen könnte.

Annemarie war nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Journalistin und somit viel auf Reisen. Sie hielt es nie lange an einem Ort aus und fühlte sich am wohlsten, wenn sie in ihrem Haus in Sils, im Engadin, weilen konnte. Sie war es, die den Kontakt zu den Manns suchte und war schliesslich mit Klaus und Erika Mann befreundet. Erika, war ihre grosse Liebe, doch Erika hielt Annemarie diskret auf Distanz. Klaus hingegen, brachte sie mit Drogen in Kontakt. Mehr als eine Entziehungskur blieb erfolglos. Auch als sie mit ihrer Freundin Ella Maillart über den vorderen Orient bis nach Afghanistan reiste, war sie nicht geheilt. Ella Maillart trennte sich schliesslich in Afghanistan von Annemarie, da diese von den Drogen nicht los kam.

Inzwischen waren Klaus und Erika Mann nach New York gegangen. Annemarie reiste mit dem Schiff von Portugal nach New York und wollte die Freundschaft wieder auffrischen. Es war schliesslich Erika, die ihr 1940 eine junge amerikanische Schriftstellerin, namens Carson McCullers vorstellte. Die beiden Frauen verstanden sich gut, hatten sie doch gleiche Interessen, wie die Musik und die Literatur und Carson beneidete Annemarie um ihre Reisen, die sie alleine im Auto unternommen hatte. Sie war begeistert von ihrer neuen Bekanntschaft.

Carson McCullers, 1917 geboren und auf den Namen Lula Carson getauft, wurde von ihrer Mutter schon als Baby als Wunderkind bezeichnet und glaubte, dass ihre Tochter einst eine grosse Konzertpianistin werden würde, noch bevor, diese überhaupt jemals ein Klavier berührt hatte. Carson, wie sie sich, nach einem Aufenthalt bei Verwandten in Chicago, nannte, fühlte sich aber auch dem Wort nahe und fing schon früh an zu schreiben, nahm aber auch Klavierunterricht. Die Mutter unternahm alles, dass ihre Tochter an der Musikschule Juillard eine Ausbildung bekam. Mit siebzehn Jahren ging Carson alleine nach New York, aber irgendwie war ihr das ganze Geld, das ihr die Mutter mitgegeben hatte, gleich nach ihrer Ankunft, abhandengekommen. Carson glaubte nicht mehr an eine Musikkarriere, nachdem sie mit fünfzehn Jahren lange mit einem rheumatischen Fieber, das irrtümlicherweise als Lungenentzündung diagnostiziert wurde, krank im Bett lag und dadurch sehr geschwächt war.

Zum Zeitpunkt, als sich Annemarie und Carson zum ersten Mal begegneten, war Carson bereits mit Reeves McCullers verheiratet und hatte ihren ersten Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ veröffentlicht. Als Annemarie Carsons Mann kennenlernte, der ihr sehr sympathisch war, hielt sie sich gegenüber Carson erst recht zurück, ausserdem war sie damals in einem schlechten physischen und psychischen Zustand und viel zu sehr von ihrer damaligen Geliebten Margot von Opel vereinnahmt. Von Erika Mann wurde sie nach wie vor zurückgewiesen, was sie immer wieder in tiefste Depressionen stürzte.

Annemarie Schwarzenbach, die von Erika Mann ständig auf Distanz gehalten wurde, befand sich nun selbst in dieser Position, in der eine jüngere Frau zu ihr aufblickte, sie verehrte und ihre Nähe suchte.

Carsons Karriere wurde vorangetrieben, Annemarie hingegen wurde allmählich unruhig und wollte die USA verlassen. Sie fühlte sich nie wirklich wohl in Amerika und wollte reisen oder ins geliebte Engadin zurückkehren. Annemarie unternahm während ihrer Zeit in den USA zwei Selbstmordversuche. Im entscheidenden Moment waren ihre Freunde Klaus und Erika Mann nicht für sie da und hatten anderes zu tun. Carson, ihre amerikanische Freundin, obwohl selbst immer wieder krank, reiste zu ihr und war an ihrer Seite. Die Liebe der beiden Frauen bestand hauptsächlich in Briefform. Nach Aufenthalten in Afrika kehrte Annemarie in die Schweiz zurück in ihr Haus im Engadin, wo sie wieder an einem Roman arbeiten wollte. Bei einem Fahrradunfall stürzte die Autorin so tragisch, dass sie, nach fünf Wochen, an den Folgen des Unfalls starb. Annemarie Schwarzenbach war zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt.

Alexandra Lavizzari gibt einen grossartigen Einblick in das Leben dieser beiden Autorinnen und ihr schwieriges und tragisches Leben. Der Titel „Fast eine Liebe“ bringt ihre Beziehung zueinander mit diesen drei Worten auf den Punkt. Wäre Erika Mann nicht gewesen und Annemarie psychisch stark, wer weiss, wie sich die Freundschaft der beiden Frauen entwickelt hätte. Gerne habe ich die Romane von Carson McCullers gelesen, wusste allerdings über die Autorin eher wenig. Sie war keine einfache Frau und ging, nachdem sie erfolgreich wurde, vielen Leuten auf die Nerven. Nicht zuletzt auch durch den ständigen Alkoholkonsum, den sie in rauhen Mengen zu sich nahm. Obwohl sie mehrere Hirnschläge erlitt, einen bereits in jungen Jahren, schrieb sie vier Romane, Bühnenstücke, Novellen und etliche Erzählungen.

Nach der Lektüre bin ich auch neugierig auf das Werk von Annemarie Schwarzenbach, von der ich bisher nur wenig gelesen habe und von der es unzählige Reisereportagen, etliche Romane und Erzählungen gibt. Carson erinnerte sich an Annemarie, mit der sie sich seelenverwandt fühlte, mit folgenden Worten:“Ich weiss von keiner Freundin, die ich mehr geliebt habe.“

Die Werke dieser beiden Autorinnen werden einen Platz nebeneinander in meinem Regal erhalten – ungeachtet des Alphabets.

Alexandra Lavizzari, die Autorin dieses Buches, wurde in Basel geboren und hat Ethnologie und Islamwisschenschaften studiert. Ebenfalls in der edition ebersbach erschienen sind 2005 ihre biographischen Essays über das Leben berühmter Kindsmusen „Lulu, Lolita und Alice“. Wer noch mehr über die Autorin erfahren möchte, findet auf dem Blog „buzzaldrins Bücher“ eine lesenswerte Rezension zu ihrem Roman „Mädchen IV mit Leguan  und ein Interview mit der Autorin.

Alexandra Lavizzari: „Fast eine Liebe“
Verlag edition ebersbach
ISBN 978-938740-55-2

Der letzte Bruder

Nachdem ich literarisch vor kurzem auf einer Zuckerrohrplantage in Jamaica war, führt mich mein Weg nun auf die Insel Mauritius. Vielen ist das Eiland als Flitterwochenparadies bekannt, doch Mauritius hat eine bewegende Vergangenheit hinter sich. Dazu müssen wir aber das Zeitrad um beinahe siebzig Jahre zurückdrehen:

„Es heisst, man träume kurz vor dem Tod sonderbare Dinge. Meine Mutter träumte lange Zeit, dass mein Vater ihr in seinem braunen Anzug erschien, fertig, um zur Arbeit zu gehen, und dass er zu ihr sagte, komm mit, ich brauche dich […] David hingegen sagte nichts, er stand still da und sah mich an, zwischen Schatten und Licht. […] Plötzlich hatte ich genug vom Warten, streckte die Hand nach ihm aus, und schon war es Morgen, mein Zimmer war leer, das Licht gleissend, David verschwunden, der Traum zerronnen, meine Hand erhoben, unter dem Betttuch hervor, taub und eisig, mein Gesicht tränenüberströmt.“

Der Ich-Erzähler Raj ruft nach diesem Traum seinen Sohn an und bittet ihn, ihn nach Saint-Martin zu fahren. Sorgsam gekleidet wartet er zu Hause, bis er abgeholt wird. In Saint-Martin tritt er durch die Pforten des Friedhofs, wo er einen Grabstein sucht – den Grabstein von David. All die Jahre wollte er immer hierher kommen und hat es trotzdem nie geschafft – nicht gekonnt. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen des inzwischen siebzigjährigen Mannes.

Zusammen mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern Anil und Vinod lebt der achtjährige Raj am Rande des Zuckerrohrfeldes, in einem Ort namens Mapou, den man nur „das Camp“ nennt. Die Behausungen sind weniger Häuser, denn elende Hütten aus Stroh und Lehm. Die Familie hat unter der Gewalttätigkeit des Vaters zu leiden.

„Der Abend brach schnell herein, die Männer kamen vom Feld, und nun begann ein anderes Leben für uns und unsere arme Mutter, ein Leben voller Geschrei, Alkoholdunst und Tränen.“

Die Mutter und die drei Kinder bekommen die Fäuste und Bambusrute regelmässig zu spüren. Vielleicht gerade deshalb hängen die Brüder wie Pech und Schwefel aneinander. Als ausgerechnet der kleine Raj, der oft kränkelt und eher schwächlich ist, als einziger die Schule besuchen soll, ist das für ihn völlig unverständlich. Ungern trennt er sich von seinen geliebten Brüdern, die ihn auf seinem Weg begleiten und nach der Schule wieder abholen.

Bei einem Unwetter, in das die drei geraten und vor dem sie zu flüchten versuchen, verliert Raj seine Brüder aus den Augen, sie sind wie von Geisterhand verschwunden.  Tage später findet man den zerquetschten Körper des jüngeren Bruders zwischen den Felsen im Fluss, an dem die Jungen sich gerne aufgehalten haben. Der ältere bleibt verschollen, einzig seine Rute, die er immer bei sich trug, wird gefunden. Warum hat ausgerechnet er, Raj, das Unglück überlebt? Eine Welt bricht für den Jungen zusammen.

Über dieses schreckliche Ereignis verliert zu Hause keiner ein Wort. Die dezimierte Familie verlässt nach diesem traumatischen Erlebnis das Camp und zieht in ein kleines Haus am Waldrand von Beau Bassin, wo der Vater die Stelle eines Gefängniswärters antritt. Die Trauer über den Verlust der Söhne bzw. der Brüder werden Mutter und Sohn ihr ganzes Leben begleiten.

„Man sagt, jemand ist Waise, Witwer oder Witwe, aber wenn man an einem einzigen Tag zwei Söhne verloren hat, an einem einzigen Tag zwei geliebte Brüder, was ist man dann? Welches Wort benennt, was man dann ist? Dieses Wort hätte uns geholfen, wir hätten genau gewusst woran wir litten, wenn die unerklärlichen Tränen kamen und wenn, Jahre später, ein Duft, eine Farbe, ein Geschmack im Mund genügten, um uns wieder traurig werden zu lassen.“

In der neuen Schule hält sich der Junge von den Kameraden fern. Alleine zieht er durch die Gegend, klettert auf Bäume und schmiegt sich in die Äste. Er führt Selbstgespräche und rollt sich in Erdlöchern zusammen wie ein schutzbedürftiges Tier.

„Draussen gab es zu viel Neues für mich allein, und ich hätte das Zuviel dieses blauen, stillen Himmels gern geteilt, die Masslosigkeit dieses unendlichen, kräftig-grünen Waldes und vor allem dieses Schweigen, das sich dehnte, sich dehnte wie das Meer und überall einnistete, im Haus, hinter meinem Vater, rings um meine Mutter, morgens, abends, ein zähes Schweigen, an dem sich meine reduzierte Familie von nun an festhielt.“

Für Mutter und Sohn hat sich wenig geändert. Sie verhalten sich möglichst unauffällig, wenn der Vater nach Hause kommt, denn nun entlädt sich der ganze Zorn dieses Mannes nur noch auf ihnen beiden. Zwei Tage ohne Prügel bedeuten eine Verschnaufpause für die malträtierten Körper. Auch wenn die Mutter selbst übel zugerichtet wird, macht sie sich auf, um für ihren einzigen Sohn Kräuter und Wurzeln zu Salben, Tinkturen und Tees zu verarbeiten, um ihn gesund zu pflegen. Der misshandelte Junge kann sich manchmal tagelang nicht mehr aus dem Bett erheben.

In den Sommerferien bringt Raj seinem Vater regelmässig das Mittagessen ans Gefängnistor. Aus einem sicheren Versteck beobachtet er das Geschehen auf dem Hof, als ihm ein magerer Junge mit blonden Locken auffällt. Ihre Augen begegnen sich für einen kurzen Moment und nun sucht Raj den Gefängnishof jeden Tag nach diesem Jungen ab, der jedoch nicht zurückkehrt. Was hat dieser Junge mit  Gaunern, Dieben und Halunken zu tun, von denen sein Vater ihm erzählt hat, die hier eingesperrt seien?

Raj begeht den fatalen Fehler, eines Abends auf seinen Vater einzureden. Der Junge wird einmal mehr so fürchterlich zugerichtet, dass er diesmal ins Gefängnisspital gebracht werden muss. Hier trifft er diesen Jungen wieder und sie versuchen sich zu verständigen, denn der Junge spricht in einer ihm fremden Sprache. Raj erfährt, dass sein neuer Kamerad David heisst und aus einer Stadt namens Prag kommt. Als es Raj besser geht, machen die beiden nachts heimliche Ausflüge ins Freie und spielen Flugzeug. Nach der Rückkehr ins Elternhaus, sieht er seinen neuen Freund wochenlang nicht mehr und hält vergeblich Ausschau nach ihm.

Im Sommer fegen oft heftige Wirbelstürme über die Insel. Auch im Jahre 1945 verwüstet ein Zyklon weite Teile des Landes. Während das Haus der Familie dem Sturm standhält, ist der Wald nicht mehr wiederzuerkennen. Für Raj gestaltet sich der Weg zu einem mühsamen Hindernisparcours. Auch der Gefängnishof, in dem einst farbenprächtige Bougainvilleas geblüht haben und ein mächtiger Mangobaum stand, ist verwüstet. Erst jetzt offenbart sich die ganze Hässlichkeit dieses Ortes. Die abgemagerten Insassen veranstalten einen Höllenkrach und entwickeln trotz ihrer Schwäche eine gemeinsame Stärke. Die Polizisten haben alle Hände voll zu tun, um den Tumult im Zaum zu halten. Diese Gelegenheit nutzt David zum Entkommen. Zusammen mit der Mutter, die seit dem Tod ihrer Söhne erstmals wieder lachen kann, verbringen die beiden Freunde einen Moment der Unbekümmertheit, nichts ahnend, dass sie nur von kurzer Dauer sein wird.

In dieses Buch habe ich mich von der ersten Seite an verliebt. Es strahlt, trotz dem Thema von Brutalität, Armut und Krieg eine unglaubliche Wärme aus, die mich wie zwei Arme umfangen hat und zu tiefst berührt hat. Die Autorin vermittelt Rajs Freundschaft zu David mit sehr eindringlichen Worten. Und es gibt so viele Stellen im Roman, die sich in mein Gedächtnis einbrennen wollten, wie auch dieses Zitat:

„Manchmal sprach er sehr schnell, und heute begreife ich, dass er in seiner Sprache, dem Jiddischen, Halt suchte, denn sie war alles, was ihm geblieben war.“

Der Liebe und Güte der Mutter des Ich-Erzählers ist es zu verdanken, dass er auf seinem Weg ins Erwachsenenalter nicht gestrauchelt ist. Trotz der von Misshandlung und Verlust überschatteten Kindheit war er fähig, seine Liebe einer Frau und einem Sohn zu schenken.

Erst durch die Autorin Nathacha Appanah, die 1973 auf der Insel Mauritius geboren wurde und heute in Frankreich lebt, habe ich von dieser Gruppe jüdischer Flüchtlinge erfahren, die während des 2. Weltkrieges durch die Briten auf der Insel interniert wurde. Der Ich-Erzähler, der damals ein Kind war, lebte abgeschottet vom Rest der Welt und weitab von den Wirren des Krieges. Er hatte somit keine Ahnung, wie anderswo die Zerstörung und Vernichtung tobte. In der Schule wird er sogar ausgelacht, als er sich beim Lehrer nach den Juden auf der Insel erkundigt. Dieses Wissen hat der Leser dem Kind voraus, er erahnt bald, worum es sich bei David und den anderen Gefängnisinsassen handelt.

Nathacha Appanah ist auf historischem Hintergrund eine fiktive Geschichte über Freundschaft gelungen, die sich über Hürden wie Herkunft und Religion hinwegsetzt. Mit einer leisen und doch eindringlichen Stimme, voller Melancholie, hat mich der Ich-Erzähler bei der Hand genommen und auf eine Gefühlsreise mitgenommen, die mit mir Achterbahn gefahren ist. Am Ende habe ich mit Wehmut und einem Seufzer den Deckel dieses literarischen Schatzes zugeklappt. Für mich persönlich ist es bis jetzt die schönste Lektüre, die ich in diesem Jahr entdecken durfte.

Nathacha Appanah „Der letzte Bruder“
erschienen im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20583-6

In einem Artikel auf Spiegel online kann mann über die internierten Juden auf Mauritius, während des 2. Weltkrieges mehr erfahren.

Morgen bist du noch da

Ich hab‘s geschafft. Am Montag abend konnte ich das Buch „Morgen bist du noch da“ von Mila Lippke nicht mehr aus den Händen legen. Es hat mich richtiggehend mitgerissen.

Lio, 42 Jahre alt, Künstlerin, lebt in Berlin. Vor mehr als zwanzig Jahren hat sie Köln verlassen, vor ihrem damaligen Freund ist sie davongelaufen und auch vor ihrer Mutter. Zur Mutter hatte sie immer ein zwiespältiges Verhältnis, trotzdem lädt sie sie zu ihrer Vernissage in eine Galerie nach Berlin ein. Hier geht sie auf Frontalangriff und stellt der alten Frau die Frage, wer denn nun ihr Erzeuger sei. Ihre Mutter ist dieser Frage immer ausgewichen. Auch dieses Mal erhält ihre Tochter keine Antwort. Doch für Lio ist es fundamental, endlich zu erfahren, wer sie ist, ist sie doch ungewollt schwanger von ihrem verheirateten Freund.

Ausgerechnet jetzt erleidet Lios Mutter einen Schlaganfall. Lio reist nach Köln, kehrt in die Wohnung ihrer Kindertage zurück, um ein paar Sachen für ihre Mutter einzupacken und begibt sich gleichzeitig auf die Spurensuche nach den Wurzeln ihrer Familie, vor allem die ihrer Mutter. Sie hofft Hinweise zu entdecken, wer ihr Vater sein könnte.

Was sie hier und an anderen Orten recherchiert oder sich erhofft zu finden, ist wie ein kompliziertes Puzzle, das es gilt Stück für Stück zusammenzuzusetzen. Durch das Lesen von Briefen und Dokumenten, die Lios Mutter aufgehoben hat, lernt sie diese Frau auf eine andere Art kennen und betrachtet sie aus einem völlig neuen Blickwinkel. Wie gerne würde sie mit jemandem über ihre Entdeckungen sprechen, doch ihr Leben ist zurzeit völlig aus den Fugen geraten. Wegen ihrer Schwangerschaft hat sie sich auch mit ihrer besten Freundin überworfen und es ist fraglich, ob die Freundschaft noch zu kitten ist.

Lio durchlebt eine schwierige Zeit, voller Emotionen, mit allen Farben und Schattierungen: Wut, Traurigkeit, Freude, Einsamkeit, Zweifel, die ganze Palette eines Malers breitet sich vor ihr aus.

Mila Lippke habe ich durch den Blog der Seitenspinnerinnen kennengelernt, wo sie ihr Projekt lancierte: die Idee, ihren neusten Roman während einem Jahr auf die Reise zu den Lesern zu schicken. Ich bin ihr unendlich dankbar dafür. Ich habe ihr Baby gelesen, ein Buch, dem ich in einer Buchhandlung vielleicht wenig Beachtung geschenkt hätte. Das Cover mit den beiden Blumen in den Flaschen verbreitet eher Fröhlichkeit und scheint mir so gar nicht zum Inhalt zu passen. Ist der Roman anfangs noch leicht und lässig zu lesen, wird die Geschichte, durch die eingefügten Kapitel, die sich mit dem Leben der Mutter befassen, immer ernster und tiefgründiger. Zeitweise erging es mir wie der Protagonistin, ich war manchmal sehr aufgewühlt, angespannt, traurig, aufgeregt, nachdenklich oder auch empört. Die Autorin hat über eine Mutter-Tochter Beziehung geschrieben, die so nicht alltäglich ist, ich habe mich zuerst auf eine falsche Fährte führen lassen. Durch die Lektüre begann ich mir automatisch Gedanken über das Verhältnis zu meiner eigenen Mutter zu machen, das Gott sei Dank gut ist. Ich fände es schrecklich, wenn man die Chance verpassen würde, miteinander offen und ehrlich reden zu können. Nur allzu schnell ist dieser Moment für immer vorbei.

Ich danke Mila ganz herzlich, dass ich an ihrem Projekt dabei sein durfte und mit einer Träne im Auge werde ich ihr Buch demnächst wieder auf die Reise schicken und hoffe, dass es die nächste Leserin oder der nächste Leser ebenso sehr schätzen lernt wie ich. Es hat mir bewegte Momente geschenkt.

Silbermann

Manchmal lohnt es sich, in Verlagsprogrammen zu stöbern. Rein zufällig bin ich auf den Lilienfeld Verlag, Düsseldorf, gestossen, der es sich in der Reihe „Lilienfeldiana“ zur Aufgabe gemacht hat, „seltene literarische Entdeckungen“ (Zitat) in schöner Ausführung, zu präsentieren. Dadurch habe ich den Roman „Silbermann“ von Jacques de Lacretelle, aus dem Jahre 1922 entdeckt. Jacques de Lacretelle ist im deutschsprachigen kaum bekannt und er ist eine Entdeckung wert.

Worum geht es?

Wir befinden uns im Paris, der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Ich-Erzähler geht in die 3. Klasse des Lycée. Ein neuer Schüler kommt nach den langen Sommerferien in die Klasse, David Silbermann. Er hat eine Klasse übersprungen. Er ist so sehr von sich überzeugt, dass er den Schülern, die glauben, er sei bei ihnen bald wieder weg, eine Wette anbietet. Er behauptet, dass er bis Weihnachten mindestens in zwei Fächern Klassenerster sein werde.

Der Ich-Erzähler, er hat keinen Namen, ist von Silbermann fasziniert und beobachtet ihn heimlich während des Unterrichts. David ist so ganz anders als er. Eines Tages trifft er ihn rein zufällig auf der Strasse. Silbermann ist fast schon erstaunt, als ihn sein Klassenkamerad grüsst. Als er ihm später erklärt, warum er sich eher zurückhält, wird klar weshalb: „Weil ich Jude bin“.

Sein Kamerad schwört ihm, dass dies keine Bedeutung für ihn hat. Er schreibt ihm einen Brief und versichert ihm seine Freundschaft. So kommt es, dass die beiden Jungen immer mehr Zeit miteinander verbringen. Silbermann stellt ihn auch den Eltern vor, die sehr offen und herzlich auf Davids Freund zugehen. Das Haus der Silbermanns ist so ganz anders. Voll von wertvollen Möbeln und Antiquitäten. David, ein grosser Freund der Literatur und des Theaters ist sofort bereit, seinem neuen Freund alle Bücher auszuleihen, die dieser wünscht. Er erklärt ihm sehr viel und rezitiert aus französischen Klassikern wie Hugo, Chateaubriand, Racine und vielen mehr. Er bringt ihm eine Welt der Bücher näher, wie sie sein Freund vorher nicht gekannt hat.

In der Schule nehmen die Hänseleien gegenüber Silbermann zu. Auch der bisher beste Freund des Ich-Erzähler, Philippe Robin, macht mit und stellt seinen Freund vor die Wahl: „Entweder ich oder er.“

Die Entscheidung fällt für Silbermann aus. Die beiden Schüler werden unzertrennlich. Oft muss der Freund hilflos zusehen, wie Silbermann in der Pause oder nach der Schule verprügelt wird. Juden sind nicht erwünscht, das wird den Jungen aus dem Umfeld einiger Eltern eingetrichtert. Somit müssen sich Silbermann und sein Freund selber genügen und isolieren sich immer mehr von den Anderen.

Als schliesslich Silbermanns Vater, ein Antiquitätenhändler, in krumme Geschäfte verwickelt zu sein scheint und sogar eine Anzeige beim Staatsanwalt eingeht, spitzt sich die Lage zu. Silbermann ist verzweifelt und bittet seinen Freund, dass dieser mit seinem Vater, der Untersuchungsrichter ist, spricht und ihm klarmachen soll, dass Herr Silbermann unschuldig ist. Ausgerechnet, der Vater will von allem nichts wissen, darf nichts wissen, denn er ist der leitende Untersuchungsrichter im Fall Silbermann.

Der Umgang zu David Silbermann wird dem Ich-Erzähler von seinen Eltern untersagt.

Schliesslich geht Silbermann von der Schule ab, Briefe beantwortet er nicht. So stellt sich sein Freund vors Haus, bis er David nochmals sehen kann. Dieser berichtet ihm, dass er nach Amerika zu seinem Onkel fahren und nie mehr zurückkehren wird. Er redet sich in Rage und hält einen Vortrag über die Juden, die Vorurteile gegenüber seinem Volk und erklärt seinem Freund, dass sie eigentlich allen überlegen seien. Sein Freund bleibt sprach- und ratlos zurück.

Jacques de Lacretelle hat einen Roman geschrieben, der in Frankreich oft als Schullektüre verwendet wird. Die Geschichte ist ein Plädoyer gegen den Antisemitismus und guter Anschauungsunterricht, wie grausam Mitschüler mit ihren Kameraden umgehen können. Die Sprache ist sehr klassisch und schön zu lesen. David Silbermann macht es dem Leser nicht einfach, ihn zu mögen. Denn er zeigt sich gegenüber nicht ganz so intelligenten Schülern, wie er es ist, sehr hochnäsig. So verspielt er auch deren Sympathie und sie schlagen sich auf die Seite der Mobber. Auch seinem Freund fällt auf, dass eines seiner Lieblingsworte „Intelligenz“ ist. Auch er gehört eher zu den mittelguten Schülern. Er steht jedoch bedingungslos zu Silbermann. Aber als dieser nicht mehr da ist, hat es keinen Sinn mehr, sich auszugrenzen und er muss sich wieder an jene Kameraden halten, die noch da sind. Irgendwann ist Silbermann sowieso vergessen und kein Gesprächsthema mehr. Das Leben geht wieder seinen gewohnten Lauf, jedoch hat der Ich-Erzähler in der Zeit mit David Silbermann viel gelernt, nicht nur über die Juden, das Anderssein, die Literatur, sondern auch über seine Eltern, Charakter und Moral und vor allem Toleranz.

Das Labyrinth der Wörter

Germain, ist nicht gerade das, was man gebildet nennen kann. Er lebt im Wohnwagen, im Garten seiner Mutter, von der er keine allzu hohe Meinung hat, pflanzt Gemüse und lebt von Gelegenheitsjobs. Im Park zählt er die Tauben, denen er Namen gegeben hat und lernt dort die kleine, 86-Jährige Margueritte, kennen. Sie führen Gespräche über die Tauben und eines Tages anerbietet sich die alte Dame, Germain Auszüge aus Albert Camus‘ „Die Pest“ vorzulesen. Germain hat es nicht so mit dem Lesen, in der Schule ist er immer nur so mitgehangen. Und über Margueritte meint er „…. sie ist eben auf der Seite der Bücher geboren, für sie ist das Geschriebene ganz natürlich“.

Die beiden, so unterschiedlichen Menschen freunden sich an und durch die Bücher, die Margueritte mitbringt und vorliest, eröffnet sich Germain eine ganz neue Welt. Er beginnt das Leben aus einer anderen Sicht zu betrachten und nachzudenken.
Seine Freunde, die er in der Bar trifft, sind über seine Veränderung höchst erstaunt. Er spricht manchmal von Dingen, die sie selber nicht verstehen. All das Neue lernt Germain von seiner „Oma“, die er gerne adoptiert hätte und durch das Nachschlagen im Wörterbuch, das er ebenfalls von Margueritte geschenkt bekommen hat.

Als Margueritte ihm eines Tages eröffnet, dass sie ihm nicht mehr lange vorlesen könne, leiht Germain sein erstes Buch in der Bibliothek aus uns versucht es selber mit dem Lesen.

Ist die Sprache des Ich-Erzählers auch derb „Die Leute finden mich etwas grob, ich weiss“, sagt er von sich selbst, das Buch ist voller Charme und Wärme, es stimmt nachdenklich, bringt einem auch zum Lachen und manchmal beinahe zum Weinen. Eine wunderbare Geschichte über Freundschaft und das Lesen.

Germain, ist nicht gerade das, was man gebildet nennen kann. Er lebt im Wohnwagen, im Garten seiner Mutter, von der er keine allzu hohe Meinung hat, pflanzt Gemüse und lebt von Gelegenheitsjobs. Im Park zählt er die Tauben, denen er Namen gegeben hat und lernt dort die kleine, 86-Jährige Margueritte, kennen. Sie führen Gespräche über die Tauben und eines Tages anerbietet sich die alte Dame, Germain Auszüge aus Albert Camus‘ „Die Pest“ vorzulesen. Germain hat es nicht so mit dem Lesen, in der Schule ist er immer nur so mitgehangen. Und über Margueritte meint er „…. sie ist eben auf der Seite der Bücher geboren, für sie ist das Geschriebene ganz natürlich“. Die beiden, so unterschiedlichen Menschen freunden sich an und durch die Bücher, die Margueritte mitbringt und vorliest, eröffnet sich Germain eine ganz neue Welt. Er beginnt das Leben aus einer anderen Sicht zu betrachten und nachzudenken.
Seine Freunde, die er in der Bar trifft, sind über seine Veränderung höchst erstaunt. Er spricht manchmal von Dingen, die sie selber nicht verstehen. All das Neue lernt Germain von seiner „Oma“, die er gerne adoptiert hätte und durch das Nachschlagen im Wörterbuch, das er ebenfalls von Margueritte geschenkt bekommen hat.

Als Margueritte ihm eines Tages eröffnet, dass sie ihm nicht mehr lange vorlesen könne, leiht Germain sein erstes Buch in der Bibliothek aus uns versucht es selber mit dem Lesen.

Ist Germain’s Sprache auch derb „Die Leute finden mich etwas grob, ich weiss“, sagt er von sich selbst, das Buch ist voller Charme und Wärme, es stimmt nachdenklich, bringt einem auch zum Lachen und manchmal beinahe zum Weinen. Eine wunderbare Geschichte über Freundschaft und das Lesen.