Darina, die Süsse

Darina, die Süsse

Darina, die Süsse, ist nicht etwa ein junges Mädchen, ein Kind oder eine junge Frau – nein, sie ist schon etwas in die Jahre gekommen, ihre Haare werden dünner, ihr Zopf ist grau. Und mit „die Süsse“ meinen die Dorfbewohner eigentlich, Darina, die Dumme, nur sprechen sie dies nie laut aus.

„Sie hatten weder Grips im Kopf noch Gott im Bauch, ihre Nachbarn, wenn sie dachten, sie sei dumm. Denn Darina war nicht dumm, süss war sie. […] Was war schon dabei, dass sie Dahlienknollen in eine Decke gewickelt hatte? Es war gerade Schnee gefallen, und der Frost hatte noch nicht nachgelassen. […] Hätte sie die Knollen etwa nackt durch die Kälte tragen sollen? Wasjuta trug ihren Enkel schliesslich auch nicht bloss in Unterhosen zum Kindergarten, sondern wickelte ihn erst in eine Decke, nahm ih dann auf und schuckelte ihn durchs Dorf. Was war eine Blume anderes als ein Kind?“

Solche und andere Gedanken macht sich Darina laufend über ihre Nachbarn. Tat der eine etwas Ähnliches wie sie, riss keiner das Maul auf und nannte ihn dumm, nur bei Darina. Darina hörte alles, aber sie sprach nicht mit den Menschen. „Worte konnten Schaden anrichten“, wusste sie, jedoch nicht mehr woher. Lieber sprach sie mit den Bäumen, den Blumen oder mit den Tieren. Sie litt fast täglich an fürchterlichen Kopfschmerzen und fand nur Linderung, indem sie bis über die Hüften ins Wasser des nahen Flusses stand und erst wieder herauskam, wenn sich der Eisenring, der sich um sie gelegt hatte, allmählich löste. Nur die Nachbarin Maria verteidigt Darina gegen das Gewäsch der Dorfbewohner und stopft so manches Lästermaul. Dann ist da noch Iwan, den alle nur Zwytschok – Nagler – nennen, da er Eisen und vor allem Nägel sammelt, um daraus Maultrommeln anzufertigen, die er dann auf dem Markt verkauft. Er schafft es, Darinas Zuneigung zu gewinnen und sich den Nachbarn erneut ein Grund bietet, ihre Mäuler zu zerreissen. Es kommt sogar so weit, dass er vor dem Gemeinderat antraben muss, um Red und Antwort zu stehen. Das bringt den armen Iwan dermassen in Rage, dass er für zwei Wochen in den Knast wandert und er versteht die Welt nicht mehr, als in Darina nach seiner Rückkehr wegschickt.

Der zweite Teil des Romans ist der Geschichte von Matronka und Mychajlo gewidmet, den Eltern von Darina. Das Zeitrad wird bis an den Anfang ihrer Liebe zurückgedreht. Sie erzählt den Alltag der Beiden, die sich selber genügen und sich freuen als ihre Tochter geboren wird. Wir schreiben das Jahr 1940, als Matronka plötzlich verschwindet, als sie mit den Schafen zum Flussufer des Tscheremosch geht.

Die Bukowina hat eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich. Der nördliche Teil gehört heute zur Ukraine, der südliche zu Rumänien. Das Tscheremosch-Tal liegt im Norden und der gleichnamige Fluss bildete von 1919 bis 1939 die Grenze zu Polen.

„Immer wieder geriet ihr Land in den Besitz eines anderen Staates wie eine willenlose Frau in die Hände eines geschickteren Mannes, und deswegen waren die Menschen an den Zwillingshügeln immer wieder und viele Jahre lang, aus denen manchmal Jahrhunderte wurden, durch eine Grenze mitten im Fluss getrennt. Den Fluss liessen solche Veränderungen unberührt.“

Maria Matios siedelt den zweiten Teil ihres Romans in dieser Zeit an, wo die Bewohner am Tscheremosch kaum noch nachvollziehen konnten, wer denn eigentlich gerade das Sagen hatte. Gehörten sie einst zur österreichisch-ungarischen Monarchie, waren sie plötzlich dem Königreich Rumänien zugeschlagen, dann gehörten sie kurz zu Polen und 1940 kamen die Sowjets und schliesslich quartierten sich vorübergehend auch die Nazis im Dorf ein.

Diese historischen Ereignisse werden geschickt im Roman eingebunden und mit dem Schicksal der Dorfbevölkerung und Darinas Familie verknüpft. Stück um Stück wird ein Puzzleteil ans andere gelegt, bis die ganze Tragödie in einem Gesamtbild vor einem ausgebreitet liegt. Trotzdem lässt Maria Matios humorvolle Momente einfliessen, bsp.weise, wenn die Dorfbewohner ihren Klatsch loswerden müssen und man kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Das Buch ist zum Teil harte Kost und lässt einem erschauern, doch es war für mich eine echte Entdeckung und ist eines meiner Literatur-Highlights dieses Jahres.

Maria Matios, geboren 1959 in Rostoky, in der Bukowina, lebt und arbeitet in Kiew. Sie zählt zu den bedeutendsten Gegenwartsautorinnen der Ukraine. Ihre Werke wurden in viele slawische Sprachen, aber auch ins Japanische und Chinesische übersetzt. Der Roman „Darina, die Süße“ wurde mit dem wichtigsten ukrainischen Literaturpreis, dem Schewtschenko-Preis, sowie als Buch des Jahres 2007 in der Ukraine ausgezeichnet. Bei den Parlamentswahlen 2012 kandidierte Maria Matios für die Partei UDAR (Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen) von Vitalij Klitschko. Im Rahmen ihrer politischen Tätigkeit macht sie auf fehlende demokratische Strukturen und Rechtsunsicherheit aufmerksam. Wegen ihres Einsatzes für Demokratie und Meinungsfreiheit sieht sich Maria Matios immer wieder staatlicher Willkür ausgesetzt.

Maria Matios: „Darina, die Süsse“
erschienen im Haymon Verlag, 2013
Übersetzung Claudia Dathe
231 Seiten
ISBN 978-3-7099-7006-5

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Engel des Vergessens

„In den Wald zu gehen bedeutet in unserer Sprache nicht nur, Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heisst auch, wie immer erzählt wird, sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem Hinterhalt anzugreifen.“

Die Ich-Erzählerin, die dies sagt, stammt aus einer Familie, die zur slowenischen Minderheit in Kärnten gehört. Das Zusammenleben zwischen den deutsch-und slowenischsprachigen Österreichern ist lange kein Problem. Dann erfolgt 1941 durch Himmler die Anordnung, dass die Slowenen umgesiedelt werden sollen. Viele Familien müssen ihre Häuser und Bauernhöfe verlassen, werden zwangsgeräumt. Hingegen sollen aus anderen Gebieten Reichsdeutsche, unter anderem aus dem Kanaltal (im heutigen Friaul), in Kärnten angesiedelt werden.

Die Kindheit des Mädchens wird stark geprägt durch die Grossmutter. Ihr folgt sie Schritt auf Tritt wie ein Schatten und erfährt so manche Geschichte aus ihrem Leben, vor allem aus den Jahren während des 2. Weltkrieges. Der Vater ist der Meinung, dass die Kinder diese Geschichten nicht verstehen würden, doch Grossmutter ist da ganz anderer Ansicht. Sie erzählt deshalb, wie sie die Polizisten angefleht habe, ihren zehnjährigen Sohn in Ruhe zu lassen, der doch in die Schule gehen müsse. Das Flehen verhallt im Wind, und eine Woche nach dem Verhör des Buben, wird sie vom Hof geholt und ins Konzentrationslager nach Ravensbrück deportiert. Sie ist bereits für die Vergasung selektiert worden, als eine Wienerin eingreift. Sie tauscht die Lagernummer mit der einer Toten und meint  „wir Österreicherinnen müssen doch zusammenhalten“. Nie hat sie rettendere Worte gesprochen und gehandelt und so überlebt Grossmutter die Gräuel, Krankheit und Hunger. Nach zwei Jahren kehrt sie zu ihrer Familie zurück und erreicht in der Dunkelheit den Hof.

Mitzi, du bist wieder da, habe ihr Mann gerufen und sie so stürmisch umarmt, dass sich ihr Kopftuch gelöst habe und auf den Boden gefallen sei. Er hat mich so heftig umarmt, dass das Kopftuch nur so geflogen ist, sagt Grossmutter und lächelt.“

Der Vater der Ich-Erzählerin ist zwölf Jahre alt, ein Kind – als er mit den Partisanen gegen die deutsche Wehrmacht kämpft. Auch sein Vater schliesst sich den Partisanen in den Wäldern an. Die Frauen sorgen für die Lebensmittel, die sie ihnen bringen oder auf den Höfen abgeholt werden. Eine schwierige und gefährliche Zeit für alle Beteiligten, denn manchmal ist ihnen ein Mitbürger nicht wohl gesinnt und verrät sie und ihre Verstecke.

Die Familie der Ich-Erzählerin leidet häufig unter den Launen des Vaters und seiner Tobsuchtanfällen. Oft bleibt er im Wirtshaus hängen und trinkt zu viel. Irgendwann mag die Mutter ihren Mann nicht mehr holen, weil man sich auf dem Heimweg schämen müsse und schickt stattdessen die Tochter. Er ist beleidigt, wenn man seine Anordnungen nicht befolgt, dann kann er tagelang schweigen. Er spricht von Selbstmord, überhaupt vom Tod und die Kinder werden langsam mit seinem Gift beträufelt, aber nur gerade mit einer Dosis, dass sie daran nicht zugrunde gehen.

Eines Tages begibt sich die Grossmutter für ein paar Tage auf eine Reise, an den Ort, der ihr die qualvollste Zeit ihres Lebens bereitet hat. Aus ganz Europa strömen Frauen in Ravensbrück zusammen. Sie gedenken der Toten, Geschichten werden ausgetauscht und als die Grossmutter zurückkehrt, hat sie zwei Bücher im Gepäck, die sie ihrer Enkeltochter unbedingt zeigen möchte, vor allem aber auch der „ungläubigen“ Mutter, wie sie sagt.

Ausgerechnet am Totenbett der geliebten Grossmutter, erfährt die Ich-Erzählerin die Geschichte ihres Vaters, die namhaft zu seinem Kriegstrauma beigetragen hat. Leni, Grossvaters Schwester, berichtet, wie sie die Situation erlebt hat, als die Polizei auf dem Hof erschien und den Jungen mitgenommen hat. Danach erzählt auch der Vater seinen Teil, der furchtbarer und schrecklicher nicht sein könnte. Unvorstellbar, was einem Kind angetan werden kann! Die Menschen rundherum und seine Tochter, hören seinen Schilderungen aufmerksam zu und erstaunt stellt er fest, wie lange er an einem Stück von sich erzählt hat.

„Ich bin in höchster Aufregung und möchte aufspringen, Fragen stellen, die ich nicht zu Sätzen ordnen kann. Sie bewegen sich in mir als durcheinandergeratene Pfeile, die in alle Richtungen schnellen und voneinander abprallen. […] Seine Erzählung ist zu meiner geworden, stelle ich fest, obwohl ich in diesem Augenblick gar nichts feststellte, nur das Gefühl habe, dass er mir einen Teil meiner eigenen Geschichte erzählt hat.“

Die Ich-Erzählerin besucht auf Wunsch der Mutter das Gymnasium in Klagenfurt. Danach studiert sie Theaterwissenschaften in Wien, kehrt vor Abschluss der Dissertation ins Elternhaus zurück, weil das Stipendium ausläuft. Als die junge Frau nach Hause kommt, ist die Mutter der Ansicht, dass es an der Zeit ist, dass ihre Tochter die Verantwortung für die Familie übernehmen müsse, denn sie habe die Möglichkeit bekommen, die Schule zu besuchen. Die Mutter hat genug von der Ehe und wünscht, ein eigenes Leben führen zu können.

„Ich träume jahrelang nur von Schlangen sagt sie, Nattern und Vipern, wohin ich schaue. Ich werde von ihnen verfolgt und beschlichen. Sie haben schon Nester in mir gebaut. Ich kann das Gift, das mein Mann über mich geschüttet hat, nicht mehr loswerden, sagt sie.“

Es ist keine günstige Zeit, als die Ich-Erzählerin nach Slowenien reist und in Ljubljana lebt, im Land, wo Slowenisch kein Fremdkörper ist und sie nicht schräg angeschaut wird, wenn sie sich in ihrer Muttersprache unterhält. Nach einem Jahr kehrt sie nach Kärnten zurück, denn Krieg liegt in der Luft und sie verlässt das Land, noch bevor die Grenzen von den jugoslawischen Titotruppen kontrolliert und bewacht werden. Der Vater ist ausser sich, als er von den Kriegsabsichten erfährt. Haben die Slowenen aus dem letzten Krieg denn überhaupt nichts gelernt? Doch dies ist wiederum eine ganz andere Geschichte.

Als die Ich-Erzählerin am Theater von Klagenfurt ihre Arbeit aufnimmt, stellt sie fest, dass die slowenische Sprache aus ihren Sätzen verschwindet.

Eines Tages werde ich feststellen, dass sie in meinen Notizen und Aufzeichnungen nicht mehr vorhanden, aus den Schubladen ausgezogen ist, dass sie meinen Schreibtisch geräumt und ihre schönsten Kleider mitgenommen hat.“

Maja Haderlap gibt mit ihrem Roman der slowenischen Minderheit endlich eine Stimme, die man bis jetzt kaum ge- und erhört hat. Viele Menschen haben bisher geschwiegen, wie es der Vater der Ich-Erzählerin auch getan hat. Er mochte sich nie, weder politisch äussern noch engagieren, er meinte bloss: „Schlafende Hunde weckt man nicht“. Es ist erschütternd, was man hier zu lesen bekommt. Erneut zeigt sich, dass Kinder, die erst nach dem Krieg geboren wurden, von den kriegsgeplagten Eltern und Grosseltern geprägt werden und ihren Teil an deren Vergangenheit mittragen müssen. Es wird ihnen eine grosse Last auf den Rücken gepackt. Ich konnte den Roman, der sehr autobiographisch ist, nicht in einem Zug durchlesen. Ich musste das Buch immer wieder auf die Seite legen, denn manchmal wurden mir die Kriegsschilderungen einfach zu viel und es kam mir vor, als hätte man mir einen Felsen auf die Brust gerollt, der mir das Atmen schwer macht. Wie muss es erst für ein Kind sein, das diese fürchterlichen, realen Erlebnisse statt eines Märchens erzählt bekommt und mit den Traumata der Erwachsenen aufwachsen muss? Viele Szenen konnte ich bildlich vor mir sehen. Gleichzeitig findet die Autorin wunder-schöne Worte, um Gefühle auszudrücken. Sie spielt mit der Sprache, mit den Worten. Man merkt an vielen Stellen, dass sie sonst Lyrik schreibt.

Teilweise war es zwar anstrengend, wenn sich eine Aufzählung von slowenischen Namen über eine halbe Seite hinzog. Sie füllten die Zeilen wie auf einem Kriegerdenkmal für Gefallene. Namen werden erwähnt, die nicht im Gedächtnis haften bleiben, sind aber wichtig, um einfach klarzumachen, wie viele Familien ein ähnliches Schicksal erleiden mussten. Das Buch hat es verdient, viele aufmerksame Leser zu erhalten, weil es, meines Erachtens, nötig ist, dass man von den Scheusslichkeiten in all ihren Facetten, die nicht nur Juden, sondern auch die Kärntner Slowenen mit ihren Familien erdulden mussten, endlich erfährt bzw. sie nicht vergisst. Der Wallstein Verlag hat ein bedeutendes Buch herausgegeben und zu Recht hat Maja Haderlap dafür den Ingeborg Bachmann-Preis 2011 erhalten.

Chronik der Nähe

„Chronik der Nähe“ der deutschen Autorin Annette Pehnt, erzählt die Geschichte von drei Frauen: Grossmutter, Mutter und Tochter. Die Zeitspanne reicht vom 2. Weltkrieg bis heute. Das Buch ist bei Piper erschienen und die Autorin wurde im gerade erst im Mai mit dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet.

Annie wächst während des 2. Weltkrieges auf und wird von ihren Eltern meist alleine gelassen. Der Vater, ein Kunstmaler, ist auf dem Lande und malt seine Bilder, während die Mutter unterwegs ist, um bei den Bauern Lebensmittel zu beschaffen. Wie sie, trotz Geldmangel, zu Butter und anderen Köstlichkeiten kommt, bleibt ihr Geheimnis. Oft kommt sie erst mitten in der Nacht von ihren Streifzügen nach Hause.

„Dann holte sie langsam und feierlich ein in Zeitung eingeschlagenes Stück Butter aus der Manteltasche, ihre Beute für Annie: der Preis für die Stunden allein im Obstgarten, und Annie hatte sich zu freuen über die Butter und Mutters Mut.“

Das Wohnhaus der Familie wird, kurz vor Ende des Krieges, zerbombt und nicht nur das, auch Annies Vater fällt eines Tages einfach tot um, unbegreiflich für das Kind. Einige Zeit leben nun Mutter und Tochter in einer Baracke, mit ihnen auch Onkel Hermann, der ebenfalls sein Obdach verloren hat. Die Mutter ist nun für alle drei verantwortlich und beschliesst, in die Stadt zu ziehen, wo sie in der neuen Wohnung einen Mittagstisch einrichtet. Nun sitzen Beamte und Lehrer und eine ältere Dame an ihrem Tisch und geniessen das deftige Essen, das Annies Mutter für sie zubereitet. Annie muss mithelfen und gibt zudem Nachhilfestunden in Latein und Französisch. Sie wird älter und muss sich die begehrlichen Blicke der Gäste, auch die vom Onkel und Berührungen der Jungen über sich ergehen lassen. Annie atmet deshalb auf, als Mutter beschliesst, diese Arbeit aufzugeben und sich an einer Apotheke beteiligt, indem sie dem Apotheker Geld leiht. Woher Mutter das Geld hat, ist erneut schleierhaft. Annie muss noch einige Pläne der Mutter über sich ergehen lassen, auch eine Ferienreise in den Schwarzwald, die ihr sehr zuwider ist.

„Abitur“, murmelt der Onkel Hermann und kneift die Augen abschätzig zu Schlitzen, „und wozu soll das gut sein für ein junges Mädchen.“

Annie studiert und befreit sich so aus der Umklammerung ihrer Mutter und des Onkels. Nur noch selten findet sie den Weg nach Hause, keine Zeit. Doch Briefe, die schafft sie und was wichtig ist, dass sie der Mutter immer ihre Liebe beteuert.

Die Tochter von Annie, erlebt der Leser als Ich-Erzählerin, die inzwischen Mutter von zwei Kindern ist. Sie sitzt an mehreren Tagen am Spitalbett ihrer sterbenden Mutter und spricht in einem Monolog zu Annie, da sie nicht mehr sprechen kann. Sie lässt ihr bisheriges Leben als Kind und junge Erwachsene Revue passieren, spricht von ihren vielen Ängsten, die sie schon als kleines Mädchen geplagt haben. Sie hatte Angst, ihre Eltern könnten sie verlassen und deshalb war sie immer froh, wenn sie die Schuhe im Korridor stehen sah, denn ohne Schuhe geht niemand fort. Selbst beim Probealarm in der Schule erstarrte sie vor Angst, ausgerechnet sie, die den Krieg nicht erlebt hat. Sie berichtet über die schönsten Stunden, die sie bei ihrem Therapeuten erlebte, weil er ihr zugehört hatte und der sie fragte, wie es ihr ginge.Annie warf ihrer Tochter vor, dass sie als Baby immer nur geschrien und dadurch unter Schlafmangel gelitten habe. „Schlafentzug ist Folter“. Von ihrer Mutter erfuhr sie nur sehr wenig über deren Kindheit und erst kurz vor der Einweisung ins Spital, schafft es die junge Frau, Annie zu einer gemeinsamen Reise zu überreden. Immer hatte die Mutter eine Ausrede und in den Schwarzwald wollte sie auf gar keinen Fall. Auf Rügen kommen sie sich endlich näher und die Tochter möchte so viele Fragen stellen.

„[…] aber müde könntest du sein und sagen, komm, Schatz, das war ein langer Tag: schnell. Eine Frage muss her, welche nehme ich, welche ist die wichtigste, welche wird die Türen öffnen, alle auf einmal.
– Komm, Schatz, sagst du, so allmählich wird es Zeit.
Ich greif deinen Arm, fast erschrickst du, so fest, und rufe, warte, Mama, irgendeine Frage wir mir ja wohl einfallen: Wann genau hast du eigentlich Papa geheiratet.“

Die Verzweiflung der Ich-Erzählerin aus diesem Abschnitt ist förmlich heraus zu spüren. Welches ist der richtige Moment und wie bringt man die Mutter endlich dazu, etwas aus ihrer Vergangenheit zu erzählen? Doch es ist verständlich, dass Annie, die Zeit , die ihre Kindheit und Jugendzeit betrifft, die durch den Krieg und die Nachkriegszeit geprägt ist, am liebsten ausblenden würde. Als Kind, sich viel alleine überlassen, erinnert sie sich nur gerade an einen gemeinsamen Ausflug mit Vater und Mutter. Drei Frauengenerationen, in denen die Väter und Ehemänner nur am Rande in Erscheinung treten, wollen geliebt werden, von ihrer Tochter oder Mutter. Annie erfährt von ihrer Mutter Distanz, dann wieder wird sie fast zu Liebe genötigt. Die Mutter will bewundert werden und erwartet Applaus von Annie. Umso schwerer fällt es Annie, sich ihrer eigenen Tochter zu öffnen, was durch diese in ihrem Selbstgespräch am Spitalbett schmerzlich zu spüren ist. Die ersehnte Nähe lässt Annie nicht zu.

Annette Pehnt hat auf zwei verschiedenen Ebenen, in der erzählenden Vergangenheit und durch den Monolog der Ich-Erzählerin, ein wunderbares und für mich sehr starkes Buch geschrieben. Sehr eindringlich waren für mich die Schilderungen, in der das Kind Annie von ihrer Mutter in den Schutzraum eingesperrt wurde, denn die Beine wollten sie einfach nicht mehr tragen, wenn die Sirene heulte. Es wurde von diesem Mädchen sehr viel abverlangt und sie musste früh sehr eigenständig werden. Die Autorin macht einem bewusst, dass die Vergangenheit der Eltern immer auch das eigene Leben in irgendeiner Weise mitprägen wird. Nach der Lektüre schätzt man sich umso glücklicher, wenn man auf eine Kindheit zurückblicken kann, die Nähe und Liebe zuliess ohne dazu erpresst worden zu sein.

Den Trailer zum Buch gibt es hier

Familie Salzmann

Den österreichischen Schriftsteller Erich Hackl lernte ich bereits durch sein Werk „Abschied von Sidonie“ kennen. Als ich vor einigen Monaten eine Leseprobe des 2010 erschienen Buches „Familie Salzmann“ Erzählung aus unserer Mitte, las, war mein Interesse schnell geweckt. Und ich wusste, diese Erzählung möchte ich lesen.

„Es war vor allem dieser eine beiläufige Satz, der Hanno nachhaltig schaden sollte: Meine Oma ist in einem KZ umgekommen.“

Man sollte meinen, dass gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine solche Äusserung Entsetzen, Neugier, Anteilnahme, hervorrufen sollte, doch es traten andere Ereignisse ein, die kaum zu verstehen sind. Hanno Salzmann ist der Enkel von Hugo und Juliana Salzmann, die sich anfangs der 1930er-Jahre in Bad Kreuznach über den Weg laufen. Juliana, ist eines von dreizehn Kindern, und ist auf Arbeitssuche. Hugo Salzmann arbeitet als Stadtverordneter im Rathaus, wo er für Erwerbslose und Ausgesteuerte zuständig ist. Schon früh erkennt er die Gefahren des Nationalsozialismus und kämpft gegen diese an. Das sollte ihn und seine Frau, die 1932 Hugo jun. zur Welt bringt, schon bald zum Verhängnis werden. Sie haben keine andere Wahl, als zu flüchten und kommen so nach Frankreich und auch einige Monate in die Schweiz. Ihr Sohn Hugo kennt von Kindsbeinen nichts anderes als von einem Ort zum anderen zu ziehen und immer wieder von der Barmherzigkeit und Grosszügigkeit anderer Menschen abhängig zu sein. Wie so viele andere Menschen auch, wurde die Familie im Krieg auseinandergerissen. Der Vater wird verhaftet und kommt in ein Lager. Später stellt sich auch Juliana Salzmann, als sie erfährt, dass eine Freundin verhaftet werden soll, die ihnen geholfen hat. Sie weiss, dass drei Kinder die Mutter noch weniger entbehren können als ein Kind. Für Hugo wird organisiert, dass er über das Rote Kreuz zu seiner Tante Ernestine in Stainz, in der Steiermark, gebracht werden kann. Ernestine schaut zu Hugo, als wäre es ihr eigener Sohn. Wie ein Spinnennetz ziehen nun die Briefe ihre Fäden durch Österreich und Deutschland, um einmal den Vater, dann wieder die Mutter, die hilfsbereiten Geschwister von Juliana und Freunden und zurück zu Sohn Hugo zu gelangen. Die Mutter gibt ihrem Sohn aus dem KZ Anweisungen, wie er sich bei der Tante benehmen und in der Schule gut aufpassen solle.

Juliana wird ihren Sohn nicht wiedersehen. Sie stirbt im KZ. Kurz nach dem Krieg kommt der Vater, nach einer Gefängnisstrafe frei. Doch es vergeht noch einige Zeit, bis er seinen Sohn zu sich holt. Hugo erlebt kein Glück bei seinem Vater, der inzwischen wieder verheiratet ist und eine kleine Tochter hat. Hugo ist glücklich, wenn er in den Sommerferien seine Tante besuchen kann. Später geht er freiwillig in die DDR, wo er seine Frau kennenlernt. 12 Jahre mühen sie sich im Sozialismus ab und schaffen es schliesslich mit dem ersten Sohn in den Westen, nach Wien, auszureisen. Auch jetzt ist es wieder das Haus von Ernestine, in der die zweite und dritte Generation Salzmann unterkommt. Nach den Jahren in der DDR ist es in Österreich nicht einfach, Fuss zu fassen und im Arbeitsleben mitzuhalten. Auch hier steht ihnen ein beschwerlicher Weg in die Zukunft bevor, vor allem weil der Erstgeborene an spastischen Lähmungen leidet. Der zweitgeborene Sohn Hanno tritt als junger Mang eine Stellung in einer Krankenkasse an. Wir befinden uns inzwischen in den 1990er-Jahren, das Leben wird diesem jungen Mann so schwer gemacht, dass man am liebsten laut schreien möchte. Es ist erstaunlich, was diese Familie alles über sich ergehen lassen musste und bewundernswert, wie sie trotz aller Grausamkeiten ihrer Mitmenschen nicht verzagt haben. Ich verneige mich tief vor diesem Mut und Kraft, die in diesen Menschen vorhanden ist.

Erwin Hackl hat ein beklemmendes Buch über eine Familie geschrieben, deren schweres Los sich, wie ein roter Faden, über drei Generationen zieht und auch vor dem neuen Jahrtausend nicht halt gemacht hat. Erschüttert hat mich aber auch, dass die Bosheiten und Grausamkeiten, aus vergangenen Jahrzehnten, noch heute Nachahmer findet, und sei es durch Mobbing am Arbeitsplatz. Ich bin dem Autor zu tiefst dankbar, dass er über die Salzmanns berichtet hat und wünsche dem Buch sehr viele und aufmerksame Leser!