Das Missverständnis

Das Missverständnis

Yves stammt aus einer reichen Pariser Familie und ist um die dreissig. Er hat als Soldat im ersten Weltkrieg gedient und wurde verletzt. Die physische Verletzung hat er überlebt, doch psychisch haben ihn die Jahre verändert. Das Vermögen, das ihm seine Eltern hinterlassen haben und das ihn angenehm leben und reisen liess, hat sich nach dem Krieg praktisch in Luft aufgelöst. Er ist genötigt, sich eine Arbeit zu suchen und nun verbringt er seine Tage am Schreibtisch einer Presseagentur. Um einige Wochen Sommerurlaub am Meer, nahe der spanischen Grenze, verbringen zu können, spart er sich das Geld vom Munde ab. Einst hatte er hier mit seinen Eltern glückliche Tage seiner Kindheit verbracht.

„Er hob den Blick und betrachtete sich im Spiegel. Seine Seele glich an diesem Morgen so sehr seiner Kinderseele an jenen strahlenden Ferienmorgen, dass das Siegelbild ihm eine schmerzlich Überraschung bereitete: Er sah das Gesicht eines Mannes um die dreissig, müde, blass, mit unreinem Teint und einem kleinen bitteren Zug um den Mund; das Blau der Augen schien verblichen zu sein, und die Lider waren schwer und hatten ihre Langen, seidenweichen Wimpern verloren …“

Yves trifft im Hotel zufällig auf einen Mann, der im selben Lazarett behandelt wurde. Dieser verbringt hier seinen Urlaub mit der jungen Ehefrau und seiner kleinen Tochter, bevor er geschäftlichen Verpflichtungen in London nachgehen muss und seine Familie allein im Hotel zurücklässt. Yves lernt Denise bei gemeinsamen Spaziergängen näher kennen und verliebt sich in die schöne und verwöhnte Dame aus reichem Haus. Sie beginnen sich heimlich zu treffen und zu lieben.

Als der Sommer endet, muss Yves nach Paris zurückkehren. Die sonnigen und unbeschwerten Urlaubstage machen wieder dem grauen Arbeitsalltag im Büro Platz. Denise eilt weiterhin zu ihrem Geliebten, die Stunden zählend, bis zu ihren Treffen. Die Tage werden ihr lang und sie hat viel Zeit um über ihren Gedanken zu  brüten und auf ein Zeichen ihres Geliebten zu warten.

„Und warum hatte er nicht gewollt, dass sie zu ihm kam? Ihre Phantasie vergrösserte, verzerrte die kleinsten Einzelheiten ins Monströse … Wer weiss? Vielleicht betrog er sie doch? Konnte man das wissen? Er hatte vielleicht noch eine andere Geliebte. Vielleicht war er ihrer längst überdrüssig geworden und zu einer früheren Geliebten zurück-gekehrt …“

Yves ist nicht mehr derselbe Liebhaber wie am Meer. Der Arbeitsalltag frisst ihn auf. Die Kriegsjahre haben ebenfalls seine Spuren hinterlassen und lassen sich nicht mehr einfach wegwischen. Die Sommerfrische ist längst wieder aus seinem Körper gewichen.

[…] Andere – die Leidenschaftlichen – trugen ihre Revolte, ihr Fieber, ihr qualvolles Begehren unter die Menschen. Wieder andere – zum Beispiel Yves – waren nach ihrer Rückkehr einfach nur müde. Sie hatten zunächst geglaubt, dass die Müdigkeit ein vorübergehender Zustand wäre und die Erinnerung an jene dunklen Stunden sich in dem Mass abschwächte, in dem das Leben wieder ruhig, normal und friedlich verliefe, dass sie eines Tages aufwachen würden und kräftig, fröhlich und jung wären wie zuvor. Doch die Zeit verging, und „es“ blieb und frass an ihnen wie ein langsam wirkendes Gift. […]

Während Yves vor allem Ruhe und Geborgenheit in den Armen seiner Geliebten sucht, giert sie nach den berühmten drei Worten, ob sie nun echt oder gelogen sind, und will bewundert und begehrt werden. Es folgen Streitigkeiten und Eifersuchtsszenen. Als Denise ihr Leid ihrer Mutter klagt, hält diese ihrer Tochter den Spiegel vor. Doch auch die Standpauke der Mama hilft nicht allzu viel – im Gegenteil. Sie kommt auf eine ganz dumme Idee.

Bei Einladungen in der noblen Gesellschaft, in der sich die junge Frau bewegt, ist Yves geduldet, doch finanziell kann er nicht mithalten, was ihm beinahe das Genick bricht, wäre da nicht ein alter Freund, auf den er hofft. Die Differenzen zwischen dem Liebespaar werden immer grösser. Der Giftstachel steckt in der Liebesbeziehung und sie scheint nur noch ein einziges Missverständnis zu sein.

Irène Némirovsky schrieb ihren ersten Roman „Das Missverständnis“ bereits als 23-jährige Frau, der nun endlich in deutscher Sprache vorliegt. Schon hier zeigt sich, welch gute Beobachterin die Autorin war, wenn es darum ging, die grossbürgerliche Gesellschaft in all ihren Facetten zu beschreiben. Sie war zudem eine Meisterin, wenn es darum ging, einem Gefühlszustände mit ihren Worten fast bildlich vor Augen zu bringen. Kein Wunder, dass die Autorin zwischen den beiden Weltkriegen zum Star der französischen Literatur avancierte, bevor sie 1942 deportiert und in Auschwitz starb. Es bleibt mir weiterhin eine Freude, all die Romane, die sie bis zu ihrem Tode zu Papier brachte, zu lesen und ich hoffe sehr, dass es noch einige zu entdecken gibt.

Irène Némirovsky: „Das Missverständnis“
Knaus Verlag
Erscheinungsjahr 2013
171 Seiten
ISBN 978-3-8135-0467-5

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Leise Musik hinter der Wand

Leise Musik hinter der Wand

„Als Arjadna das Licht der Welt erblickte, war ihre Mutter Lisa zwanzig, ihre Grossmutter fünfundvierzig und ihr Grossvater fünfundsechzig Jahre alt.“

Arjadnas Grosseltern gehörten einem russischen Adelsgeschlecht an, das mit der Revolution 1917 sein Ende fand. Die Grosseltern entgingen dem sicheren Tod, in dem sie sich den politischen Gegebenheiten anpassten und deshalb wurde aus Scheremetjewa kurzerhand der bürgerliche Name Schermet.

Innerhalb der Familie wurde trotzdem auf gute Manieren und Bildung Wert gelegt, so war es nicht verwunderlich, dass Arjadnas Vater, als Mann aus dem einfachen Volke, nur ein kurzes Gastspiel in der gräfischen Familie gab. Mutter Lisa war noch viel zu jung, um sich gegen ihre Eltern aufzulehnen. So wächst Arjadna, kurz Ada genannt, ohne ihren Vater auf. An Liebe und Fürsorge sollte es ihr deswegen aber nicht mangeln.

Als Ada zwanzig Jahre alt ist, heiratet sie das erste Mal. Ossja ist Medizinstudent und angehender Urologe. Ada, die keine speziellen Fähigkeiten hat, studiert erst einmal an der Philosophischen Fakultät. Der Rest würde sich schon geben.

„Ada hatte keine klar ausgeprägten Talente, ausser dem Talent zu gefallen. Sie gefiel allen ohne Ausnahme: den Jungen und den Alten, den Klugen und den Dummen, den Katzen und den Hunden, den Militärs und den Bürokraten.

Ada hatte auch keine besonderen Neigungen. Sie wollte lieben und geliebt werden und mehr nicht.“

Ada schenkt einem Sohn das Leben, der, nach einem schwierigen Jahr, endlich ein Kindermädchen zur Betreuung erhält. Die alte Tante Gruscha ist ganz vernarrt in den Jungen und kümmert sich fortan um Marik, so dass Ada unbesorgt ihrer Arbeit beim Fernsehen nachgehen kann.

Mit der Perestrojka ändert sich auch das Leben der Menschen in Russland. Obwohl es Ada und ihrer Familie gut geht, fehlt ihr etwas.

„Aber Ada wartete die ganze Zeit auf irgendetwas. Es war wie auf dem Bahnhof: Um sie herum Getümmel, jede Menge Leute, aber all das war nur vorübergehend, denn es war fremdes Getümmel, fremde Menschen. Und dann würde ihr Zug kommen und sie mitnehmen in ein anderes Leben.“

Als Mirka, die ständig auf Adas Leben eifersüchtig ist, einen Freund zum Essen mitbringt, fängt es auch in Adas Leben wieder an zu prickeln. Sie verliebt sich ausgerechnet in einen Mann, der beim KGB arbeitet. Ob Spion oder Wissenschaftler spielt keine Rolle, denn Ada liebt den Mann und nicht dessen Beruf. Sie sind füreinander bestimmt – selbst ein Auslandaufenthalt ihres Geliebten, kann die beiden nicht auseinanderbringen. Ada scheint ihr Glück gefunden zu haben.

In kurzen und knappen Sätzen, bringt mir Viktorija Tokarjewa den Alltag der Russen
näher, die sich immer wieder mit neuen Gegebenheiten arrangieren müssen und das
Beste daraus machen. Mit viel Humor beschreibt sie die Menschen und die
Tischgespräche geben einen tiefen Einblick in die russische Seele. Gekonnt
flicht sie dabei die Geschichte des Landes mit ein, ohne zu langweilen. Sie läuft ganz automatisch mit wie ein Film. Auch ihre Protagonistin Ada muss sich immer wieder umstellen und einige Schicksalsschläge wegstecken. Dank ihrer Kreativität und ihres Geschicks erarbeitet sie sich im Laufe ihres Lebens einen gewissen Wohlstand und wird vor allem durch die Liebe beflügelt. Ihre quirlige Freundin Mirka spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle und ist stets zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle. So kann ich mit einem Lächeln das Buch zuklappen und Ada beruhigt ihres Weges ziehen lassen.

„Ada vertrocknete ohne Zärtlichkeit. Lieben und geliebt werden, das war ihre Selbstverwirklichung. Tage ohne Liebe, das waren für sie Tage, die an den Teufel verschenkt sind. Sie hatte dem Teufel ein ganzes Jahr geschenkt, ganze zwölf Monate. Sie hatte wie unter Wasser gelebt, ohne Luft zu holen und mit geschlossenen Augen, ohne auch nur zu blinzeln. Aber jetzt tauchte sie auf und schwamm ans Ufer.“

Viktorija Samojlovna Tokarjewa, wie die Autorin mit vollem Namen heisst, wurde 1937 in St. Petersburg (Leningrad) geboren. Sie schloss ihr Studium an der Leningrader Musikhochschule im Fach Klavier ab und studierte bald darauf an der Moskauer Filmhochschule das Drehbuchfach. Es entstanden mehr als 15 Filme nach ihren Drehbüchern und sie erhielt zweimal den ersten Preis beim Internationalen Moskauer Filmfestival. Ab 1964 widmete sie sich voll und ganz der Literatur, nachdem ihre erste Erzählung veröffentlicht wurde. Sie lebt heute in Moskau.

Viktorija Tokarjewa: Leise Musik hinter der Wand
Erscheinungsjahr 2013
Diogenes Verlag
176 Seiten
ISBN 978-3-257-06861-0

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Hazel ist sechzehn und in ihrem Körper hat sich der Krebs eingenistet „Schilddrüse mit  Metastasen in der Lunge“. Damit ihre Atmung gewährleistet ist, hat sie einen ständigen Begleiter bei sich – das Sauerstoffgerät. Ihre Mutter ist der Ansicht, dass Hazel zurzeit Depressionen hat und deshalb die Selbsthilfegruppe, die wöchentlich am Sonntag zusammenkommt, besuchen sollte. Rausgehen und Freunde finden, wie sie meint.

„In jeder Krebsbroschüre oder Website oder Infoseite werden Depressionen als Nebenwirkung von Krebs genannt. Doch in Wirklichkeit sind Depressionen keine Nebenwirkung von Krebs. Depressionen sind eine Nebenwirkung des Sterbens.“

Die Selbsthilfegruppe, findet Hazel „ätzend“, die Mitglieder wechseln ständig und die Rede ist immer von Kampf, Krieg und Sterben. Nur den Eltern zuliebe geht sie hin, denn Hazel möchte, dass sie glücklich sind. Vor drei Jahren wurde sie von der Schule genommen. Zu Hause vergräbt sie sich hinter Büchern oder schaut mit ihren Eltern „America’s next Top Model“ im TV. Daneben schlägt sie immer wieder ihr Lieblingsbuch „Ein herrschaftliches Leiden“ auf, das eine Art Bibel für sie ist.

Hazels Leben erhält eine andere Fahrtrichtung, als ausgerechnet an jenem Sonntag, an dem sie nur widerwillig zur Selbsthilfegruppe aufbricht, ein Neuer auftaucht. Der Typ ist äusserst attraktiv und starrt sie völlig unverschämt an. Bisher hat sie sich nicht sonderlich für Jungen interessiert. Generell versucht sie Freundschaften zu vermeiden, sieht sie sich doch selbst als „Zeitbombe“. Augustus Waters, genannt Gus, flirtet heftig und kommt mit ihr ins Gespräch. Er selbst hat durch den Krebs ein Bein verloren und trägt eine Prothese. Zurzeit ist er ohne Befund.

In kleinen Schritten und äusserst zurückhaltend nähern sich die beiden, führen lange Gespräche über ihre Lieblingsbücher, Filme, ihr Leben. Auf den ersten Blick könnte man meinen, das sei nichts Aussergewöhnliches, doch die beiden Protagonisten sind durch ihre Lebenssituation reifer als andere Teenager ihres Alters. Ihre Krankheit hat sie früher erwachsen werden lassen. Hazel muss sich sehr bald eingestehen, dass sie diesen Jungen, mit dem schiefen Lächeln sehr, sehr mag. Er gibt ihr auch das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Als die beiden auch auf ihren Herzenswunsch zu sprechen kommen, ist Gus etwas enttäuscht, als er erfährt, dass Hazel sich einen Besuch im Vergnügungspark gewünscht hat. Deshalb schenkt er ihr seinen Herzenswunsch, der nach der Lektüre von Hazels Lieblingsbuch auch zu seinem wird – den Autor von „Ein herrschaftliches Leben“ zu treffen. Das Buch endet mitten im Satz – Fragen drängen sich auf, wie die Geschichte weitergeht.

Nach einigen Bedenken, die  Hazels Ärzte äussern, tritt sie in Begleitung ihrer Mutter und Gus die Reise über den Atlantik nach Amsterdam an, wo ein persönliches Treffen mit dem Autor arrangiert ist. Hazels Mutter lässt den beiden Teenagern genügend Freiraum und zieht sich diskret zurück. So verbringen die beiden eine aussergewöhnliche Zeit miteinander, die sie schliesslich auch ins Haus des Autors führt, der sich dann zwar als „Riesenarschloch“ herausstellt, denn er hängt ständig an der Flasche. Gemeinsam mit der Assistentin des Autors besuchen Hazel und Gus das Anne Frank-Haus und ausgerechnet in diesem Haus wird Hazel zum ersten Mal geküsst.

„Der Raum um uns verschwand, und einen merkwürdigen Moment lang mochte ich meinen Körper richtig gerne; dieses vom Krebs zerfressene Ding, das ich seit Jahren mit mir herumschleppte – plötzlich schien es all die Kämpfe wert zu sein, die Schläuche und Katheter und den unaufhörlichen körperlichen Verrat der Metastasen.“

Die Unbekümmertheit wird durch Gus‘ Geständnis im Hotel schnell zerstört. Noch vor der Abreise nach Europa wird bei ihm erneut der Ausbruch des Krebses festgestellt. Die Bestie frisst sich langsam und unerbittlich wieder durch seinen Körper. Die Therapie hat er für die Reise extra unterbrochen.

„Einen grossen Teil meines Lebens habe ich damit verbracht zu versuchen vor den Menschen, die mich liebten, nicht zu weinen. Daher wusste ich genau, was Augustus da tat. […] und weil du kein Kummer sein willst, darfst du nicht weinen, und das alles redest du dir ein, während du zur Decke siehst, und dann schluckst du, obwohl sich deine Kehle nicht schliessen will, und siehst den Menschen, der dich liebt, an und lächelst.“

Eine Faust legt sich mir auf den Magen und ich fange ebenfalls an zu schlucken, so sehr nehmen mich die Worte in Beschlag, als würde Gus mir diese schreckliche Mitteilung machen und nicht Hazel.

Hazel, die immer davon ausging, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, begleitet nun ihren Freund im Krebs-Endstadium. Das Klingeln des Telefons schreckt sie jedes Mal auf – wer weiss, welche Nachricht sie erwartet. Die Eltern machen sich auch um ihre Gesundheit Sorgen und wollen Hazel nicht mehr aus dem Haus lassen, denn sie ist ständig unterwegs. Das Mädchen setzt all ihre Kräfte für ihren todkranken Freund ein. Sie hat sich inzwischen von ihren Eltern gelöst und eilt zu Gus, wann immer es ihr möglich ist – nichts und niemand kann sie aufhalten:

„Und jetzt wollt ihr, dass er endlich stirbt, damit ich wieder hier in diesem Kerker rumsitze und du dich wieder so um mich kümmern kannst wie früher. {…] Ich brauche dich nicht mehr wie vorher. Du brauchst mich, weil du diejenige bist, die sonst nichts im Leben hat.“

John Green hat einen aussergewöhnlichen Jugendroman geschrieben, mit Themen, die unter die Haut gehen. Ich rechne es dem Autor hoch an, dass er nicht den leichten Weg für das Ende des Buches gewählt hat, es verkommt auch nicht zur Schnulze. Lachen und Weinen wechseln sich ab. Mit viel Witz und Ironie versuchen diese Teenager ihrer Krankheit etwas den Ernst zu nehmen. Sie wollen so normal wie möglich behandelt werden. Manche Situation wirkt urkomisch und man wagt zu lachen.Trotzdem blieb mir das Lachen manchmal im Halse stecken, denn die Tränen schmuggelten sich am Lachen, in die erste Reihe vorbei.

Die Altersangabe von dreizehn Jahren finde ich eher an der unteren Grenze, schon der Sprache wegen, und es wäre wünschenswert, wenn der junge Leser mit der Lektüre nicht alleine gelassen, sondern von Erwachsenen begleitet würde, um über den Lesestoff sprechen zu können, denn Krankheit und Tod verbindet man im Normalfall mit Alter und nicht mit Jugend. Ich wünsche dem Buch auf jeden Fall viele Leser – Jugendliche sowie auch Erwachsene.

Gerade in diesen Tagen, schlug ich die Zeitung auf und fand auf der Seite der Todesanzeigen ein Inserat der Krebsliga, mit dem Text „1 von 3 erkrankt im Laufe des Lebens an Krebs“. Einen Tag später finde ich in unserem Briefkasten einen Spende-Brief der Krebsforschung und ein Arbeitskollege erzählte mir, dass ein Freund von ihm eine achtstündige OP vor sich habe – Diagnose Darmkrebs. Eine Krankheit, die uns, in irgendeiner Weise, alle angeht.


Geschwisterkinder

Kennt man sich, ist man miteinander vertraut, nur weil man Bruder und Schwester ist und die Kindheit in der gleichen Familie verbracht hat?

In fünf Kapiteln erzählt uns die Autorin Hanna Lemke vom Alltag der Geschwister Milla und Ritschie, die in derselben Stadt leben, nicht weit voneinander entfernt. Unaufgeregt und auf leise Weise erleben wir, wie die beiden jungen Menschen ihr Leben bewältigen. Der Alltag scheint banal zu sein und viel passiert nicht, wie es bei anderen auch der Fall ist. Milla arbeitet in einem Spielzeugladen, Ritschie in einer Zeitungsredaktion. Die beiden sehen sich nicht oft. Wenn man sie als Aussenstehender belauscht, könnte man kaum glauben, dass sie Bruder und Schwester sind. Es könnten auch zwei Fremde sein, die sich erst kennengelernt haben. Die Sätze sind knapp, man tauscht nur das Nötigste miteinander aus, vieles bleibt ungesagt.

Zwei Ereignisse veranlassen die beiden, wieder mehr aufeinander einzugehen, sich einander anzunähern:
Doktor Charles meldet sich bei Ritschie unverhofft per Telefon zu Besuch an. Doktor Charles ist ein alter Bekannter der Eltern. Wenn er in der Stadt weilt, dann kommt er Ritschie besuchen. Es schaudert den jungen Mann jetzt noch, wenn er an den letzten Besuch zurückdenkt. Der Gast machte sich breit, wie in seinen eigenen vier Wänden. Doktor Charles ist ein neugieriger Mensch und begierig darauf zu erfahren, ob denn Ritschie inzwischen eine Freundin hat. So erfährt Milla mehr zufällig, dass ihr Bruder seit einigen Wochen mit Fabienne zusammen ist. Die Geschwister gehen mit Doktor Charles zum Essen, Milla ist froh, als sie sich von den beiden wieder abnabeln kann. Ritschie zieht sich am nächsten Morgen zurück, überlässt seinem Gast die Zweitschlüssel seiner Wohnung und eilt zu seiner Freundin.

„Er spürte, wie ihm der Schweiss in die Handflächen schoss, kribbelnd, als er die Wohnungstür hinter sich zuzog und die Treppen hinunterlief. Es kam ihm lächerlich vor, dass er vor Charles davonlief, wie als Kind vor dem schwarzen Mann […]“

Fabienne ist es, die sich Ritschie geangelt hat. Er glaubt, dass sie ihn nur zum Herzeigen bei ihren Freunden braucht, die ihm nicht sympathisch sind. Er spürt, dass diese Beziehung nicht von Dauer sein wird. Sie bedeutet ihm zu wenig.

Und Milla? Sie trifft sich hin und wieder mit Simon. Fühlt sie sich im einen Moment in seinen Armen geborgen, stösst sie seine Nähe beim nächsten Mal ab und sie kann sich nicht erklären weshalb.

Bei der Hochzeit von gemeinsamen, aber flüchtigen Bekannten, fragt sich Ritschie in der Kirche, ob seine Schwester überhaupt an Gott glaubt. Nie haben sie darüber geredet. Still sitzt sie da, mit den Händen in ihrem Schoss. Milla fühlt sich nicht wohl auf der Hochzeit, sie steht zwischen all den Menschen, wie ein verirrtes Reh und scheint völlig verloren. Sie erzählt Ritschie, dass sie Angst hat, aber nicht weiss wovor. Der Bruder versucht sich zu erinnern, wie Milla als Kind war und wie er selbst.

„Er erinnerte sich genau an die Angst, die er früher manchmal gehabt hatte. Einfach Angst, dachte er; nicht vor etwas Bestimmtem, immer nur als Gefühl, das ihn umgebe hatte. Wie ein schwerer Mantel, zu eng und fest zugeknöpft, als dass Ritschi ihn mal eben hätte ablegen können.“

Als bei Millas Nachbarn eines Tages die Möbelpacker kommen, stellt sich Milla vor, wie die Möbelpacker ihre Wohnung leerräumen, bis nichts mehr da ist und dieser Gedanke gefällt ihr. Sie hat sich nicht einmal getraut, als sie den Nachbarn längere Zeit nicht gesehen hat, bei ihm zu klingeln.

Eines Tages holt Ritschie seine Schwester im Laden ab. Milla erinnert sich an die Kindheit, als sie mit ihrem Bruder auf den Autofahrten manchmal gestritten haben und der eine „Nein“ und der andere “Doch“ gesagt hat. Wenn es dann eine Weile still war, fragte der eine den anderen „Geht deine Maschine noch?“ So kommt sich Milla auch jetzt vor.

„Ich muss gar nichts mehr machen“, sagte Milla. Ich bin im Grunde gar nicht mehr da. Da ist diese Maschine, die übernommen hat und die alles für mich regelt.“

Ritschie nimmt Milla mit zu sich nach Hause, hier in der Küche reden sie weiter. Der Leser nimmt Abschied von den Geschwistern, denn es stellt sich eine Vertrautheit zwischen den beiden ein, die sich wie eine Blütenknospe langsam öffnet und wir brauchen uns keine Sorgen mehr zu machen, die der Betrachter zuvor beklemmend gespürt hat.

Hanna Lemkes Erzählung kommt auf leisen Sohlen daher, so wie die Angst, die keinen Lärm macht. Die Geschichte berührt dennoch. Man spürt förmlich, wie die Einsamkeit, wie ein kalter Wind, diese jungen Menschen umweht. Sie hält Bruder und Schwester in ihren Klauen, wie der Adler seine Beute. Banal plätschert das Leben der beiden dahin, nichts passiert. Auch die Liebe geht an den Türen der Geschwisterkinder vorbei und klopft anderswo an. Milla ist ihre eigene Zuschauerin, steht irgendwie neben dem Leben und Ritschie, der schafft es, er ist der grosse Bruder. Ritschie und Milla, Bruder und Schwester, sie kommen mir vor wie Hänsel und Gretel, die sich im Wald verirrt haben, bis ihnen ein Lichtschimmer den Weg aus dem Dunkel weist und sie zurückführt ins helle Leben.

Acht Minuten

Péter Farkas erster Roman handelt von einem alten dementen Ehepaar. Der alte Mann und die alte Frau, wie die beiden schlicht genannt werden, bewältigen ihren Alltag auf ihre Weise. Für den alten Mann ist es nicht einfach, seine Frau anzukleiden, sie zu waschen, auch wenn sie sich wieder einmal eingekotet hat, und sie abends ins Bett zu stecken.

Er, der zu Anfang mit Allem noch besser zu Recht kommt, merkt, dass auch bei ihm nicht mehr alles zum Besten steht. Lesen geht plötzlich nicht mehr, wie er will, ein grosser Verlust. Er fängt an, ganze Seiten aufs Mal umzublättern, braucht viel Zeit, um sich den passenden Lesestoff auszusuchen.

„Er merkte plötzlich, dass sein Kopf ungemein schwer wurde, sobald er ein Buch aufschlug und anfing den Sinn der Buchstaben zu ergründen, als hätte man ihm alles Blei der alten Lettern um den Hals gehängt.“

Als die Haushalthilfen, die Betten des Ehepaares separat stellen, schlafen die alten Leute kurzerhand in einem Bett. Es spielt keine Rolle, wenn es etwas enger wird. Sie können nicht plötzlich, nach so vielen Ehejahren alleine schlafen. Sie gehören doch zusammen. Manchmal steht die alte Frau auf, legt sich auch einfach mal irgendwo in der Wohnung auf den Boden, dann holt sie der alte Mann wieder ins Bett.

„Er zog den hutzeligen Körper, dem scheinbar alle festen Stoffe entzogen worden waren, an sich und drückte ihn zärtlich, bis dieser allmählich die Wärme seines Körpers und den Rhythmus seines Atmens übernommen hatte.“

Es geht nicht ohne den Anderen, sie erleben den Tag manchmal ohne viele Worte zu verlieren, erleben auch Amüsantes und können über Dinge lachen, die unsereiner nicht mehr lustig finden würde. Aber das spielt für sie keine Rolle. Der alte Mann weiss, wie er seine Frau nehmen muss, in ihren guten und auch schlechten Momenten. Sie verstehen sich, denn ihre Liebe ist gross und stark und reicht über ihre Demenz hinaus, bis zum letzten Atemzug.

Péter Farkas wurde für diesen Roman mit dem Sándor-Márai-Preis ausgezeichnet und erhielt den Preis für den besten Debüt-Roman in Ungarn. Ich kann die Beweggründe einer jeden Jury für die Auszeichnung nachvollziehen. Dieser Autor hat eine bewegende Geschichte geschrieben. Sie ist nicht abstossend, sondern rührt einen tief im Herzen und wenn man in einer Partnerschaft lebt, kann man sich nur wünschen, dass man ebenso sehr geliebt wird, wie Farkas uns dies in seinem Roman vorzeigt.

Ada liebt

Es gibt Romane, die liest man, danach legt man das Buch beiseite und vergisst es wieder. „Ada liebt“ gehört definitiv nicht zu dieser Kategorie bei mir.

Unterschiedlicher könnte ein Paar nicht sein, Ada, bei der sich alles um Literatur und Oper dreht, und Bo, der Bauer, der Kühe und Schweine hat und dessen Leitsau, irrtümlich Siegfried heisst. Ausgerechnet auf der Beerdigung von Adas Tante Rosi, läuft sie Bo, der als Sargträger fungiert, über den Weg, als dieser das Gebetsbuch auf den Sarg hinunter fallen lässt. Nach der Bestattung begleitet Ada ihren Vater nur allzu gern jede Woche  auf den Friedhof, um Bo zu begegnen. Bei beiden springt der Funke über und Ada fährt regelmässig zu Bo auf den Bauernhof. Ada kann nicht viel mit dem Bauernbetrieb anfangen, es riecht nicht nur im Stall, sondern auch in der Küche nach Schweinen, die Kühe mag sie auch nicht anfassen. Und wenn sie bei Bo übernachtet, jucken ihre Füsse. Trotzdem hängt sie sehr an Bo, kann ihm aber ihre Liebe nicht zeigen. Die berühmten drei Worte bringt sie in seiner Gegenwart nicht über die Lippen. Oft bleiben ihr ganz einfach die Worte weg. Ada hat nicht gelernt sich auszudrücken, lieber verschanzt sie sich hinter ihren Büchern, wie sie es schon in ihrer Kindheit stets getan hat.

Nach dem Schulabschluss zieht Ada in die Stadt, um Literaturwissenschaften zu studieren. Da sehen sich Ada und Bo nur, wenn Ada zu ihren Eltern fährt. Dann fährt sie raus zu Bo, wo er für sie kocht und sie liebt, wie sie ist. Bo hat ein grosses Herz und steht voll im Leben, Ada hingegen steht daneben. Als Bo Ada in der Stadt besucht und in der Oper vor lauter Müdigkeit einschläft, versteht Ada dies nicht. Zwei völlig verschiedene Welten prallen aufeinander.

Ohne Bo geht es nicht, mit ihm geht es auch nicht. Sie vermisst ihn, wenn er nicht bei ihr ist, seine Stärke, den Geruch, einfach alles. Für Adas Mutter ist die Liebe das Wichtigste im Leben, der Vater ist eher wie Ada, nach ihm schlägt sie und kann ihre Gefühle nicht zeigen.

Nicole Balschun hat zwei Figuren geschaffen nach dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“. Man wünscht dem Paar so gerne eine gemeinsame Zukunft. Manchmal hatte ich das Bedürfnis, Ada anzuschreien in ihrer Unentschlossenheit, ich wollte sie schubsen und zu ihr sagen: „Mensch, Mädel, worauf wartest du? Du hast das Glück, eine grosse Liebe zu erleben. Lauf und halt sie fest!“

Der Roman ist wahrlich eine Perle und mit viel Herz geschrieben. Mal urkomisch, dann wieder zum Verzweifeln, wegen der Bockigkeit Adas und ihrer Naivität und Weltfremdheit, und dann wieder todtraurig. Mir war, als würde ich danebenstehen und den Beiden zuschauen. Ich hab das Buch verschlungen und habe es seufzend beiseitegelegt, aber Ada und Bo haben mich noch lange beschäftigt und nicht losgelassen. Wie schön war es, dass ich mit meinem Liebsten, der selber von einem Bauernhof stammt, über dieses Buch diskutieren konnte.

Mein Vater aus Paris

Antonio Skármeta

Mein Vater aus Paris

Jacques lebt mit seiner Mutter in einem kleinen chilenischen Dorf. Sein Vater, Franzose, besteigt den Zug, um nach Paris zurückzukehren, als Jacques von seiner Ausbildung als Lehrer nach Hause kommt. Eines Tages fragt ihn ein Schüler, ob er schon einmal im Bordell gewesen sei und ob er ihn mitnehmen würde. Dafür würde er bei der Verkupplung mit seiner älteren Schwester, Teresa, behilflich sein.

Jacques war selber noch nie im Bordell und so bricht er, an einem Samstag mit dem Müller, einem alten Freund seines Vaters, nach Angol, der Provinzstadt, auf, um das Bordell zu besuchen. In der Stadt stösst er auf seinen Vater und ist erstaunt, dass dieser gar nicht nach Frankreich abgereist ist. Jacques erwähnt gegenüber seiner Mutter nichts von dieser Begegnung. Warum Jacque’s Vater nicht in Paris ist, sei hier nicht verraten.

Die Geschichte des Autors Antonio Skármeta ist kurz, denn sie erstreckt sich gerade mal über vierundneunzig Seiten. Trotzdem lohnt es sich, diesen Roman, der von Liebe und Sehnsucht, von Verlangen und Schmerz erzählt, zu lesen, denn sie ist voller Zärtlichkeit. Und schon nur das wunderschöne Cover, mit diesen Blumen und Schmetterlingen, verdient, dass das Buch in die vorderste Reihe gestellt wird.