Hermann Hesse

Heute wäre Hermann Hesse 135 Jahre alt geworden und am 9. August 2012 jährt sich sein Todestag zum 50. Mal. Wer hat nicht irgendwann „Siddharta“ oder „Der Steppenwolf“ gelesen oder vielleicht eines seiner Gedichte? Und als Maler kennen ihn die einen vielleicht weniger. Ich habe über eine Ausstellung in Bern berichtet.

(Geboren 2. Juli 1877 in Calw, Deutschland, gestorben 9. August 1962 in Montagnola, Schweiz)

Foto © lesewelle

Wie eine Welle

Wie eine Welle, die vom Schaum gekränzt
Aus blauer Flut sich voll Verlangen reckt
Und müd und schön im großen Meer verglänzt –

Wie eine Wolke, die im leisen Wind
Hinsegelnd aller Pilger Sehnsucht weckt
Und blaß und silbern in den Tag verrinnt –

Und wie ein Lied am heißen Staßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichen Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –

So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit.

(1901)

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„Die Heimkehr“, eine Literaturverfilmung

Am Samstag stieg ich (schon wieder) in die Katakomben des Antiquariats. Ich war auf der Suche nach Büchern von Hermann Hesse. Die Gesamtausgabe seines Werks hätte ich erstehen können, mit über 14’000 Seiten. Auch die Jubiläumsausgabe zum 100. Geburtstag des Autors, aus dem Suhrkamp-Verlag, war vorhanden. Ich habe mich für Erzählungen, eine Jubiläumsausgabe mit den Romanen „Gertrud“ und „Rosshalde“, ein Taschenbuch „Bäume“ Betrachtungen und Gedichte, und für „Der Lateinschüler“ und „Der Blütenzweig“ entschieden. Im „Lateinschüler“ lag eine Bleistiftzeichnung mit dem Selbstporträt Hesses, aus dem Jahre 1954 (nein, kein Original, ein Druck!).

Die Verfilmung der Erzählung „Die Heimkehr“ hatte ich mir letzte Woche, auf ARD, angesehen und wollte wissen, wie das nun mit der Nähe zur Erzählung aussieht. Es ist ja so eine Sache mit Literaturverfilmungen. Ich denke da bsp.weise an John Steinbecks „Jenseits von Eden“ mit James Dean in der Hauptrolle. Ich erkannte im Film das letzte Drittel des Romans wieder, der Rest blieb auf der Strecke. Als ich vor einigen Jahren „Herr Lehmann“ von Sven Regener gelesen hatte, habe ich viel gelacht, tat mir die Verfilmung dann gar nicht erst an, denn ich wollte mir die Phantasie, die ich beim Lesen entwickelt hatte, bewahren. Romane von Charles Dickens oder Jane Austen wurden x-mal verfilmt (ob gut oder schlecht weiss derjenige, der die Romane gelesen und die Filme gesehen hat). Diese Schriftsteller konnten sich auch gar nicht gegen eine Verfilmung ihrer Werke wehren, wie es Hermann Hesse, Zeit seines Lebens, getan hat. Durchaus verständlich, wenn man nun die Erzählung einmal mit dem Film vergleicht. Wer weiss, ob er nicht entsetzt wäre, weil Vieles neu hinzugefügt wurde.

Aus dem Heimkehrer August Schlotterbeck, in seine Geburtsstadt Gerbersau, wurde im Film August Staudenmeyer. Den Jugendfreund Mohrle, dem er schon bald im Gasthaus begegnet, existiert im Buch überhaupt nicht. Der verstorbene Ehemann der Witwe Entriss war in Tat und Wahrheit nicht Fabrikant, sondern Gerichtsvollzieher. Die Schwägerin der Witwe  kommt ebenfalls nicht im Feuer um, sondern wird tatsächlich in eine Anstalt überführt. Über die Witwe wurde auch in der Erzählung Schlechtes nachgesagt, aber nicht, dass sie eine Hure sei, und die eifersüchtige Ehefrau des Bürgermeisters, der der Witwe nachstellt, kommt ebenfalls nicht vor. August Schlotterbeck wohnt in einem Häuschen neben der Witwe und hat freie Bahn, was das Werben um Frau Entriss betrifft, denn da ist kein „Mohrle“, der ebenfalls an der Frau interessiert wäre.

Hätte ich „Die Heimkehr“ gelesen, bevor ich mir den Film angeschaut hätte, wäre ich doch sehr erstaunt gewesen, was aus dieser Geschichte geworden ist. Der Regisseur Jo Baier hat mit vollen Händen aus seiner Phantasie geschöpft. Er hat dies sicher getan, damit der Fernsehfilm neunzig Minuten lang werden konnte und durch die neuen Personen und eine abgeänderte Handlung Spannung erzeugt wurde. Hätte sich Baier exakt an die Erzählung gehalten, viele Zuschauer hätten vielleicht weggezappt. Der Film vermittelt nicht dasselbe wie die Erzählung.

Ja, so ist das mit Verfilmungen von Romanen und Erzählungen, entweder man wird vom Film oder vom Buch enttäuscht. Deshalb mute ich mir in den meisten Fällen die Verfilmung einer Literaturvorlage nicht zu, wenn ich das Buch bereits gelesen habe, denn mein Kopf hat beim Lesen einen ganz anderen Film gedreht. In den meisten Fällen würde ich sicher enttäuscht. Einen guten Artikel zu einer erneuten Literaturverfilmung, „Am Hang“ von Markus Werner, hat vor einigen Tagen die NZZ gedruckt und ist auch online nachzulesen.

Wie seht ihr das? Schaut ihr euch Literaturverfilmungen an oder lest ihr, nachdem ihr eine Verfilmung gesehen habt, auch das Buch? Kennt jemand diese Erzählung ebenfalls und was ist eure Meinung dazu?

Hermann Hesse-Special

Gestern Abend lief auf ARD der Fernsehfilm „Die Heimkehr“ nach einer Erzählung von Hermann Hesse. In den Hauptrollen waren August Zirner, Heike Makatsch, Oliver Stokowski und Herbert Knaup zu sehen. Den Film liess ich mir nicht entgehen und ich habe es nicht bereut. Rund um die Dreharbeiten findet man bsp.weise in der „Rems-Zeitung“ noch mehr Informationen:

http://remszeitung.de/2011/8/12/rund-eine-woche-wurden-in-schwaebisch-gmuend-entscheidende-szenen-fuer-den-film-die-heimkehr-gedreht/

http://remszeitung.de/2011/8/12/die-verfilmung-von-hermann-hesses-erzaehlung-die-heimkehr-in-schwaebisch-gmuend-greift-aktuelle-themen-auf/

Beim SWR „Hesse entdecken“ kann man sich den Film in der Mediathek anschauen, in einem Buchtest erfahren, welches Buch von Hesse zu einem passt (bei mir hat das Resultat tatsächlich „Die Heimkehr“ ergeben), Interviews mit dem Regisseur Jo Baier und den Hauptdarstellern ansehen, zu einem Wort Zitate von Hesse anklicken, Orte in Videos und Zusatzinformationen entdecken, wie die Buchhandlung in Tübingen, wo der Autor seine Lehre absolviert hat, das Wohnhaus in Gaienhofen am Bodensee usw.

Sonderausstellungen finden vor allem im Hesse-Museum in Montagnola und im Kunstmuseum Bern (darüber habe ich berichtet) statt oder im Hermann-Hesse-Höri-Museum, in Gaienhofen.

Also, nichts wie los und diesen grossartigen Autor und Maler neu entdecken, es lohnt sich.

Hermann Hesse, der Maler

Aus Anlass des 50. Todestages von Hermann Hesse ist im Kunstmuseum Bern, noch bis 12. August 2012, die Ausstellung „…Die Grenzen überfliegen, der Maler Hermann Hesse“ zu sehen. Das war ein Grund für mich, wieder einmal einen Ausflug in unsere Hauptstadt zu machen. Es war ein warmer Tag, ein Sommertag, mitten im Frühling. Da war es mir nur recht, für eine Weile der Hitze zu entfliehen. Das Kunstmuseum liegt mitten in der Stadt und ist vom Bahnhof nur ein Katzensprung entfernt.

Kunstmuesum Bern

Kunstmuseum Bern

Eine angenehme Ruhe lag über den Räumen. Auch hier fiel mir auf, dass hauptsächlich Frauen durch die Ausstellung flanierten. Ich war vom ersten Moment sehr angetan, was ich zu sehen bekam. Die Aquarelle von Hesse haben mir schon immer gefallen, vor allem jene, bei denen die Farben Rot, Gelb und Grün zum Einsatz kamen. Oft ist die Casa Rossa (das rote Haus), auch Haus Bodmer genannt,  auf den Bildern zu sehen. 1926 schrieb Hesse „ich bin kein guter Maler, ich bin ein Dilettant“. Meines Erachtens stellte er sich selbst unter den Scheffel.

„Aquarelle von August Macke sind für mich stets der Inbegriff der Aquarellmalerei gewesen […….]. Ich besitze die meisten Macke-Reproduktionen. Er ist für mich neben Moilliet der liebste Aquarellist.“ Hermann Hesse an Alex Vömel im März 1956

Einige Bilder erinnerten mich auch stark an Paul Klees Bilder während seiner Tunesienreise.

Seine Briefe hat er, ob handschriftlich oder mit der Schreibmaschine, auf selbst gemalten Briefbögen verfasst, wie er sagte auf Hermann-Briefbögen. Wie gerne hätte ich einen solchen Brief erhalten, sind es doch alles kleine Kunstwerke. Im Zeitalter von E-Mail und SMS wäre es eine Freude, ein so schön gestaltetes Dokument zu erhalten.

Hermann-Briefpapier (Feder und Aquarell)

In einem seiner Briefe heisst es

„Liebe Lene

Hab Dank für Dein liebes Geburtstagsbriefchen, das mich sehr gefreut hat! Die Mutter ist hoffentlich nicht eifersüchtig, dass ich dir auf einem Hermann-Briefpapier schreibe – aber sie hat ja viele und Du nicht!“

Was für eine äusserst gute Kombination mit dem Talent des Schriftstellers und Malers gesegnet zu sein. Hesse versuchte zwar immer wieder, mit der Malerei von der Literatur loszukommen.

Illustration aus „Piktors Verwandlungen“ Ein Liebesmärchen

Er schrieb Gedichte, die er mit Illustrationen zierte und legte sie in Gedichtmappen an, die er als Auftragsarbeit für Kunden erledigte, die diesen Wunsch an ihn herantrugen. Er versuchte immer, mindestens zwei Mappen vorrätig zu haben, falls jemand eine Mappe von ihm erwerben wollte. Mit dem Geld finanzierte er Hilfspakete an die Armen in der dritten Welt.

Seine Motive waren neben der Casa Rossa, die Landschaften des Tessins, auch Selbstporträts und Stilleben zählten zu seinem Schaffen. Das Tessin sah zu seiner Zeit, in den 1920er-Jahren noch ganz anders aus als heute. Wie viele alte und ehrwürdige Villen mussten irgendwelchen lieblosen architektonischen Bausünden weichen! Mit seinen Malutensilien durchstreifte er die Gegend und zog sich so von der wirklichen Welt in sich zurück. Er wusste selbst, dass dies ein grosses Glück war. Hesse lebte nicht nur im Tessin, in Montagnola, sondern u.a. in Bern (1912 – 1919). Zum Berner Wohnort findet auch „ein literarischer Spaziergang rund um seinen Wohnort Melchenbühl“ statt.

„Ulme in Bern und Gafners Haus“ Feder, Aquarell und Grafit

1926 – 27 hat Hesse während den Wintermonaten auch in Zürich gewohnt. Da wurde er zum ersten Mal in seinem Leben zu einem Maskenball mitgenommen. Er war begeistert. An einen Freund schrieb er später: „[…] Es ist eine unglaublich schöne Frau darunter, ihretwegen hat es sich gelohnt, dass ich schnell noch vor dem Altwerden den Foxtrott und den Boston gelernt habe […]“

Ich konnte nicht widerstehen und habe mir im Shop den Ausstellungs-Katalog und „Piktors Verwandlungen“ gekauft, in diesem Büchlein ist das Märchen mit Faksimile der Handschrift und seinen Illustrationen enthalten.

Die Ausstellung hat sich wirklich gelohnt. Danach trat ich mit einem Glücksgefühl wieder in das gleissende Licht auf die Strasse. Es empfing mich eine Temperatur von 29 Grad und das im Frühling!

Im Nebel

© lesewelle

Heute Morgen war es so neblig, dass das Wasser von den Bäumen tropfte und schon beinahe winterlich kalt, brrr. Ich bin nicht gewandert wie in Hermann Hesses Gedicht, sondern ich war mit dem Fahrrad unterwegs (ohne Handschuhe, die hole ich jetzt besser aus ihrem Asyl):

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse (1877 – 1962)