Der Hölle entkommen

In Auschwitz

Sima Vaisman wurde 1903 in Bessarabien, dem heutigen Moldawien geboren. Nach einem Medizinstudium (Gynäkologie) in Bukarest, wanderte sie anfangs der 1930er-Jahre nach Paris aus. Da sie nicht die nötigen Geldmittel zur Verfügung hatte, um nochmals Medizin zu studieren, arbeitete sie schliesslich als Zahnärztin. 1930 heiratete sie Pinkas Vaisman, der 1937, gerade dreiunddreissig jährig, starb. Anfangs des 2. Weltkrieges flüchtete sie nach Lyon. Im Dezember 1943 wurde sie in Maçon verhaftet und im Januar 1944 nach Auschwitz deportiert.

Das vorliegende Büchlein „In Auschwitz“ umfasst nur gerade 67 Seiten, was persönliche Protokoll von Sima Vaisman betrifft. Sie berichtet weniger über sich selbst als darüber, was sie während dieser Leidenszeit im Konzentrationslager gesehen und beobachtet hat. Es ist das absolut Fürchterlichste, was ich je gelesen habe und schon nach den ersten Seiten zog sich mir der Magen zusammen. Viele Deportierte schafften es gar nicht erst, dass sie Lagerkleidung, die nichts als Lumpen waren, zu erhalten.

„So entstellt, nicht wiederzuerkennen, kommen wir in ein Büro, wo man uns registriert, wo man uns nach unserem Beruf fragt, was wir studiert haben, ob wir krank sind, nach der Zahl unserer Goldzähne (für die spätere Entnahme nach dem Tod, dem natürlichen oder durch das Gas).“

Schon alleine, dieser Satz lässt mich erschauern. Es ist kaum vorstellbar, wie schrecklich es für die Lagerinsassen gewesen sein muss, wenn sie nackt und frierend und jeder Würde beraubt, vor den Gaskammern Schlange stehen mussten, um dem Tod entgegengehen zu müssen. Sima Vaisman arbeitete zuerst im Strassenbau, wurde dann bald auf die Krankenstation versetzt, wo sie sich um die Patienten zu kümmern hatte, mit nichts als ihren blossen Händen. Denn das Wenige, das man den Ärzten zur Behandlung der Kranken zur Verfügung stellte, war absolut lächerlich und entbehrt jeder Beschreibung.

Nur zu gerne hätte die Ärztin den Kranken geholfen, die mit flehenden Blicken nach Schmerzmitteln oder Nahrung verlangten. Es musste ständig improvisiert werden und mehr als zehn Tage durfte sich niemand um die Kranken kümmern. Danach hatten sie gesund zu sein oder wurden selektiert.

Als die Lagerleitung vernahm, dass die Russen im Anmarsch waren, wurde die Vernichtung der Gefangenen noch vorangetrieben. Tag und Nacht wurden die Gefangenen vergast. Als man mit der Vernichtung nicht mehr nachkam, wurden die Menschen lebend in Gruben geworfen und umgebracht. Wenn erneut ein Güterzug ankam und die Deportierten mit ihrem wenigen Hab und Gut an Sima vorbeischritten, überlegte sie sich, ob sie diese Unglückseligen nicht warnen und ihnen sagen sollte, was ihnen bevor stand. Doch sie entschied sich dagegen. Sie wollte sie nicht noch mehr ängstigen.

„Aber kann man etwas so Ungeheuerliches, so Unmenschliches glauben … Wenn sie es wissen, werden sie es noch immer nicht glauben … Und wir, die wir im Zentrum dieser Hölle leben, wir wissen, wir sehen, aber begreifen wir wirklich, was wir sehen?“

Das Wenige, das die Menschen noch bei sich hatten, wurde ihnen weggenommen, all diese Dinge brauchten sie bald nicht mehr. Lagerinsassen sortierten Berge von Schuhen, Kleidern, Spielzeug etc., die eilends für den Transport nach Deutschland verpackt werden mussten.

„Wir wissen, dass Weihnachten naht, dass man den deutschen Kindern Geschenke machen muss. Und die Kleider und Spielsachen von Hunderten lebendig verbrannten Kinder werden die Augen der Kinder der SS vor Freude zum Leuchten bringen …“

Es ist für mich unglaublich, dass es tatsächlich Menschen gab, die diesen Irrsinn überhaupt überlebt haben. Von welcher Kraft, von welchem Überlebenswillen wurden sie gelenkt und getrieben? Sima Vaisman hat überlebt. Als das Konzentrationslager eilig aufgehoben wurde, hatten sie, bei Temperaturen von minus 20 Grad und mehr, noch einen langen Fussmarsch vor sich. Auch hier starben noch viele Menschen, die am Ende ihrer Kräfte, einfach liegen blieben. Andere wurden erschossen, teilweise noch, weil sie von der Bevölkerung, die sie auf dem Marsch um Hilfe anflehten, bei den Bewachern denunziert wurden.

Durch die Russen befreit, hat Sima Vaisman acht Tage nach ihrer Rückkehr dieses Protokoll verfasst, um die Welt an diese Gräueltaten zu erinnern. Auch wenn das Büchlein, das in schlichten grauen Karton gekleidet ist, was mehr als passend ist, nicht einfach mal so weggelesen werden kann, bin ich froh, dass es der Lilienfeld Verlag, in deutscher Übersetzung, herausgebracht hat. Wenn man immer mal wieder im Fernsehen und in Büchern von Auschwitz etwas sieht und liest und glaubt, bereits alles zu kennen, muss ich dies verneinen, nachdem ich dieses Zeitdokument gelesen habe. Jeder der diese Hölle überlebt hat, hat seine eigene Geschichte und keine gleicht der anderen. Serge Klarsfeld (französischer Rechtsanwalt und Historiker), der diese aussergewöhnliche Frau gekannt hat, bringt es in seinem Nachwort auf den Punkt:

„Kein Reporter der Welt hätte wie Sima Vaisman auf achtzig Seiten, mit hunderttausend Zeichen schildern können, welche Hölle die Juden auf Erden erlitten. Kein Reporter, kein Schriftsteller, kein Historiker – nur ein Zeuge und einer der ersten Stunde …“

Sima Vaisman ist nach Paris zurückgekehrt und hat wieder als Zahnärztin praktiziert. Über ihre Zeit in Auschwitz hat sie nie Fragen beantwortet. Ihr Name Vaisman erinnert mich unweigerlich an das Wort „Weise“. Das muss sie auch tatsächlich gewesen sein, wie Eliane Nejman-Scali – ihr Vater war ein Cousin von Sima Vaisman – zu berichten weiss. Sie bekam das schmale Manuskript 1983 erstmals zu sehen, wobei Sima Vaisman ihren Bericht als „belanglos“ abgetan habe. Diese ungewöhnliche und lebensstarke Frau wurde 94 Jahre alt und ihr Text ist alles andere als belanglos und sollte gelesen werden. Ihre Worte gehen unter die Haut und entlassen einen nicht so schnell in den Alltag.

Sima Vaisman: „In Auschwitz“
Lilienfeld Verlag
96 Seiten
ISBN 978-3-940357-08-3

Der letzte Bruder

Nachdem ich literarisch vor kurzem auf einer Zuckerrohrplantage in Jamaica war, führt mich mein Weg nun auf die Insel Mauritius. Vielen ist das Eiland als Flitterwochenparadies bekannt, doch Mauritius hat eine bewegende Vergangenheit hinter sich. Dazu müssen wir aber das Zeitrad um beinahe siebzig Jahre zurückdrehen:

„Es heisst, man träume kurz vor dem Tod sonderbare Dinge. Meine Mutter träumte lange Zeit, dass mein Vater ihr in seinem braunen Anzug erschien, fertig, um zur Arbeit zu gehen, und dass er zu ihr sagte, komm mit, ich brauche dich […] David hingegen sagte nichts, er stand still da und sah mich an, zwischen Schatten und Licht. […] Plötzlich hatte ich genug vom Warten, streckte die Hand nach ihm aus, und schon war es Morgen, mein Zimmer war leer, das Licht gleissend, David verschwunden, der Traum zerronnen, meine Hand erhoben, unter dem Betttuch hervor, taub und eisig, mein Gesicht tränenüberströmt.“

Der Ich-Erzähler Raj ruft nach diesem Traum seinen Sohn an und bittet ihn, ihn nach Saint-Martin zu fahren. Sorgsam gekleidet wartet er zu Hause, bis er abgeholt wird. In Saint-Martin tritt er durch die Pforten des Friedhofs, wo er einen Grabstein sucht – den Grabstein von David. All die Jahre wollte er immer hierher kommen und hat es trotzdem nie geschafft – nicht gekonnt. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen des inzwischen siebzigjährigen Mannes.

Zusammen mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern Anil und Vinod lebt der achtjährige Raj am Rande des Zuckerrohrfeldes, in einem Ort namens Mapou, den man nur „das Camp“ nennt. Die Behausungen sind weniger Häuser, denn elende Hütten aus Stroh und Lehm. Die Familie hat unter der Gewalttätigkeit des Vaters zu leiden.

„Der Abend brach schnell herein, die Männer kamen vom Feld, und nun begann ein anderes Leben für uns und unsere arme Mutter, ein Leben voller Geschrei, Alkoholdunst und Tränen.“

Die Mutter und die drei Kinder bekommen die Fäuste und Bambusrute regelmässig zu spüren. Vielleicht gerade deshalb hängen die Brüder wie Pech und Schwefel aneinander. Als ausgerechnet der kleine Raj, der oft kränkelt und eher schwächlich ist, als einziger die Schule besuchen soll, ist das für ihn völlig unverständlich. Ungern trennt er sich von seinen geliebten Brüdern, die ihn auf seinem Weg begleiten und nach der Schule wieder abholen.

Bei einem Unwetter, in das die drei geraten und vor dem sie zu flüchten versuchen, verliert Raj seine Brüder aus den Augen, sie sind wie von Geisterhand verschwunden.  Tage später findet man den zerquetschten Körper des jüngeren Bruders zwischen den Felsen im Fluss, an dem die Jungen sich gerne aufgehalten haben. Der ältere bleibt verschollen, einzig seine Rute, die er immer bei sich trug, wird gefunden. Warum hat ausgerechnet er, Raj, das Unglück überlebt? Eine Welt bricht für den Jungen zusammen.

Über dieses schreckliche Ereignis verliert zu Hause keiner ein Wort. Die dezimierte Familie verlässt nach diesem traumatischen Erlebnis das Camp und zieht in ein kleines Haus am Waldrand von Beau Bassin, wo der Vater die Stelle eines Gefängniswärters antritt. Die Trauer über den Verlust der Söhne bzw. der Brüder werden Mutter und Sohn ihr ganzes Leben begleiten.

„Man sagt, jemand ist Waise, Witwer oder Witwe, aber wenn man an einem einzigen Tag zwei Söhne verloren hat, an einem einzigen Tag zwei geliebte Brüder, was ist man dann? Welches Wort benennt, was man dann ist? Dieses Wort hätte uns geholfen, wir hätten genau gewusst woran wir litten, wenn die unerklärlichen Tränen kamen und wenn, Jahre später, ein Duft, eine Farbe, ein Geschmack im Mund genügten, um uns wieder traurig werden zu lassen.“

In der neuen Schule hält sich der Junge von den Kameraden fern. Alleine zieht er durch die Gegend, klettert auf Bäume und schmiegt sich in die Äste. Er führt Selbstgespräche und rollt sich in Erdlöchern zusammen wie ein schutzbedürftiges Tier.

„Draussen gab es zu viel Neues für mich allein, und ich hätte das Zuviel dieses blauen, stillen Himmels gern geteilt, die Masslosigkeit dieses unendlichen, kräftig-grünen Waldes und vor allem dieses Schweigen, das sich dehnte, sich dehnte wie das Meer und überall einnistete, im Haus, hinter meinem Vater, rings um meine Mutter, morgens, abends, ein zähes Schweigen, an dem sich meine reduzierte Familie von nun an festhielt.“

Für Mutter und Sohn hat sich wenig geändert. Sie verhalten sich möglichst unauffällig, wenn der Vater nach Hause kommt, denn nun entlädt sich der ganze Zorn dieses Mannes nur noch auf ihnen beiden. Zwei Tage ohne Prügel bedeuten eine Verschnaufpause für die malträtierten Körper. Auch wenn die Mutter selbst übel zugerichtet wird, macht sie sich auf, um für ihren einzigen Sohn Kräuter und Wurzeln zu Salben, Tinkturen und Tees zu verarbeiten, um ihn gesund zu pflegen. Der misshandelte Junge kann sich manchmal tagelang nicht mehr aus dem Bett erheben.

In den Sommerferien bringt Raj seinem Vater regelmässig das Mittagessen ans Gefängnistor. Aus einem sicheren Versteck beobachtet er das Geschehen auf dem Hof, als ihm ein magerer Junge mit blonden Locken auffällt. Ihre Augen begegnen sich für einen kurzen Moment und nun sucht Raj den Gefängnishof jeden Tag nach diesem Jungen ab, der jedoch nicht zurückkehrt. Was hat dieser Junge mit  Gaunern, Dieben und Halunken zu tun, von denen sein Vater ihm erzählt hat, die hier eingesperrt seien?

Raj begeht den fatalen Fehler, eines Abends auf seinen Vater einzureden. Der Junge wird einmal mehr so fürchterlich zugerichtet, dass er diesmal ins Gefängnisspital gebracht werden muss. Hier trifft er diesen Jungen wieder und sie versuchen sich zu verständigen, denn der Junge spricht in einer ihm fremden Sprache. Raj erfährt, dass sein neuer Kamerad David heisst und aus einer Stadt namens Prag kommt. Als es Raj besser geht, machen die beiden nachts heimliche Ausflüge ins Freie und spielen Flugzeug. Nach der Rückkehr ins Elternhaus, sieht er seinen neuen Freund wochenlang nicht mehr und hält vergeblich Ausschau nach ihm.

Im Sommer fegen oft heftige Wirbelstürme über die Insel. Auch im Jahre 1945 verwüstet ein Zyklon weite Teile des Landes. Während das Haus der Familie dem Sturm standhält, ist der Wald nicht mehr wiederzuerkennen. Für Raj gestaltet sich der Weg zu einem mühsamen Hindernisparcours. Auch der Gefängnishof, in dem einst farbenprächtige Bougainvilleas geblüht haben und ein mächtiger Mangobaum stand, ist verwüstet. Erst jetzt offenbart sich die ganze Hässlichkeit dieses Ortes. Die abgemagerten Insassen veranstalten einen Höllenkrach und entwickeln trotz ihrer Schwäche eine gemeinsame Stärke. Die Polizisten haben alle Hände voll zu tun, um den Tumult im Zaum zu halten. Diese Gelegenheit nutzt David zum Entkommen. Zusammen mit der Mutter, die seit dem Tod ihrer Söhne erstmals wieder lachen kann, verbringen die beiden Freunde einen Moment der Unbekümmertheit, nichts ahnend, dass sie nur von kurzer Dauer sein wird.

In dieses Buch habe ich mich von der ersten Seite an verliebt. Es strahlt, trotz dem Thema von Brutalität, Armut und Krieg eine unglaubliche Wärme aus, die mich wie zwei Arme umfangen hat und zu tiefst berührt hat. Die Autorin vermittelt Rajs Freundschaft zu David mit sehr eindringlichen Worten. Und es gibt so viele Stellen im Roman, die sich in mein Gedächtnis einbrennen wollten, wie auch dieses Zitat:

„Manchmal sprach er sehr schnell, und heute begreife ich, dass er in seiner Sprache, dem Jiddischen, Halt suchte, denn sie war alles, was ihm geblieben war.“

Der Liebe und Güte der Mutter des Ich-Erzählers ist es zu verdanken, dass er auf seinem Weg ins Erwachsenenalter nicht gestrauchelt ist. Trotz der von Misshandlung und Verlust überschatteten Kindheit war er fähig, seine Liebe einer Frau und einem Sohn zu schenken.

Erst durch die Autorin Nathacha Appanah, die 1973 auf der Insel Mauritius geboren wurde und heute in Frankreich lebt, habe ich von dieser Gruppe jüdischer Flüchtlinge erfahren, die während des 2. Weltkrieges durch die Briten auf der Insel interniert wurde. Der Ich-Erzähler, der damals ein Kind war, lebte abgeschottet vom Rest der Welt und weitab von den Wirren des Krieges. Er hatte somit keine Ahnung, wie anderswo die Zerstörung und Vernichtung tobte. In der Schule wird er sogar ausgelacht, als er sich beim Lehrer nach den Juden auf der Insel erkundigt. Dieses Wissen hat der Leser dem Kind voraus, er erahnt bald, worum es sich bei David und den anderen Gefängnisinsassen handelt.

Nathacha Appanah ist auf historischem Hintergrund eine fiktive Geschichte über Freundschaft gelungen, die sich über Hürden wie Herkunft und Religion hinwegsetzt. Mit einer leisen und doch eindringlichen Stimme, voller Melancholie, hat mich der Ich-Erzähler bei der Hand genommen und auf eine Gefühlsreise mitgenommen, die mit mir Achterbahn gefahren ist. Am Ende habe ich mit Wehmut und einem Seufzer den Deckel dieses literarischen Schatzes zugeklappt. Für mich persönlich ist es bis jetzt die schönste Lektüre, die ich in diesem Jahr entdecken durfte.

Nathacha Appanah „Der letzte Bruder“
erschienen im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20583-6

In einem Artikel auf Spiegel online kann mann über die internierten Juden auf Mauritius, während des 2. Weltkrieges mehr erfahren.

Retten Sie wenigstens mein Kind

Ich habe mich wieder einmal auf der Verlagsseite des Schweizerischen Jugendschriftenwerks (SJW) umgesehen, von dem ich letztes Jahr bereits berichtet habe und mir ist wieder ein Titel ins Auge gestossen, den ich sehr lesenswert finde. Die Autorin Monika Fischer hat mit zehn Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg als Kind oder junge Erwachsene erlebt haben, gesprochen und ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Im ersten Teil kommen Juden zu Wort, die verfolgt und gedemütigt wurden, die das Konzentrationslager überlebt oder geliebte Menschen dadurch verloren haben, die durch halb Europa auf der Flucht waren und schliesslich in der Schweiz doch noch einen Zufluchtsort gefunden haben.

„Alfred kam ins berüchtigte Arbeitslager nach Lublin. Dort mussten die jungen Männer hart arbeiten. Wenn sie erschöpft und ausgehungert waren, wurden sie erschossen. So auch mein Bruder.“

Es werden Menschen erwähnt, die den Mut hatten den Verfolgten und Verzweifelten zu helfen, die Menschlichkeit hat über ihre Furcht und die Vorurteile gegenüber den Flüchtlingen gesiegt.

„Die einheimische Bevölkerung nahm uns gut auf. Es waren einfache Bauersleute. Sie hatten noch nie Juden gesehen und waren erstaunt, dass wir ganz normale Menschen sind. Sie verkauften mir Gemüse, Früchte und Brot, waren nett und hilfsbereit. Dies hat mir beim Tod meines Kindes sehr geholfen.“

Auch Schweizer kommen zu Wort, die von jener Zeit auf die eine oder andere Art geprägt wurden, wie zum Beispiel ein Grenzwächter, der oft nicht begriff, was er für Befehle umzusetzen hatte und doch hin und wieder ein Auge zudrückte.

„Manchmal vernahmen wir von einer geplanten Flucht. Dann ordnete ich an, dass in jener Nacht im betreffenden Abschnitt keine Grenzwächter patrouillierten.“ […] „Täglich standen wir 16 Stunden an der Grenze und fertigten 2000 bis 3000 Flüchtlinge ab. Viele Frauen kamen mit Kinderwagen. Andere hielten ihre Kleinkinder auf dem einen Arm und trugen am andern einen Koffer.“

Ein Mann, der als junger Soldat Aktivdienst an der Grenze zu Italien verrichtet hatte und später im Hotel der Eltern, das an der österreichischen Grenze liegt, erinnert sich an tragische Momente:

„Eines Tages hörte ich beim Heuen ein Geschrei auf der Brücke in der Nähe unseres Hotels. Der Zöllner musste drei Männer und zwei Frauen mit einem Baby zurückweisen. Es tue ihm leid, er verliere sonst seinen Posten […] Unverhofft sprang eine der Frauen zu meiner Mutter, kniete nieder, legte ihr das Kind zu Füssen und bat: „Retten Sie wenigstens mein Kind!“ Blitzschnell rannte sie davon. Der überraschte Zöllner wollte das Kind zurückbringen. Doch meine Mutter wehrte sich zusammen mit einer andern Frau für das Kind. Es wuchs in der Familie eines Zöllners auf. Von seinen Eltern hat es nie wieder etwas gehört.“

Eine Frau, die im Jura aufgewachsen ist und für das Rote Kreuz in Frankreich gearbeitet hat, wurde mit anderen Vertrauenspersonen zur Fluchthelferin und erzählt, wie sie Verfolgte über die grüne Grenze brachte.

„Es war eine Frage der Menschlichkeit. Ich hatte keine Angst. Es ist wie mit der Besteigung der Eigernordwand. Wer vor solchen Unternehmen Angst hat, darf sich nicht darauf einlassen.“

Jede einzelne Geschichte ist erschütternd, regt zum Denken an und gibt wiederum Grund zur Hoffnung. Ich finde es bemerkenswert, dass sich diese, inzwischen alten, Menschen, zur Verfügung gestellt haben, um ihre Erlebnisse und Eindrücke von damals zu erzählen. Für die Nachwelt ist es nach wie vor wichtig, dass sie von jenen dunklen Jahren erfahren. Ich hoffe, dass viele Eltern für ihre Kinder oder andere Interessierte dieses Büchlein bestellen und sich diese Geschichten, die einem durch und durch gehen, lesen und mithelfen, dass sich an unseren Grenzen und in der Welt solche Tragödien nie mehr wiederholen können.

„Retten Sie wenigstens mein Kind“ von Monika Fischer
Schweizerisches Jugendschriftenwerk
ISBN 3-7269-1002-6

Familie Salzmann

Den österreichischen Schriftsteller Erich Hackl lernte ich bereits durch sein Werk „Abschied von Sidonie“ kennen. Als ich vor einigen Monaten eine Leseprobe des 2010 erschienen Buches „Familie Salzmann“ Erzählung aus unserer Mitte, las, war mein Interesse schnell geweckt. Und ich wusste, diese Erzählung möchte ich lesen.

„Es war vor allem dieser eine beiläufige Satz, der Hanno nachhaltig schaden sollte: Meine Oma ist in einem KZ umgekommen.“

Man sollte meinen, dass gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine solche Äusserung Entsetzen, Neugier, Anteilnahme, hervorrufen sollte, doch es traten andere Ereignisse ein, die kaum zu verstehen sind. Hanno Salzmann ist der Enkel von Hugo und Juliana Salzmann, die sich anfangs der 1930er-Jahre in Bad Kreuznach über den Weg laufen. Juliana, ist eines von dreizehn Kindern, und ist auf Arbeitssuche. Hugo Salzmann arbeitet als Stadtverordneter im Rathaus, wo er für Erwerbslose und Ausgesteuerte zuständig ist. Schon früh erkennt er die Gefahren des Nationalsozialismus und kämpft gegen diese an. Das sollte ihn und seine Frau, die 1932 Hugo jun. zur Welt bringt, schon bald zum Verhängnis werden. Sie haben keine andere Wahl, als zu flüchten und kommen so nach Frankreich und auch einige Monate in die Schweiz. Ihr Sohn Hugo kennt von Kindsbeinen nichts anderes als von einem Ort zum anderen zu ziehen und immer wieder von der Barmherzigkeit und Grosszügigkeit anderer Menschen abhängig zu sein. Wie so viele andere Menschen auch, wurde die Familie im Krieg auseinandergerissen. Der Vater wird verhaftet und kommt in ein Lager. Später stellt sich auch Juliana Salzmann, als sie erfährt, dass eine Freundin verhaftet werden soll, die ihnen geholfen hat. Sie weiss, dass drei Kinder die Mutter noch weniger entbehren können als ein Kind. Für Hugo wird organisiert, dass er über das Rote Kreuz zu seiner Tante Ernestine in Stainz, in der Steiermark, gebracht werden kann. Ernestine schaut zu Hugo, als wäre es ihr eigener Sohn. Wie ein Spinnennetz ziehen nun die Briefe ihre Fäden durch Österreich und Deutschland, um einmal den Vater, dann wieder die Mutter, die hilfsbereiten Geschwister von Juliana und Freunden und zurück zu Sohn Hugo zu gelangen. Die Mutter gibt ihrem Sohn aus dem KZ Anweisungen, wie er sich bei der Tante benehmen und in der Schule gut aufpassen solle.

Juliana wird ihren Sohn nicht wiedersehen. Sie stirbt im KZ. Kurz nach dem Krieg kommt der Vater, nach einer Gefängnisstrafe frei. Doch es vergeht noch einige Zeit, bis er seinen Sohn zu sich holt. Hugo erlebt kein Glück bei seinem Vater, der inzwischen wieder verheiratet ist und eine kleine Tochter hat. Hugo ist glücklich, wenn er in den Sommerferien seine Tante besuchen kann. Später geht er freiwillig in die DDR, wo er seine Frau kennenlernt. 12 Jahre mühen sie sich im Sozialismus ab und schaffen es schliesslich mit dem ersten Sohn in den Westen, nach Wien, auszureisen. Auch jetzt ist es wieder das Haus von Ernestine, in der die zweite und dritte Generation Salzmann unterkommt. Nach den Jahren in der DDR ist es in Österreich nicht einfach, Fuss zu fassen und im Arbeitsleben mitzuhalten. Auch hier steht ihnen ein beschwerlicher Weg in die Zukunft bevor, vor allem weil der Erstgeborene an spastischen Lähmungen leidet. Der zweitgeborene Sohn Hanno tritt als junger Mang eine Stellung in einer Krankenkasse an. Wir befinden uns inzwischen in den 1990er-Jahren, das Leben wird diesem jungen Mann so schwer gemacht, dass man am liebsten laut schreien möchte. Es ist erstaunlich, was diese Familie alles über sich ergehen lassen musste und bewundernswert, wie sie trotz aller Grausamkeiten ihrer Mitmenschen nicht verzagt haben. Ich verneige mich tief vor diesem Mut und Kraft, die in diesen Menschen vorhanden ist.

Erwin Hackl hat ein beklemmendes Buch über eine Familie geschrieben, deren schweres Los sich, wie ein roter Faden, über drei Generationen zieht und auch vor dem neuen Jahrtausend nicht halt gemacht hat. Erschüttert hat mich aber auch, dass die Bosheiten und Grausamkeiten, aus vergangenen Jahrzehnten, noch heute Nachahmer findet, und sei es durch Mobbing am Arbeitsplatz. Ich bin dem Autor zu tiefst dankbar, dass er über die Salzmanns berichtet hat und wünsche dem Buch sehr viele und aufmerksame Leser!

Der Sohn

Ein Unglück kommt selten allein. So könnte man es schon nach einigen Seiten sagen, liest man Jessica Durlachers neuen Roman „Der Sohn“. Ich stelle die Familienmitglieder am besten einmal vor:
Herman und Iezebel Silverstein, Herman, Jude und einziger Holocaust-Überlebender seiner Familie, Historiker, Iezebel, seine Frau, Nichtjüdin, Sara, die ältere Tochter und Ich-Erzählerin, Journalistin, Tara, die jüngere Schwester, Jacob Edelmann, erfolgreicher Filmproduzent und Saras Ehemann, die beiden Kinder Mitch, neunzehn Jahre alt und Tochter Tess, dreizehn.

Es fängt alles so harmlos mit Kohlrouladen an, die Opa Hermann Silverstein für seine Familie zubereitet. Doch kurz darauf stürzt Opa Herman im Garten von der Leiter und stirbt an den Folgen eines Bazillus, den er sich im Krankenhaus eingefangen hat. Für die Familie ist der Tod unfassbar und so sinnlos, vor allem Sara hat Mühe, über den Tod ihres Vaters hinwegzukommen. Hermanns Geburtsstadt Baden-Baden lädt die Hinterbliebenen zu einer Gedenkfeier nach Deutschland ein. Der Vater hatte ein Gedenkbuch der jüdischen Familien der Stadt verfasst und schon etliche Vorträge dort gehalten. Die drei Frauen beschliessen hinzureisen, nicht zuletzt will Sara einmal die Stadt kennenlernen, in der ihr Vater seine Kindheit bis 1937 verbracht hatte, bevor sie in die Niederlanden flüchteten.1942 wurden die Eltern von der niederländischen Polizei aus ihrem Haus gezerrt und bald darauf in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Tara fährt zwar zu diesem Anlass mit, doch sie ist furchtbar wütend und hält mit ihren zornigen Äusserungen nicht hinter dem Berg.

„Ich habe doch wohl genauso viel Recht, Deutschland zu hassen oder zu lieben wie Papa, oder etwa nicht? Jeder hat ja wohl das Recht auf seine eigenen Gefühle. Und ich fühle ebenso! Deutschland hat meine Kindheit verpestet und mich traumatisiert!“

Tara reist alleine wieder ab. Mutter Iezebel und Sara lassen den Empfang über sich ergehen und beim Essen erfährt Sara von ihrem Tischnachbar, dass dieser vor vielen Jahren ihrem Vater bei der Aktensuche im Archiv geholfen hat und, dass drei sehr persönliche Original-Briefe verschwunden sind, die zwischen Hermans Mutter Zewa und einer Freundin geschrieben worden sind. Sara hört hier das erste Mal von diesen Briefen, die zu einem späteren Zeitpunkt noch eine wichtige Rolle spielen werden.

Zurück in den Niederlanden, wird Sara eines Morgens beim Joggen zuerst mit dem Auto von der Strasse abgedrängt und schliesslich vom Fahrer angefallen. Der Mann kennt ihren Namen, er beschimpft sie auf übelste Weise und drängt sie gegen einen Baum und der weitere Verlauf ist einfach nur widerlich. Die Frau steht Todesängste aus und vermag sich nicht zu wehren. Wird sie mit dem Leben davonkommen? War’s das jetzt? Als ein Radfahrer das verlassene Auto mitten auf dem Weg stehen sieht, fängt er an zu rufen und der Peiniger lässt von Sara ab und sie kann um Hilfe schreien. Doch „das Tier“, wie Sara ihn später nennt, kann unerkannt entkommen. Jacob bringt Sara ins Krankenhaus, wo ihr lädierter Knöchel, die Schürfungen und Prellungen behandelt werden. Aber wie behandelt man eine geschundene Seele, eine zu tiefst verletzte Würde? Mit einem Vollbad lässt sich dieser Dreck nicht wegwaschen. Was genau im Wald passiert ist, erfährt Jacob zu diesem Zeitpunkt nicht, deshalb ist seine Wut bald wieder verraucht. Sara beschliesst zur Polizei zu gehen, nachdem ihr Jacob dazu geraten hat und dort kann sie der Beamtin nichts verheimlichen.

Es vergehen einige Tage, als Saras Mann sie schonend auf einen Brief des gemeinsamen Sohnes Mitch vorbereitet. Mitch, der an der Berkley Universität ein Jahr lang Filmwissenschaften studiert, teilt seiner Familie in einem Brief mit, dass er sich zur Ausbildung bei den US Marines gemeldet hat. Dazu muss der Leser wissen, dass beide Kinder, Mitch und Tess in den Staaten geboren wurden. Sara ist fassungslos und wütend. Während Saras Mann meint, er wollte, er hätte als junger Erwachsener diesen Mut gehabt, kann und will Sara das nicht akzeptieren. Wie kann eine Mutter diesen Schritt ihres Kindes akzeptieren?

„Unsere Beziehung war so eng, dass ich ihm alles verzeihen würde. Bis auf das Sterben.“

Kurzerhand packt sie ihre Koffer und setzt sich in das nächste Flugzeug. Sie muss alles versuchen, um ihren Sohn von seinem Vorhaben abzubringen und das kann nicht mit Worten am Telefon geschehen, sie muss ihren Sohn sehen, ihm ins Gesicht blicken können, um ihn zur Vernunft zu bringen.

Mitch ist nicht gerade begeistert, seine Mutter auf dem Uni-Gelände zu sehen, obwohl er sie von Herzen liebt. Mutter und Sohn stehen sich sehr nahe. Mitch ist wild entschlossen, die Ausbildung bei den Marines, die dreizehn Wochen dauern soll, anzutreten. Wie froh ist Sara, als wider Erwarten Jacob vor ihr steht, den sie noch kurz zuvor am Telefon sprach und ihn in Amsterdam wähnt. Moralische Unterstützung und eine Schulter zum Anlehnen kann sie jetzt dringend gebrauchen. Ihr Mann hat sich aber eher auf die Seite von Mitch geschlagen und Sara muss einsehen, dass die Gespräche Mitchs Entschluss nicht erschüttern können. Die Eltern werden mit Tess noch einmal nach Kalifornien zurückkehren, um mit Mitch die letzten drei Tage, vor dem Einzug ins Boot Camp, zu verbringen.

Der Sohn lässt seine Jugend hinter sich und tritt durch das Tor einer anderen Welt, wo man gedrillt und zusammengebrüllt wird, um eventuell nach dreizehn Wochen, sofern man die übersteht, mit der Graduation abzuschliessen, um danach an irgendeinen Kriegsschauplatz dieser Welt geschickt zu werden. Mitch möchte nach Afghanistan.

Während der Sohn seine Ausbildung beginnt, bricht in Europa die Hölle über die Familie herein. Nachts dringen Einbrecher ins Haus ein, überraschen zuerst die dreizehnjährige Tess und drängen sie anschliessend ins Schlafzimmer der Eltern. Was dann passiert, sei hier nicht verraten, aber nun wird der Roman vollends zum Thriller. Wie ein unheilbares Krebsgeschwür, das sich durch den Körper frisst, dringt das Unheil in diese Familie ein und die Qualen, die die Beteiligten durchmachen und aushalten müssen, kann man sich gar nicht vorstellen.

Was neben den Verletzungen Jacobs das Schlimmste ist, keiner weiss genau, was die Eindringlinge mit Tess angestellt haben, als man sie wieder aus dem Schlafzimmer zerrte. Sara und Jacob können es nur ahnen und gehen fast zugrunde, denn Tess zieht sich nur in ihr Schneckenhaus zurück und spricht nicht einmal offen mit der Polizei über das Erlebte. Keiner dringt zu diesem Mädchen, das mehr und mehr nur noch ein Schatten seiner selbst ist, vor. Diese Ohnmacht ist schrecklich, wenn man nur daneben stehen kann und einem die Hände gebunden sind.

„Und da denke ich an Tess, die oben sitzt, allein mit ihrem Computer. Diese ganze Zärtlichkeit macht mich plötzlich rasend. Ich darf nicht weinen, ich sollte knurren, ich sollte böse sein. Wenn ich weine, verrate ich Tess. Weinen bedeutet, dass man dem nachtrauert, was kaputt und weg ist, weinen bedeutet Kapitulation, Jämmerlichkeit, und das gönne ich ihnen nicht, diesen Schweinen. Wir sind noch da.“

Und was hat Opa Herman Silvestein, der im Krankenhaus gestorben ist, mit der ganzen Geschichte überhaupt zu tun? Das kommt Puzzleteil um Puzzleteil zu Tage, als Iezebel anfängt, das Büro ihres verstorbenen Mannes aufzuräumen um sich auf diese Weise von ihrem Ehemann zu lösen, als sie von einem Prozess erzählt, den Herman wegen des Wintergartens, bei dem gepfuscht wurde, gewonnen hat. Als Tess und danach Sara einen Ordner ihres Vaters nochmals durchblättern und etwas sehen, das sie erstarren lässt und der 2. Weltkrieg spielen eine gewichtige Rolle. Und Mitch, der von den Ereignissen zu Hause lange nichts weiss, ihm ist vielleicht zu verdanken, dass ein junges Pflänzchen, wie Tess, nicht frühzeitig verdorrt und zugrunde gegangen ist.

Schluss, Klappe, Aus. Mehr kann und will ich nicht verraten.

Ich gestehe, dass dies der erste Roman ist, den ich von der niederländischen Autorin, Jessica Durlacher, gelesen und buchstäblich verschlungen habe. Vielleicht ist es gut so, denn was die Autorin da vorlegt, hat mich wirklich umgehauen und all meine Erwartungen übertroffen. Der Roman ist schlichtweg grandios. Ein Marathon könnte nicht anstrengender und qualvoller sein, wenn die Muskeln verhärten und schmerzen. So litt ich mit Sara, denn was heisst es für eine Mutter, wenn der Sohn mitteilt, dass er in die Armee will, wenn man die vielen grausigen Kriegsbilder kennt, die einen ohnmächtig machen? Wie furchtbar ist es für eine Mutter mitansehen zu müssen, wie die Tochter innerlich aufgefressen wird und sie ihr nicht helfen kann? Zeitenweise krampfte sich mir das Herz zusammen und hin und wieder löste sich eine Träne aus meinen Augen. Ich war erschüttert, dann wieder überrascht, wie sich wieder ein Puzzleteil passend in das nächste fügte. Wie bei einem Erdbeben wird die ganze Familie durchgeschüttelt und gerüttelt, um irgendwann, irgendwie wieder auf festen Boden zu stehen zu kommen. In diesem Roman wird Geschichte und Thriller perfekt miteinander verbunden. Absolut empfehlenswert!

Silbermann

Manchmal lohnt es sich, in Verlagsprogrammen zu stöbern. Rein zufällig bin ich auf den Lilienfeld Verlag, Düsseldorf, gestossen, der es sich in der Reihe „Lilienfeldiana“ zur Aufgabe gemacht hat, „seltene literarische Entdeckungen“ (Zitat) in schöner Ausführung, zu präsentieren. Dadurch habe ich den Roman „Silbermann“ von Jacques de Lacretelle, aus dem Jahre 1922 entdeckt. Jacques de Lacretelle ist im deutschsprachigen kaum bekannt und er ist eine Entdeckung wert.

Worum geht es?

Wir befinden uns im Paris, der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Ich-Erzähler geht in die 3. Klasse des Lycée. Ein neuer Schüler kommt nach den langen Sommerferien in die Klasse, David Silbermann. Er hat eine Klasse übersprungen. Er ist so sehr von sich überzeugt, dass er den Schülern, die glauben, er sei bei ihnen bald wieder weg, eine Wette anbietet. Er behauptet, dass er bis Weihnachten mindestens in zwei Fächern Klassenerster sein werde.

Der Ich-Erzähler, er hat keinen Namen, ist von Silbermann fasziniert und beobachtet ihn heimlich während des Unterrichts. David ist so ganz anders als er. Eines Tages trifft er ihn rein zufällig auf der Strasse. Silbermann ist fast schon erstaunt, als ihn sein Klassenkamerad grüsst. Als er ihm später erklärt, warum er sich eher zurückhält, wird klar weshalb: „Weil ich Jude bin“.

Sein Kamerad schwört ihm, dass dies keine Bedeutung für ihn hat. Er schreibt ihm einen Brief und versichert ihm seine Freundschaft. So kommt es, dass die beiden Jungen immer mehr Zeit miteinander verbringen. Silbermann stellt ihn auch den Eltern vor, die sehr offen und herzlich auf Davids Freund zugehen. Das Haus der Silbermanns ist so ganz anders. Voll von wertvollen Möbeln und Antiquitäten. David, ein grosser Freund der Literatur und des Theaters ist sofort bereit, seinem neuen Freund alle Bücher auszuleihen, die dieser wünscht. Er erklärt ihm sehr viel und rezitiert aus französischen Klassikern wie Hugo, Chateaubriand, Racine und vielen mehr. Er bringt ihm eine Welt der Bücher näher, wie sie sein Freund vorher nicht gekannt hat.

In der Schule nehmen die Hänseleien gegenüber Silbermann zu. Auch der bisher beste Freund des Ich-Erzähler, Philippe Robin, macht mit und stellt seinen Freund vor die Wahl: „Entweder ich oder er.“

Die Entscheidung fällt für Silbermann aus. Die beiden Schüler werden unzertrennlich. Oft muss der Freund hilflos zusehen, wie Silbermann in der Pause oder nach der Schule verprügelt wird. Juden sind nicht erwünscht, das wird den Jungen aus dem Umfeld einiger Eltern eingetrichtert. Somit müssen sich Silbermann und sein Freund selber genügen und isolieren sich immer mehr von den Anderen.

Als schliesslich Silbermanns Vater, ein Antiquitätenhändler, in krumme Geschäfte verwickelt zu sein scheint und sogar eine Anzeige beim Staatsanwalt eingeht, spitzt sich die Lage zu. Silbermann ist verzweifelt und bittet seinen Freund, dass dieser mit seinem Vater, der Untersuchungsrichter ist, spricht und ihm klarmachen soll, dass Herr Silbermann unschuldig ist. Ausgerechnet, der Vater will von allem nichts wissen, darf nichts wissen, denn er ist der leitende Untersuchungsrichter im Fall Silbermann.

Der Umgang zu David Silbermann wird dem Ich-Erzähler von seinen Eltern untersagt.

Schliesslich geht Silbermann von der Schule ab, Briefe beantwortet er nicht. So stellt sich sein Freund vors Haus, bis er David nochmals sehen kann. Dieser berichtet ihm, dass er nach Amerika zu seinem Onkel fahren und nie mehr zurückkehren wird. Er redet sich in Rage und hält einen Vortrag über die Juden, die Vorurteile gegenüber seinem Volk und erklärt seinem Freund, dass sie eigentlich allen überlegen seien. Sein Freund bleibt sprach- und ratlos zurück.

Jacques de Lacretelle hat einen Roman geschrieben, der in Frankreich oft als Schullektüre verwendet wird. Die Geschichte ist ein Plädoyer gegen den Antisemitismus und guter Anschauungsunterricht, wie grausam Mitschüler mit ihren Kameraden umgehen können. Die Sprache ist sehr klassisch und schön zu lesen. David Silbermann macht es dem Leser nicht einfach, ihn zu mögen. Denn er zeigt sich gegenüber nicht ganz so intelligenten Schülern, wie er es ist, sehr hochnäsig. So verspielt er auch deren Sympathie und sie schlagen sich auf die Seite der Mobber. Auch seinem Freund fällt auf, dass eines seiner Lieblingsworte „Intelligenz“ ist. Auch er gehört eher zu den mittelguten Schülern. Er steht jedoch bedingungslos zu Silbermann. Aber als dieser nicht mehr da ist, hat es keinen Sinn mehr, sich auszugrenzen und er muss sich wieder an jene Kameraden halten, die noch da sind. Irgendwann ist Silbermann sowieso vergessen und kein Gesprächsthema mehr. Das Leben geht wieder seinen gewohnten Lauf, jedoch hat der Ich-Erzähler in der Zeit mit David Silbermann viel gelernt, nicht nur über die Juden, das Anderssein, die Literatur, sondern auch über seine Eltern, Charakter und Moral und vor allem Toleranz.

Nenn es Schlaf

Es hat gedauert, bis ich dieses Buch endlich ausgelesen habe, nun habe ich es also geschafft. Einerseits wollte ich im Urlaub neue Bücher lesen (kam aber fast nicht dazu) und andererseits war es zwischendurch auch etwas anstrengend. Den Leser erwarten knapp 600 Seiten. Ich bin froh, dass ich endlich durch bin und habe mich mit Freuden auf einfachere Lektüre gestürzt.

Worum geht es?

Wir schreiben das Jahr 1906, der kleine David Schearl erreicht mit seiner Mutter Genya, auf einem Einwandererschiff, New York. Sie sind dem Vater Albert aus Galizien nachgereist, der, noch vor der Geburt Davids, nach Amerika ging. David begegnet seinem Vater hier zum ersten Mal und lernt einen mürrischen, jähzornigen Mann kennen, der ihm nur Verachtung entgegenbringt. Umso mehr klammert er sich an seine Mutter.

Die Familie wohnt im Einwandererviertel der East Side. Davids Vater arbeitet in einer Druckerei, die Mutter kümmert sich um den Haushalt. Sie sprechen nicht englisch und demzufolge bleiben sie unter sich, unterhalten sich selten einmal mit Nachbarn, vorwiegend in jiddischer Sprache. Nach einer Tätlichkeit verliert der Vater die Stelle, findet aber schnell wieder Arbeit in einer anderen Druckerei, wo er sich mit dem Vorarbeiter anfreundet. Oft bringt er ihn zum Essen mit nach Hause. David, ein ängstliches Kind, mag diesen Mann nicht. Die Mutter erweist sich in diesem Fall als sein Zufluchtsort. In ihren Armen fühlt er sich sicher.

„Ohne zu wissen warum, hatten ihre letzten Worte ihn berührt. Was er als Gedanken nicht zu erfassen vermocht hatte, das drückte ihre letzte Geste aus, die letzte sanfte Rauheit ihrer Stimme. Sass diese traumartige, flüchtige Traurigkeit in seinem Herzen oder tränkte sie die fedrige Luft der Küche? Er vermochte es nicht zu sagen. Aber wenn die Luft nur immer so wäre und er immer hier allein mit seiner Mutter. Jetzt war er ihr nahe. Er war ein Teil von ihr.“

Albert verlässt diese Druckerei erneut und fängt als Milchmann an zu arbeiten.

Auch Genyas Schwester Bertha, trifft in New York ein und wohnt, trotz Protest des Vaters, bei der Familie. Er findet Bertha eine widerliche Frau, mit einer „spitzen Zunge“. In der Tat, ist Bertha alles andere als einfach und hält mit ihrer Meinung kaum je hinter dem Berg. So kommt es oft zu Wortgefechten und Verwünschungen und dass Albert und Bertha sich nicht an die Gurgel gehen, ist nur der einlenkenden und ruhigen Art Davids Mutter zu verdanken.

David findet nur schwerlich Anschluss zu den anderen jüdischen Kindern. Sobald ihm etwas missfällt oder er sich auf irgendeine Art ängstigt, zieht er sich zurück. Er bleibt introvertiert, lebt in seiner eigenen, nach innen gekehrten Welt.

Auf Wunsch des Vaters, besucht David die jüdische Elementarschule, den Chejder. Die Schüler müssen sich vor dem strengen Rabbi in Acht nehmen und kassieren so manchen Stockhieb, wenn sie nicht aufpassen oder eine falsche Antwort geben: „Und nun komm und lies.“ Er war nun wieder herrisch. „Und ihr anderen Holzköpfe seht euch vor! Wenn ich euch nur blinzeln höre, zerreisse ich euch nicht in Fetzen, sondern in die Fetzen von Fetzen.“

Als sich David gerade wieder einmal von seinen Kameraden abgewandt hat, fällt ihm ein älterer Junge auf, der auf dem Dach des Nachbarhauses seinen Drachen steigen lässt. David sucht dessen Freundschaft. Leo ist tagsüber sich selber überlassen und kann tun und lassen was er will. Das imponiert David. Obwohl Leo nicht wirklich an dem Judenjungen interessiert ist, wird er neugierig, als er von David erfährt, dass dieser zwei ältere Kusinen hat. Leo ist in einem Alter, wo er sich für das weibliche Geschlecht, nur aus einem Grund, brennend interessiert. Als David dies bemerkt, bekommt er es wieder mit der Angst zu tun. Er willigt trotzdem ein, Leo zu seinen Kusinen zu führen. Mehr sei hier nicht verraten.

Die Ereignisse überstürzen sich schliesslich. Es kommt zum Eklat, da der Vater glaubt zu wissen, dass David nicht sein leiblicher Sohn ist. Er hatte es immer vermutet. Die Mutter befiehlt David zu fliehen, um Schlimmeres zu verhindern. So rennt der Junge in panischer Angst und ziellos durch die Strassen und kommt beinahe um, als er einen Kurzschluss bei den Tramschienen auslöst.

Henry Roth, 1908 selbst mit seiner Familie aus Galizien nach Amerika emigriert, legt uns mit seinem ersten Roman ein gewaltiges Werk vor. Ich bin hin und her gerissen, was ich von diesem Buch halten soll. Einerseits ist es sehr spannend geschrieben, dann wieder wird das Lesen sehr mühsam, ist doch die Sprache, vor allem die der Kinder in einem Slang zwischen jiddisch und englisch angesiedelt (natürlich übersetzt). Ist David im Chejder, kommen auch hebräische Passagen vor. Gut, die kann man überspringen, ich verstehe kein Hebräisch. Aber lest mal, diesen Satz, wenn einer der Jungen, mit offenem Gaumen spricht, liest sich das so: „Dla wljar fe sfon.“ „Flon groljf Bwljnn!“. Keine Angst, diese Abschnitte halten sich in Grenzen 🙂

Zwischendurch war ich nahe dran, das Buch in die Ecke zu schmeissen. Es war mir manchmal einfach zu anstrengend, auch wenn der Autor uns an Davids Traumwelten teilnehmen lässt. Geräusche, Gelächter usw. werden wörtlich geschrieben. Dann hat meine Neugierde wieder überwogen und ich habe mit Freude weitergelesen. Ich wollte wissen, wie diese Familiengeschichte endet. Aber alles in allem, hätte man den Roman um mindestens hundert Seiten kürzen können. Das hätte dem Buch keinen Abbruch getan, im Gegenteil.

Das Buch wurde erst Mitte des Jahres, in einer neuen Übersetzung von Eike Schönfeld, neu herausgegeben. Als es im Jahre 1934 erschienen ist, war Roth gerade einmal 28 Jahre alt. Das Buch fand zwar Beachtung, aber ging doch etwas unter in der damaligen Depressionszeit. Die meisten Amerikaner hatten andere Sorgen, als Romane zu lesen . Erst 1964 wurde der Roman ein Erfolg und gehört heute zu den Klassikern.

Henry Roth hat während sechzig Jahren nichts mehr geschrieben, er litt an einer Schreibblockade. Er arbeitete als Unternehmer und Farmer. Erst als er achtzig Jahre alt und seine Frau gestorben war, schrieb er an weiteren Romanen. 1995 ist der Schriftsteller gestorben.