Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Es ist ein heisser Sommer im Jahre 1990. Maria, sechzehn Jahre alt, lebt auf dem Brendel-Hof, an der deutsch-deutschen Grenze, die keine mehr ist. Ihre erste Liebe, der Johannes, hat sie im Mai seinen Eltern vorgestellt und seither ist sie nicht mehr nach Hause, zu ihrer Mutter und den Grosseltern, zurückgekehrt. Gemeinsam mit Johannes bewohnt sie das „Spinnenzimmer“ unter dem Dach. Von da aus sieht man weit über die Felder, auch zum Hof vom Henner, einem seltsamen und eigenbrötlerischen Mann, der, seit seine Frau davongelaufen ist, dort alleine mit seinen Bulldoggen und den Pferden haust.

Johannes steht kurz vor dem Abitur. Maria hingegen beginnt die Schule immer häufiger zu schwänzen und muss bald einsehen, dass sie das Schuljahr nicht mehr schaffen wird. Viel lieber zieht sie sich zum Lesen mit Dostojewskjs Roman „Die Gebrüder Karamasow“ zurück, taucht ab in eine andere Welt und vergisst dabei die Zeit.

Grossmutter Frieda ist überhaupt nicht einverstanden, dass Maria die Schule schwänzt, deshalb soll ihr das Mädchen wenigstens zur Hand gehen. So schaut Maria beim Helfen in der Küche Frieda zu und fängt bald selber an zu kochen und zu backen und freut sich, wenn sie die Familie für ihre Arbeit lobt. Beim Essen sitzt der alte Knecht Alfred mit am Tisch. Maria mag ihn nicht besonders, doch er gehört für die Familie ganz selbstverständlich dazu, denn er hat schon mit seiner Mutter auf dem Hof gewohnt.

Wenn Maria ihre Mutter besuchen geht, hat sie es meistens eilig, um schnell wieder wegzukommen. Seit die Mutter arbeitslos ist und der Vater die Familie verlassen hat, ist die Stimmung gedrückt. Die Mutter ist unglücklich und sehnt sich zurück in ihre eigentliche Heimat Hamburg.

„Ich gehe langsam und denke an die Mutter; sie hat so traurig ausgesehen. Was soll aus ihr werden ohne den Vater, ohne Arbeit, bei den Schwiegereltern im Haus? Es ist ihre Traurigkeit, die mich aus dem Haus getrieben hat. Die saugt mir die Kraft aus dem Körper und die Freude aus dem Herzen.“

Nach einem dieser Besuche bringt die Mutter Maria im Trabant zum Brendel-Hof zurück. Auf dem Weg baut sie mit dem Auto einen Unfall. Mutter und Tochter kommen mit dem Schrecken davon. Henner, hilft ihnen das Auto wieder aufzustellen und nimmt danach Maria mit zu sich.

Henners Berührungen, die Maria erst erschrecken, lassen sie danach nur noch an diesen Mann denken, der altersmässig ihr Vater sein könnte. Sie wird magisch von ihm angezogen und sucht immer wieder den Weg zu ihm. Von ihren Heimlichkeiten ahnt auf dem Brendel-Hof keiner etwas, am allerwenigsten Johannes. Die Familie ist viel zu sehr mit sich und ihren Zukunftsplänen beschäftigt. Der Hof soll modernisiert werden, Johannes Onkel kommt mit Familie zu Besuch und selber rennt er mit seinem Fotoapparat, den er bei einem Ausflug in den Westen gekauft hat, durch das Dorf und lichtet die Menschen ab. Einzig Alfred scheint etwas von Marias Geheimnis zu ahnen und unter seinen Augen ist es Maria nicht ganz geheuer.

„In den Abendstunden lüge ich leichter. Morgens, wenn ein kühles Licht die Gesichter schattenlos ausleuchtet, dann geht es mir oft elend. In der Klarheit dieser frühen Stunden scheint mein Handeln schwerer zu wiegen, das Gewissen stärker zu sein, die Moral ganz wach. Später am Tag verschwindet mein sittliches Gefühl. In den Nächten fehlt es gänzlich.“

Henner wurde vom Leben enttäuscht und seine Erfahrungen haben ihn hart gemacht. Er hat sich von den Menschen im Dorf abgewandt und lebt zurückgezogen auf seinem Hof, in einer Welt, die stehen geblieben scheint. Neben den Tieren sind der Alkohol und die Bücher, die ihm seine Mutter hinterlassen hat, seine treuesten Begleiter. Und nun ist Maria da. Sie erlebt mit ihm eine Sexualität, die rau und grob ist und gleichzeitig erlebt das junge Mädchen mit Henner eine Nähe, dass er sich in ihrer Gegenwart allmählich öffnet und hin und wieder eine Seite von sich zeigt, die sanft und zärtlich ist. Maria ist Henner, der mit ihr auch die Liebe zur Literatur teilt, mit Haut und Haaren verfallen. Sie träumt davon, zu ihm zu ziehen, für ihn zu kochen und mit ihm Kinder zu haben. Dafür ist sie bereit Johannes und den Brendel-Hof zu verlassen.

Wegen ihrer Lügerei wird Maria von heftigen Gewissensbissen geplagt. Es ist ihr bewusst, dass die Familie Brendel, die ihr Vertrauen schenkt, von ihr enttäuscht sein wird und nicht zuletzt auch Johannes, der davon träumt mit Maria in die Stadt zu ziehen und ein Studium der Fotografie zu beginnen. Er sieht Maria zwar durch das Objektiv, wenn er sie fotografiert, trotzdem entgeht ihm dabei, wie Maria sich verändert, wie sie aus den Kleidern des jungen Mädchens schlüpft und zur Frau wird und sich immer mehr von ihm und dem Brendel-Hof entfernt.

Daniela Kriens Debütroman ist in einer schlichten und ruhigen Sprache geschrieben. Ich konnte mich dieser Geschichte kaum mehr entziehen, die zu keiner Zeit kitschig wirkt. Die Hitze jenes Sommers ist zu spüren, die Luft flimmert. Dabei lässt sich erahnen, dass die geheime Beziehung zwischen diesem ungleichen Paar kein gutes Ende nehmen kann. Die Autorin lässt die junge Ich-Erzählerin vor einem historischen Hintergrund ihre Geschichte und die der Menschen um sich herum erzählen. Die Grenzen sind geöffnet und während die einen in Aufbruchstimmung sind und sich neue Möglichkeiten erhoffen, sind sie für Maria völlig unwichtig geworden, denn ihr Traum scheint zum Greifen nah.

Daniela Krien“ Irgendwann werden wir uns alles erzählen“
Seiten 234
Graf Verlag
ISBN 978-3-86220-019-1