Weihnachtsgrüsse

Draussen sieht es eher aus, als würden nächstens die Tulpen ihre Spitzen zeigen. Wir sind, zumindest in unseren Breitengraden, weit entfernt von White Christmas und Leise rieselt der Schnee. Wie oft habe ich mich schon geweigert, dieses Lied am Weihnachtsabend zu singen – genau, mangels Schnee.

Vor drei Wochen hätten wir das Weihnachtsfest feiern sollen, da war die Stimmung angemessen. Deshalb setze ich eines dieser weihnachtlichen Bilder hierhin und tue so, als ob…

Einen Tannenbaum gibt es nicht in unserem Wohnzimmer, ausser viele Kerzen, Teelichter und natürlich ein Weihnachtsgesteck. Die so reich geschmückten Bäumchen müssen nach einigen Tagen bereits wieder als dürre Bäumchen rausgebracht werden, sonst drohen unter Umständen unvergessliche Weihnachten. Christian Morgenstern hat es in seinem „Weihnachtsbäumlein“ auf den Punkt gebracht:

Tannenbäume

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:

Das war am Weihnachtsfest so grün,
als fing es eben an zu blühn.

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
die grünen Nadeln warn verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.

Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm –
Hei! Tat‘s da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

Ich wünsche allen ein frohes Weihnachtsfest!

Herbstlied

Herbst_1

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

(Friedrich Hebbel, 1813 – 1863, deutscher Dramatiker und Lyriker)

Der letzte Baum

Kiefer

So wie die Sonne untergeht,
Gibt’s einen letzten Baum,
Der, wie in Morgenflammen, steht
Am fernsten Himmelssaum.

Es ist ein Baum und weiter nichts
Doch denkt man in der Nacht
Des letzten wunderbaren Lichts,
So wird auch sein gedacht.

Auf gleiche Weise denk ich dein,
Nun mich die Jugend läßt,
Du hältst mir ihren letzten Schein
Für alle Zeiten fest.

Friedrich Hebbel (1813 – 1863, deutscher Dramatiker und Lyriker)

Sommerabend

Schweizer Flagge

Heute begehen wir unseren Nationalfeiertag und gemäss Wetterprognosen wird es ein heisser Sommertag. In diesem Zusammenhang möchte ich keine Rede schwingen, sondern lasse einen Dichter zu Worte kommen, der einige Jahre in der Schweiz gelebt hat und dessen Gedicht zum heutigen Abend passen wird:

Die große Sonne ist versprüht,
der Sommerabend liegt im Fieber,
und seine heiße Wange glüht.
Jach seufzt er auf: „Ich möchte lieber …“
Und wieder dann: „Ich bin so müd …“

Die Büsche beten Litanein,
Glühwürmchen hangt, das regungslose,
dort wie ein ewiges Licht hinein;
und eine kliene weiße Rose
trägt einen roten Heiligenschein.

Rainer Maria Rilke (*4. 12.1875 in Prag; † 29.12.1926, in Montreux)

Sommeranfang

 

Astronomisch beginnt heute der Sommer, den möchte ich hier mit einem Gedicht würdigen und ich hoffe, er bleibt uns jetzt eine Weile erhalten:Mohn

Sommermorgen

Es stürzt in ungestümer Lust
Herab aus dunkler Felsenbrust
Der Gießbach mit Getose,
Und blühend Leben weckt sein Hauch
Im stolzen Baum, im niedren Strauch,
In jedem zarten Moose.

Und drüben wo die Wiese liegt,
Im Blütenschmuck, da schwirrt und fliegt
Der Mücken Schwarm und Immen.
Wie sich’s im hohen Grase regt
Und froh geschäftig sich bewegt,
Und summt mit feinen Stimmen.

Es steigt die junge Lerche frei
Empor gleich einem Jubelschrei
Im Wirbel ihrer Lieder.
Im nahen Holz der Kuckuck ruft,
Die Amsel segelt durch die Luft
Auf goldenem Gefieder.

O Welt voll Glanz und Sonnenschein,
O rastlos Werden, holdes Sein,
O höchsten Reichtums Fülle!
Und dennoch, ach – vergänglich nur
Und todgeweiht, und die Natur
Ist Schmerz in Schönheitshülle.

Marie von Ebner-Eschenbach (österreichische Schriftstellerin, 1830 – 1916)