Die undankbare Fremde

„Wir liessen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde.“ 

Mit diesem Satz beginnt der Roman „Die undankbare Fremde“ von Irena Brežná, die ihre Ich-Erzählerin von ihrer Erfahrung als Emigrantin in der Schweiz berichten lässt.

Als sie mit ihrer Familie in der Schweiz ankommt, werden in der Kaserne erst einmal Verhöre durchgeführt und wie bei der Einwanderung in die USA, wird der fremd klingende Familienname vereinfacht, es werden ihrem Namen „Flügel und Dächlein“ gestrichen.

„Diesen Firlefanz brauchen Sie hier nicht.“ Er strich auch meine runde, weibliche Endung, gab mir den Familiennamen des Vaters und des Bruders. Diese sassen stumm da und liessen meine Verstümmelung geschehen. Was sollte ich mit dem kahlen, männlichen Namen anfangen? Ich fror.“

Die Ich-Erzählerin besucht einen Sprachkurs, findet bald eine Freundin, Mara, die sie einige Jahre begleiten wird. Sie will sich nicht in einen Dialekt zwängen lassen, in dem sie mehr schlecht als recht radebrechen kann, sondern eignet sich die hochdeutsche Sprache an, die ihr Zuhause sein wird und in der sie sich wohl fühlt. Sie bleibt rebellisch, ist vielen Gewohn- und Eigenheiten in unserem Land kritisch eingestellt, denn als Einwanderin sieht sie die Schweizer aus einem anderen Blickwinkel:

„Beliebt war demonstrative Unsicherheit. Man hängte gerne „gell“ und „oder“ an, damit nicht der Eindruck entstand, man gäbe mit eigenem Wissen ungebührlich an und wollte eine demokratische Diskussion unterbinden.“

Ihre Kritik, ihre Art, dass sie Bestehendes hinterfragt, wird ihr als Undankbarkeit ausgelegt. Ein Emigrant hat dankbar zu sein, dass er hier, in der sicheren Schweiz leben darf. Sie aber ist „die undankbare Fremde“.

Als sie erwachsen ist, arbeitet sie als Dolmetscherin. Sie begleitet Flüchtlinge und Einwanderer zu Behördengängen, übersetzt am Krankenbett im Spital, im Gerichtssaal oder beim Psychiater. Sie kommt dadurch mit Ausschaffungshäftlingen, mit Drogensüchtigen, psychisch Kranken, Sterbenden zusammen. Erstes Gebot ist es, das Gesagte gewissenhaft zu übersetzen, nichts wegzulassen und nichts hinzuzufügen, ansonsten droht eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Trotzdem gibt es Situationen, in denen die Ich-Erzählerin das Gesagte auch einmal ausschmückt. Eine Klientin beschwert sich allerdings beim Dolmetscherdienst, da sie das Gefühl nicht loswerde, dass alles was sie gesagt habe, nur verkürzt übersetzt wurde.

„Ich bin Recyclerin, die aus dem Wortmüll nur die nützlichsten Stücke rettet.“

Persönlicher Kontakt zu den Klienten ist unerwünscht, Gespräche mit ihnen, vor einem Termin, sollen nicht geführt werden. Auch an diese Regeln hält sich die Ich-Erzählerin während dem Dolmetscherdienst nicht immer. Handkehrum gibt sie Aufträge an eine Kollegin ab, wenn sie das Gefühl hat, dass es ihr zu viel mit einem Klienten wird.

„Als sprachlicher Notfalldienst kurve ich in Sprachen wie in verwinkelten Gassen herum, berühre den einen oder anderen Arm und schaue in viele Augen. Aufwühlende Fahrten sind das.“

Mit den Jahren, die sie als Dolmetscherin arbeitet, bemerkt sie plötzlich, dass sie  schon Mal einen Ratschlag erteilt, der aus der Integrationsbroschüre stammt.

„Gerne pachten die sprachlosen Fremden die Schwäche für sich. Eifersüchtig wachen sie über ihren einzigen Besitz. Je mehr Stärke sie in mir sehen, umso mehr hoffen sie, sich etwas davon abbrechen zu können. Sie klagen und klagen.“

Als die Ich-Erzählerin in andere Länder aufbricht, trifft sie häufig auch dort auf Einwanderer, die über ihr Gastland lamentieren und auf der Suche nach dem idealen Land sind. Wenn diese Menschen anfangen, über die Schweiz zu lästern, stellt sie fest, dass sie anfängt, dieses Land in Schutz zu nehmen, die positiven Seiten aufzuzeigen. Und kommt sie zurück, erscheint es ihr jedes Mal erträglicher.

„Die Ruhe versetzte mich nicht mehr in Unruhe. Ich atmetet tief, als glitte ich in etwas Vertrautes, Stilles zurück. Das Land war nicht nur selbstgefällig, es war selbstgenügsam, sass mir nicht auf der Pelle. Die Polsterung erlaubte, dass man sich für die vielen Ungepolsterten in der Welt interessierte. Tatkräftig, wie denn auch sonst.“

Die Autorin Irena Brežná, wurde 1950 in der damaligen Tschechoslowakei geboren und emigrierte mit achtzehn Jahren in die Schweiz. Sie arbeitete als Journalistin, Kriegsreporterin und ist als Dolmetscherin tätig. Sie steht mit beiden Beinen im Leben und weiss, wovon sie spricht. Schonungslos geht die Ich-Erzählerin mit der Schweiz und seinen Bewohnern ins Gericht. Sie schont aber keineswegs die Einwanderer und Flüchtlinge. Ich als Schweizerin könnte jetzt aufbegehren und protestieren, aber ich habe mich während des Lesens immer mal wieder gefragt: Sind wir Schweizer tatsächlich so? In vielen Belangen muss ich der Ich-Erzählerin zugestehen, dass sie Recht hat, mit dem Bild, das sie von uns malt. Gegenüber Fremden und vor allem Flüchtlingen glauben wirklich viele von uns, „der sollte dankbar sein, dass er hier sein darf/kann“. Zwischendurch muss sich jeder selber an der Nase nehmen und sich den Spiegel  vorhalten. Andere Menschen mit anderen Kulturen sind manchmal auch eine Chance für das eigene Land. Viele Einwanderer werden nicht zurückkehren, also müssen wir lernen, mit ihnen auszukommen. Die Erzählerin bringt es in einer Textpassage auf den Punkt, wenn sie sagt, dass sie nicht aus einer Diktatur geflüchtet ist, um jetzt in einem freien Land zu kuschen und zu schweigen. Denn dann hätte sie in ihrem Heimatland bleiben können.

Als ein Flüchtlingsmädchen vom Befrager gefragt wird, woran es glaube, antwortet es:

„An eine bessere Welt.“
Dann bist du richtig bei uns. Herzlich willkommen.“

Mit schöneren Worten könnte der Roman nicht enden, der mir in seiner Sprache ausgezeichnet gefallen hat. Die Autorin ist eine Sprachakrobatin und ich fühlte mich wohl in ihren Sätzen. Aus jeder Zeile heraus ist zu spüren, dass sie mit Sprache zu tun hat. In jeder Hinsicht kann ich dieses Buch empfehlen.

Ein interessantes Interview mit der Autorin ist in „Die Zeit“ nachzulesen.