Herbstwind

Durch fahlbelaubte Bäume
mit müdem Ton der Herbstwind singt;
die sehnsuchtsbange Weise klingt
Des Nachts in meine Träume.

Ach, alle Blumendüfte,
das Farbenspiel der Rosenzeit,
die ganze Sonnenseligkeit
Zerstoben in die Lüfte!

Verstummt ist Scherz und Kosen.

Die mir geblüht in tiefster Brust,
das alte Leid, die alte Lust
sie starben mit den Rosen!

Nun will kein Stern mehr scheinen.
Der Himmel trüb und wolkenschwer,
das Haupt so müd‘ das Auge leer …
Ich hab verlernt das Weinen!

Und wenn die Sehnsuchtslieder
der Nachtwind auf den Fluren singt,
in meinem Herzen hallt und klingt
sein traumhaft Rauschen wider.

Clara Müller-Jahnke, deutsche Dichterin (05.02.1860 – 04.11.1905)

Wolkengruss

Die Wolken öffnen weit ein Tor,
und blaues Licht quillt hell hervor.

Ringsum erglänzt ein Strahlenrand,
verschlungen wie ein goldnes Band.

Wir sind des Lebens Schatten klein
vor diesem wunderbaren Schein!

Ein jeder Kummer von uns weicht:
Wir fühlen uns erlöst und leicht.

Margrit Oberholzer-Klöti (aus „Spuren“)

Hermann Hesse

Heute wäre Hermann Hesse 135 Jahre alt geworden und am 9. August 2012 jährt sich sein Todestag zum 50. Mal. Wer hat nicht irgendwann „Siddharta“ oder „Der Steppenwolf“ gelesen oder vielleicht eines seiner Gedichte? Und als Maler kennen ihn die einen vielleicht weniger. Ich habe über eine Ausstellung in Bern berichtet.

(Geboren 2. Juli 1877 in Calw, Deutschland, gestorben 9. August 1962 in Montagnola, Schweiz)

Foto © lesewelle

Wie eine Welle

Wie eine Welle, die vom Schaum gekränzt
Aus blauer Flut sich voll Verlangen reckt
Und müd und schön im großen Meer verglänzt –

Wie eine Wolke, die im leisen Wind
Hinsegelnd aller Pilger Sehnsucht weckt
Und blaß und silbern in den Tag verrinnt –

Und wie ein Lied am heißen Staßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichen Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –

So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit.

(1901)

Die Mühle

Foto © lesewelle

Die Mühle

O Mühle dort im Blumenthal,
So gerne wandl‘ ich noch einmal
Wo eine Mühl‘ in Wiesen steht
Und rasch ihr Rad am Bache dreht.

Denkt mir vielleicht der alte Sinn
An Goethe’s schöne Müllerin?
Ich weiß es nicht; was ist es Wohl?
Ein Mühlrad klingt mir niemals hohl.

Karl Meyer (1857)