Georg Büchner Revolutionär mit Feder und Skalpell

Was haben Erich Kästner, Friedrich Dürrenmatt, Elfriede Jelinek, Paul Celan oder Felicitas Hoppe gemeinsam, ausser dass sie Schriftsteller waren oder sind? Sie alle haben schon einmal den Georg Büchner-Preis erhalten, den wichtigsten Literaturpreis in Deutschland und dem deutschsprachigen Raum. Er wird seit 1923 an Künstler vergeben, die aus der Heimat Büchners, aus Hessen, stammen, wenigstens bis 1950 war das so. Ab 1951 wurde der Preis in einen allgemeinen Literaturpreis umgewandelt und wird jährlich an Autoren vergeben, die sich mit ihrer Arbeit der deutschen Sprache besonders verpflichtet fühlen. Max Frisch war 1958 der erste ausländische Schriftsteller, der diesen Preis entgegennehmen durfte.

Georg Büchner (1833)

Georg Büchner (1833)

Georg Büchner wurde am 17. Oktober 1813 in Goddelau, dem Grossherzogtum Hessen, geboren. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie nach Darmstadt, die zur damaligen Zeit 21’000 Einwohner hatte. 1/3 der Bevölkerung war in der Verwaltung tätig. Und für diese vielen Verwaltungsangestellten wurde eigens ein neues Stadtviertel gebaut, in dem auch die Familie Büchner, die immer grösser wurde, ein Haus in der Grafenstrasse 39 bezog.

Modell des Büchner-Hauses in Darmstadt

Modell des Büchner-Hauses in Darmstadt

Die wichtigsten kulturellen Einrichtungen in dieser Residenzstadt waren das Opernhaus, die Bibliothek und das Museum.

Darmstadt um 1818

Darmstadt um 1818

Georg war acht Jahre alt, als er zuerst die Privatschule des Theologen Carl Weitershausen besuchte. Mit elf Jahren wechselte er ins Gymnasium, dem „Pädagog“, wie es schlicht genannt wurde. Er lernte Latein, Griechisch und Französisch und mit vierzehn Jahre konnte er Shakespeare, der zu jener Zeit sehr populär war, auswendig. Noch lieber jedoch war im Goethes „Dr. Faust“. Ein Mitschüler sagte über ihn: „Er muss beim Lesen etwas zu denken haben.“ Mit 17 1/2 Jahren verlässt er das Gymnasium und im Zeugnis wird ihm unter anderem in Deutsch ein „vorzüglich“ und in Mathematik ein „mangelhaft“ bescheinigt.

Georg Büchners Vater war Mediziner, wie die meisten männlichen Familienangehörigen. So sollte auch der Sohn ein Medizinstudium absolvieren. Mit achtzehn Jahren ging Büchner nach Strassburg und belegte an der Universität Naturwissenschaften. Er bezog ein Zimmer beim evangelischen Pfarrer Johann Jakob Jaeglé und machte so die Bekanntschaft mit dessen Tochter Wilhelmine, kurz Minna genannt, mit der er sich 1832 heimlich verlobte.

Wilhelmine Jaeglé

Wilhelmine Jaeglé

Strassburg war zu jener Zeit, mit 50’000 Einwohnern bedeutend grösser als seine Heimatstadt Darmstadt, deren Umgebung er als „kolossal langweilig“ empfand. Während seines Aufenthaltes erlebte er den Empfang der geschlagenen Generäle aus dem Polenaufstand. Er begann sich für politische Freiheiten einzusetzen und Vorträge zu halten. Nach zwei Jahren, ein längerer Studienaufenthalt ausserhalb Hessens war nicht erlaubt, ging er 1833 an die Universität in Giessen, wo ihm weder die Mitstudenten noch die Lehrkräfte zusagten. Er konnte nun auch aus nächster Nähe sehen wie die Bevölkerung unter der Gewalt des Staates zu leiden hatte und gründete die Geheimorganisation „Gesellschaft für Menschenrechte“. Die Trennung von seiner Verlobten Wilhelmine machte ihm ebenfalls zu schaffen und er schrieb an sie:

„Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei ist. Hügel hinter Hügel und breite Thäler, eine hohe Mittelmässigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen, und die Stadt ist abscheulich.“

Sein Engagement sich für mehr Gerechtigkeit, vor allem für die unterdrückte Landbevölkerung, einzusetzen, bewog ihn, im Hessischen Landboten, der 1834 herauskam, eine Flugschrift mit dem Titel „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ zu verfassen, die die arme Landbevölkerung zur Revolution gegen die Unterdrückung aufrufen sollte. Obwohl der Text von Friedrich Ludwig Weidig, einem Oppositionellen aus Hessen-Darmstadt abgeschwächt wurde, indem er etliche Passagen strich, kam die Schrift bei der Landbevölkerung gut an, da ihr vor Augen geführt wurde, wie sie mit ihren Steuerzahlungen den Hof finanzierte.

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Im September 1834 wurde schliesslich ein Kurier mit diesen Flugschriften verhaftet, die fleissig zwischen Darmstadt und Giessen verteilt wurden. Auch Büchners Zimmer wurde in dessen Abwesenheit durchsucht. Er wurde zwar ebenfalls verhört, aber nicht festgenommen, so dass er noch rechtzeitig vor seiner Verhaftung nach Strassburg fliehen konnte. In Hessen wurde er steckbrieflich gesucht.

Steckbrief

Steckbrief

In Strassburg verfasste er in wenigen Wochen das Stück „Dantons Tod“, das erst 67 Jahre später zur Uraufführung kam. Aus dem Französischen übersetzte er Victor Hugo und schrieb die Erzählung „Lenz“, die sich mit dem Schriftsteller Jakob Michael Reinhard Lenz befasste.

Manuskript "Dantons Tod"

Manuskript „Dantons Tod“

Zwischendurch wendete er sich wieder seinen Studien zu und erforschte das Nervensystem der Fische. Er sezierte eine Barbe und schrieb seine Dissertation „Abhandlung über das Nervensystem der Barbe“. Diese Arbeit legte er 1836 auch der Universität Zürich vor. Die Universität wurde 1831 gegründet und war die erste Uni Europas, die durch ein demokratisches Staatswesen gegründet wurde. Büchner wurde nach Zürich eingeladen, um eine erste Probe-Vorlesung zu halten. Der erste Rektor war so entzückt, dass er den jungen Mann noch vom Katheder herunter für eine Anstellung empfahl. Er schickte dann auch seinen eigenen Sohn in die Vorlesungen Büchners.

Aus Briefen an seine Eltern geht hervor, dass Georg Büchner von Zürich und den Dörfern begeistert war, die sauber und schön anzusehen waren, auch die Bürger beschrieb er als angenehm und weltoffen. Noch in Strassburg hatte er begonnen am Stück „Woyzeck“ zu arbeiten, das er unvollendet nach Zürich mitnahm. Es blieb Fragment, denn die Tinte, die er in Strassburg benutzt hatte, verblasste und es war nicht mehr alles lesbar. Trotzdem ist das Drama „Woyzeck“, das im Laufe der Jahre noch stark verändert wurde, das meist aufgeführte Theaterstück deutscher Literatur und wurde auch von Werner Herzog, mit Klaus Kinski in der Hauptrolle, verfilmt. Das Stück basiert auf mindestens zwei Mordfällen, einerseits erstach tatsächlich ein Johann Christian Woyzeck 1821 aus Eifersucht eine Frau in Leipzig und 1830 Johann Diess seine Geliebte in Darmstadt.

Johann Christian Woyzeck

Johann Christian Woyzeck

Uniform aus Werner Herzogs Film "Woyzeck"

Uniform aus Werner Herzogs Film „Woyzeck“

Am 20. Januar 1837 legte sich Büchner erkältet und mit Fieber ins Bett. Es handelte sich jedoch um Typhus. Seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé wurde noch rechtzeitig benachrichtigt, so dass sie anwesend war, als Georg Büchner am 19. Februar 1837, gerade mal 23-jährig starb.

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Wohnhaus und Gedenktafel in Zürich

Totenbuch der Grossmünster Gemeinde

Totenbuch der Grossmünster Gemeinde

Das Literaturmuseum Strauhof in Zürich widmet seine zweite Ausstellung in diesem Jahr Georg Büchner unter dem Titel „Georg Büchner Revolutionär mit Feder und Skalpell“, die noch bis am 1. Juni 2014 besucht werden kann.

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… so leben sie noch heute

Es war einmal ein Geschwisterpaar namens Jacob und Wilhelm Grimm. Vor 200 Jahren gaben die Brüder den ersten Teil ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ heraus. Aus diesem Anlass ist den Gebrüdern Grimm und ihren Märchen im Museum Strauhof, in Zürich, eine Ausstellung gewidmet „So leben sie noch heute“ 200 Jahre „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm.

Gebrüder Grimm

Ich trete in den ersten Raum und stehe gleich vor einem Brunnen, auf dessen Rand eine goldene Kugel platziert ist. Man ahnt es, es kann sich nur um den Froschkönig handeln. Und tatsächlich sitzt der Frosch mitten im Brunnen. Von den Decken baumeln Kopfhörer, über welche man Ausschnitten, aus der reichen Sammlung dieser Märchen, lauschen kann. Bei einigen errät man leicht, um welche Erzählung es sich handelt, andere hingegen sind einem weniger geläufig.

Gebrüder Grimm-Ausstellung_10Der Raum ist abgedunkelt. Ich nehme den Weg zwischen bodenlangen dunklen Stoffbahnen, die mit Bäumen bedruckt sind. Der Wald, durch den Hänsel und Gretel gewandert sind? Erleuchtet steht ein schwarzes Schloss, erhaben auf einem Hügel. Wohnt dort Schneewittchens Stiefmutter? Jedes Bild assoziiert man gleich mit einem Märchen.

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Originalmanuskript von „Das Brüderchen und das Schwesterchen“

Im zweiten Ausstellungsraum erfahre ich mehr über die Entstehung der Märchensammlung. Es war nicht so, dass es sich nur um mündliche Überlieferungen handelte, die die Gebrüder Grimm zusammengetragen hatten. Vieles existierte bereits in schriftlicher Form. Aschenputtel, Rotkäppchen, Dornröschen oder der gestiefelte Kater waren bereits beim französischen Schriftsteller Charles Perrault, in “Historie ou contes du temps passé”, 1697, enthalten. Einflüsse kamen auch aus den “Erzählungen aus 1001 Nacht”, die bereits anfangs des 18. Jahrhunderts vom Arabischen ins Französische übersetzt worden waren.

An Weihnachten 1812 sollte der erste Band der “Kinder- und Hausmärchen” ausgeliefert werden. Er erschien dann allerdings erst zu Beginn des Jahres 1813, der zweite Band im Januar 1815. Zu Lebzeiten der Gebrüder Grimm erschienen sieben Auflagen. Die Auflage von 1857 wurde durch Jacob und Wilhelm Grimm selbst betreut und sie enthielt dannzumal zweihundert Märchen. Es ist zu erwähnen, dass es sich dabei nicht nur um Märchen handelte, sondern es waren auch Fabeln, Schwänke und Legenden darunter.

Im Laufe der Zeit wurden die Texte, auch auf Anraten von Freunden und Bekannten, immer wieder überarbeitet und kindergerechter verfasst. Damit wollten sie erreichen, dass die Märchen auch mündlich vorgetragen werden konnten. Die Gebrüder Grimm wurden hauptsächlich von Familien aus gebildeter Schicht bei ihrer Arbeit unterstützt. Zu ihnen zählten die Familien Wild und Hassenpflug oder auch die Schwestern Annette und Jenny von Droste-Hülshoff. Eine der berühmtesten Märchenbeiträgerinnnen war Dorothea Viehmann, die aus einer Hugenottenfamilie stammte. Da sie die französische Sprache beherrschte, kannte sie wahrscheinlich auch viele französische Märchen, die Eingang in die Sammlung erhielten.

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Englische Ausgabe (1846) mit Bild von Dorothea Viehmann

Im Obergeschoss betrete ich einen Raum, in dem verschiedene Märchen als Trickfilm von Walt Disney zu sehen sind: “Der Froschkönig” (The princess and the frog) aus dem Jahre 2009, “Hänsel und Gretel” von 1932 (Babes in the wood) und wohl einer der bekanntesten Trickfilme, nämlich “Schneewittchen” (Snow White and the seven dwarfs), aus dem Jahre 1937.

Gebrüder Grimm-Ausstellung

Zum ersten Mal setze ich mich vor einen IPad, um “Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich” als interaktives Buch anzuschauen. Dabei kann ich mich entscheiden, ob ich den Text lesen oder vorgelesen haben will. Mit Harfenklang blättert sich Seite um Seite um, tippt man zusätzlich auf die goldgelben Rädchen, dann bewegt sich noch Einiges auf dem Bild. Es ist eine Spielerei und ich muss gestehen, dass die animierten Bilder komplett vom Text ablenken und mir nicht geeignet für Kinder scheinen, denn auf zwei Dinge kann man sich gar nicht konzentrieren. Deshalb ist dem Papierbuch sicher der Vorzug zu geben.

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„Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“
S. Fischer Verlag, 2012, interaktiv

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Die Tapete des Ausstellungsraumes ist eine Vergrösserung aus „Kinder- und Hausmärchen“ mit handschriftlichen Notizen

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Dann stehe ich vor der Vitrine mit Bilderbüchern. Über Kopfhörer höre ich dem Schweizer Illustrator Felix Hoffmann zu, wie er seinen Kindern das Märchen vom kleinen Däumling erzählen will. Ich sage explizit “will”. Es ist auffallend, dass die Kinder den Erzähler immer wieder unterbrechen, da sie sich wohl sehr intensiv mit den Illustrationen im Bilderbuch auseinandersetzen und deshalb ständig Fragen stellen. Bereits 1932 begann Felix Hoffmann das erste Märchen zu illustrieren. Im Laufe der Jahre kamen etliche Märchenbücher, die er illustriert hat, hinzu und jedes einzelne Märchen wurde von ihm graphisch anders umgesetzt. 1972 umfasste die Gesamtauflage über 600’000 Bücher, die auch international sehr bekannt und erfolgreich waren.

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diverse Bilderbücher
Illustrationen von Felix Hoffmann

Die Wissenschaft befasst sich mit den Märchen, analysiert und interpretiert deren Inhalt und fragt sich, wie wichtig oder gefährlich sind Märchen für Kinder. Selbst in der Ökonomie werden Märchen herbeigezogen, da sie „verschiedene Sozialkompetenzen aufzeigen – die sich auch für Manager als nützlich erweisen sollen.“

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von oben links im Uhrzeigersinn: Aschenputtel, illustriert von Kveta Pacovská, 2010, minedition / Grimms Märchen, illustriert von Klaus Ensikat, 2010, Tulipan Verlag / Hänsel und Gretel, illustriert von Sybille Schenker, 2011, minedition

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Märchenbilder massenhaft verbreitet. Dadurch rückte das Bild teilweise vor den Text. So hat man bei vielen Märchen gewisse Bilder vor Augen wie etwa Aschenputtel vor dem Herd, Schneewittchen im gläsernen Sarg und den versammelten sieben Zwergen, Rotkäppchen mit dem Wolf etc.

Die Illustration hat sich dem Geschmack der jeweiligen Zeit angepasst. Da gibt es die klassische Illustration bis hin zur Kunstform, so gesehen bei Aschenputtel, 2010 illustriert von der tschechischen Künstlerin Květa Pacovská, für die Ausgabe bei minedition. Im Ausstellungsführer ist zu lesen:

“Was sich für Kinderbücher nachweisen lässt, nämlich dass die erwachsene Käuferschaft mit nostalgisch gefärbtem Blick durch die Buchläden geht, gilt für Märchenausgaben erst recht.”

Zu dieser Kategorie muss auch ich mich zählen, denn beim Betrachten der diversen Märchenbücher-Ausgaben gefällt mir die eher klassische Version, illustriert von Tatjana Hauptmann im “Das grosse Märchenbuch” von Diogenes, aus dem Jahre 1987, besser, als die kunstvoll inszenierten Ausgaben.

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Gustav Weise’s Kinderbibliothek
Stuttgart: Weise 1885

Besonders angetan bin ich in der Ausstellung von einem Märchenbuch als kleine und handliche Taschenausgabe aus dem Jahre1885 “Gustav Weise’s Kinderbibliothek”. In einer Sammelmappe, mit Stoffband verschliessbar, sind Märchen als einzelne Hefte herausnehmbar.

In den Märchenbüchern des 19. Jahrhunderts kam vor allem der Kupferstich zur Anwendung. So illustrierte auch der Bruder Ludwig Emil Grimm, der unter anderem Kupferstecher war, die Bücher seiner Brüder.

Mit “Aschenputtel” in den verschiedensten Verfilmungsarten, als Trick- oder Spielfilm endet der Rundgang der Ausstellung. Bereits 1899 wurde durch George Méliès der erste Märchenfilm gedreht. Inzwischen gibt es an die 130 Filme über Aschenputtel, Cinderella, Cendrillon. Da schaue ich mir “Cinderella”, von 1922, als Schattenspiel von Lotte Reiniger an oder aus demselben Jahr, aber ganz der damaligen Mode angepasst, oder den Trickfilmvon Walt Disney.

Völlig quer in der Landschaft und ganz und gar nicht mehr mein Geschmack ist“Swing Shift Cinderella” von Ted Avery aus dem Jahre 1945, wenn auch die Musik toller Swing ist. Aschenputtel mutiert zur Revuetänzerin und -sängerin und hat kaum noch etwas mit dem Originalmärchen zu tun.

Den Abschluss bilden diverse Ausschnitte aus Aschenputtel-Spielfilmen, vom Stummfilm von 1911 bis zum College-Film 2004, ob aus den USA, aus der CSSR oder Italien und Frankreich, ist alles vertreten. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu erraten, welcher Aschenputtel-Film gerade läuft, als ich eine mir sehr bekannte Melodie höre – die Sprache ist von “Drei Nüsse für Aschenbrödel” aus dem Jahre 1973. Ich sass damals vor dem Schwarzweiss-Fernseher und nahm die Melodie mit meinem Kassettengerät auf. Ja so umständlich war das mit der fehlenden Technik damals.

Die meisten Kinoproduktionen kamen für das Weihnachtsprogramm heraus, wie es auch heute noch durch das Fernsehen übernommen wird, so auch für “Drei Nüsse für Aschenbrödel”. Ca. 80% der in Europa und Nordamerika herausgekommenen Märchenfilme gehen auf die “Kinder- und Hausmärchen” der Gebrüder Grimm zurück bzw. enthalten Stoffe, die in diesen vorkommen.

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Drei Nüsse für Aschenbrödel (CSSR/DDR) 1973

Beglückt von einem spannenden Rundgang, verlasse ich die Märchenwelt und trete den Heimweg an. Welch wunderbaren Schatz verdanken wir diesen beiden Brüdern! Wie viele wunderbare Stunden haben sie uns mit ihrer Sammlung an Märchen, als wir Kinder waren, geschenkt und noch als Erwachsene. Mit glänzenden Augen haben wir den Geschichten gelauscht und der Erfolg der Märchen ist ungebrochen. Eine Märchensammlung für die Ewigkeit.

Wer die Möglichkeit zu einem Besuch nicht hat und sich trotzdem ausführlicher informieren möchte, kann sich den Ausstellungsführer unten als PDF herunterladen.

Ausstellungsfuehrer_Grimm_Einzelseiten

Ausstellung vom 13.03. – 09.06.2013
Museum Strauhof, Zürich

Bücherhimmel – Bücherhölle

„Lesen und Sammeln, zwischen Lust und Wahn“

„Bücher sind leidenschaftliche Verführer. Eine packende Lektüre, eine reich bestellte Bibliothek, exquisite Editionen lassen das Herz des Bibliophilen höher schlagen.

Im Lesen und Büchersammeln steckt aber auch der Keim zur regellosen Sucht. Für die eigene Bücherliebhaberei hat der Pariser Arzt Guy Patin 1654 den Begriff der „Bibliomanie“ geprägt, frei nach einer berühmten Sentenz des Erasmus von Rotterdam: „Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn“.

Dies sind die einleitenden Worte zur Ausstellung im Museum Strauhof, die ich noch kurz vor Ihrem Ende (die Ausstellung dauert nur noch bis 25.11.2012) besucht habe.

Für jeden der gerne liest, sind Bücher eine schöne Sache. Die einen lesen ein Buch und geben es wieder weg. Die anderen können sich nicht von ihren Lieblingen trennen und stellen sie ins Regal, um sie immer wieder zu betrachten, sie in die Hand zu nehmen und nachzuschlagen – vielleicht sogar, um sie wieder einmal zu lesen. Dann gibt es die Sammler, die hinter Erstausgaben herjagen, bibliophile Schätze suchen oder alles und jeden Schnipsel zu einem speziellen Genre oder einem Thema sammeln und bewahren. Wo es auch nicht mehr um die Lektüre geht, sondern nur noch um das Buch. Das Buch kann auch zum Kunstobjek werden. Es kann verrissen und zerrissen werden oder wird zur verbotenen oder unerwünschten Lektüre. Um all diese Themen und noch viel mehr, kreist die Ausstellung „Bücherhimmel – Bücherhölle“.

Ich trete in den ersten Raum, wo in diversen Filmen Kinder aus ihrem Lieblingsbuch vorlesen und über den Inhalt erzählen. Die Kinder müssen von Klein auf an die Lektüre herangeführt werden. Zuerst sind es die Bilderbücher, wo auch die Finger über die Bilder streichen und das Neue fasziniert. Später kommt das tolle Gefühl hinzu, wenn man die ersten Worte selber lesen kann und dann der Moment, wo man sich von der Umwelt verabschiedet und stundenlang zwischen den Buchdeckeln eintaucht.

Ein Diaprojektor projiziert Bilder von lesenden Menschen aus Fotografie und Malerei an die Wand.

Im ersten Stock trete ich in eine Ecke und ich wähne mich in einem Wohnzimmer der 1950er-Jahre. Über die Mattscheibe des Fernsehers im Holzgehäuse flimmert die Episode „Time enough at last“ der amerikanischen Serie „Twilight Zone“ von 1959.

Ich setze mich in den Sessel und schaue mir den Film an, wo ich dem Bankkassier Henry Bemis begegne, der selbst unter der Schaltertheke einen Blick in sein Charles Dickens-Buch wirft und dadurch einen falschen Betrag auszahlt. Er versucht überall in der Bank zu lesen, weil er zu Hause nie dazu kommt. Seine Frau nimmt ihm selbst die Zeitung weg – sie kann seine Freude am Lesen in keinster Weise nachvollziehen. Eines Tages, er liest gerade im Banktresor, wird die Welt durch eine Atombombe zerstört und unser Bankkassier ist der einzige Überlebende und findet in den Trümmern der öffentlichen Bibliothek haufenweise Bücher. Nun ist er im Bücherhimmel – die gesammelten Werke von Dickens, Shakespeare, Shelley usw. versorgen ihn über Jahre hinweg mit Lesestoff. Was für ein Glück – endlich hat er Zeit, Zeit und nochmals Zeit und keiner nimmt ihm die Bücher weg. Doch was dann passiert, schaut ihr euch am besten auf YouTube selber an. Bücherhimmel und -hölle liegen da sehr nahe beieinander.

Teil 1

Teil 2

Das Ende

Ich trete in den nächsten Raum und lande in einem Archiv. Neben Zeitungsausschnitten, diversen Lesezeichen, steht da auch ein Zettelkasten, in dem alphabetisch Karteikarten eingereiht sind, die alles beinhalten, was mit Buch oder Literatur zu tun hat. Schon nur um all die Karteikarten zu lesen, müsste ich mich stundenlang hier aufhalten, so spannend sind die Kärtchen.

In Schaukästen neben dem Buch der Bücher – der Bibel – sind auch die Thora auf Pergament aus dem Jahre 1491, der Koran oder Dante Alighieris „Die Göttliche Komödie“ ausgestellt. Werke von Herrschern liegen in einer anderen Vitrine daneben, so die „Mao-Bibel“  von Mao Tse-tungs oder „Mein Kampf“ von Adolf Hitler – Bücher der verschiedenen Religionen, auch die der Herrscher über eine Gesellschaft.

In einer weiteren Vitrine sehe ich das kleinste Buch der Welt, das 2,9 x 2,4 mm misst und in Leder gebunden ist, Asterix in Blindenschrift, das E-book und das Pop-up Buch.

„Die göttliche Komödie“ von Dante Alighieri, Ausgabe von 1491

Das Buch kann zum Objekt und vom Literaturkritiker verrissen werden und wie in der Zeitschrift „Der Spiegel“ durch Marcel Reich-Ranicki auch zerrissen, als er über Günter Grass‘ Roman „Ein weites Feld“ hart ins Gericht ging. Allerdings handelt es sich hier um eine Fotomontage.

Bücher können verbrannt werden, was wohl das Schreckliste für den Bücherliebhaber überhaupt ist oder auf einen Index für verbotene Bücher kommen oder auf eine Warnliste, wie in Amerika.

Ausschnitt aus der Warnliste „Parents against bad books in school
„Besorgte eltern kämpfen in den USA seit Jahren aktiv gegen ihrer Meinung nach schädliche, unmoralische Bücher in den Schulbibliotheken sowie im Schulunterricht. Ihre Warnlisten führen vor allem in den Provinzen immer wieder zu privaten Säuberungsaktionen.“ Text aus der Ausstellung

Als ich in die Bücherhölle trete, stehe ich in einem dunklen Raum, die Regale sind mit Einkaufstüten, Schachteln und überquellendem Papier und Büchern vollgestopft. Die Bücherliebe gerät aus den Fugen und wird zum Wahn.

Ich begegne Bücherfressenden Monstern in Kinderbüchern und nicht nur in diesem Raum, sondern auf dem ganzen Stockwerk ist das Heulen eines indianischen Schamanen aus dem Film „The black robe“ zu hören, in der die Szene des Jesuitenpaters gezeigt wird, der in seinem Buch liest. Dies ist dem Schamanen fremd und deshalb heult er wie ein Wolf und  verflucht den Pater:“Dämonen fürchten sich vor Lauten. Du bist ein Dämon!“

Schliesslich trete ich noch in den Raum ein, in dem ich in Filmen verschiedenen Sammlern begegne wie in einem Video ohne Worte, einem alten Antiquar aus Bern. Liebevoll reiht er seine Schätze in die Regale ein, nachdem er sie sorgfältig katalogisiert hat. Ein Lächeln zieht über mein Gesicht, als ich ihm zusehe, wie er diese alten und auch weniger alten Bücher behutsam in die Hände nimmt, als wären sie filigran und zerbrechlich.

Eine alte Dame sammelt ein besonderes Genre der Literatur, nämlich all jene Romane des Herz-Schmerzes, die immer ein Happy End haben, wie Arztromane oder all die Bücher von Hedwig Courts-Mahler und viele mehr.

Alberto Manguel wird in einem Film porträtiert, in dem er über seine Liebe zu den Büchern erzählt: “ In meiner Bibliothek fühle ich mich am meisten zu Hause. Die Küche gehört auch dazu, da fühle ich mich auch heimisch, denn ich koche auch gerne. In der Bibliothek fühle ich mich am besten aufgehoben, wie unter Freunden.“ Seine Bibliothek von 35’000 Büchern hat der Autor nicht katalogisiert. Er hat sie alle im Kopf. Sie sind nach der Sprache, in der sie geschrieben sind, eingereiht, und er weiss ganz genau, wo er was findet.

Und zu guter Letzt kann ich einen Selbsttest machen, welcher Typ Leser ich bin, in dem ich von einer Gruppe vorgeschlagener Bücher immer eines auswählen soll. Ich klicke also jene Titel an, die ich am ehesten lesen würde. So stand bei mir schlussendlich Folgendes:

„Sie sind eine prosaische Denkerin, die häufig liest, um sich mit andern auszutauschen.“

Was für ein schöner Abschluss für mich in dieser faszinierenden Ausstellung!

Charles Dickens – eine Ausstellung

Was verbindet ein Leser mit dem Namen Charles Dickens? Oliver Twist und David Copperfield. Einige haben vielleicht auch „die Pickwickier“ gelesen oder die berühmte Weihnachtsgeschichte „A Christmas Carol“, wovon ich hier schon berichtet habe. Charles Dickens hat aber eine Menge mehr an Spuren hinterlassen und es ist beeindruckend, sich darauf einzulassen. Was viele vielleicht nicht wissen, dass er auch Krimis geschrieben hat. So war ich gespannt, was ich noch alles über den grossen englischen Schriftsteller in der Ausstellung im Museum Strauhof, in Zürich, erfahren und entdecken durfte.

Das Museum Strauhof, das jährlich vier Wechselausstellungen zu Literatur zeigt, hat den 200. Geburtstag von Charles Dickens zum Anlass einer Ausstellung wahrgenommen. Das Museum liegt, fast unscheinbar, direkt hinter der lebhaften und pulsierenden Bahnhofstrasse, spaziert man am Haus vorbei um die Ecke, steht der Flaneur auf einem der schönsten Plätze mitten in der Altstadt, links der Limmat. Der ganze Geräuschpegel rund um die Einkaufsstrassen weicht hier der Ruhe und des Friedens.

Aber wir wollen nun das Museum betreten und einen Rundgang durch die Räume machen:

Der kleine Charles hatte bis zu seinem zehnten Lebensjahr eine unbeschwerte Kindheit. Als die grosse Familie nach London zog, ging sein Vater allzu verschwenderisch mit dem Geld um und auch seine Mutter trug nicht gerade zur Sparsamkeit bei. So verschuldeten sich die Eltern und der Knabe wurde zur Arbeit  in einer Schuhwichse Fabrik, Warren’s Blacking, geschickt, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Wichse in Tontöpfe füllen, verschliessen und etikettieren, ein ungewohnter und strenger Alltag begann. Als die Eltern auch noch ins Gefängnis kamen, nahm er den weiten Weg unter die Füsse, um sie dort zu besuchen. Nach einer kleinen Erbschaft kamen die Eltern wieder frei. Charles Schulbildung wurde vernachlässigt und er nahm es vor allem seiner Mutter übel, dass seine Schwester gefördert wurde.

Die Zeit in der Fabrik war hart für den Jungen und hinterliess Spuren in seiner Seele, die danach unter anderem in seine Werke „Oliver Twist“ und „David Copperfield“ einflossen. Berühmt ist die Szene, als Oliver von den anderen Kindern auserkoren wird, mit seiner Schüssel vom Tisch aufzustehen und beim Koch einen Nachschlag verlangt: „Please, Sir, I want some more“.

Aus dem Film „Oliver Twist“ / Regie: David Lean (1948)

In der Ausstellung waren viele Ton- und Filmstationen. Nicht nur die Verfilmungen aus den 1940er- Jahren waren zu sehen, sondern auch solche aus dem Jahre 1999 oder 2005 für Kino und Fernsehen und Theaterinszenierungen der Royal Shakespeare Company. Namhafte britische Schauspieler sind in allen Filmen zu sehen, angefangen von W.C. Field, Alec Guiness, Maggie Smith, dem kleinen Daniel Radcliffe als David Copperfield (später bekannt in seiner Rolle als Harry Potter) oder dem grossartigen Ben Kingsley, der in der Rolle des Fagin aus „Oliver Twist“ nicht wiederzuerkennen ist und fantastisch spielt. Er trieb mir Tränen in die Augen. Überhaupt scheinen die Figuren aus den Romanen für die Schauspieler eine wahre Fundgrube zu sein und jeder einzelne wächst über sich hinaus, wenn er in eine der Rollen schlüpft. Ob alte oder neue Versionen, sie machen extrem Lust, wieder einmal eines der Stücke ganz anzuschauen.

Wenn ich mir die Stationen des Charles Dickens betrachte, würde ich behaupten, dass er ein Besessener war. Heute würde man ihn als Workaholic bezeichnen. Nicht nur, dass er praktisch täglich um die 20 Kilometer durch die Strassen Londons marschierte und in seinem fotografischen Gedächtnis alles minutiös abspeichern konnte was er sah, auch wieviel er zur damaligen Zeit geschrieben hat ist unglaublich. Er arbeitete als Gerichtsreporter, Herausgeber einer Zeitung, schrieb an seinen Romanen, die als Fortsetzungsromane in monatlich erscheinenden Heften veröffentlicht wurden und mit prächtigen Illustrationen versehen waren. Nur schon an seinen Freund John Forster verfasste er um die 1000 Briefe. Da war noch seine Familie mit zehn Kindern, für diese war hauptsächlich seine Frau zuständig, die mit dem Tempo ihres Mannes nicht mithalten konnte und ein häusliches Leben vorzog.

Illustration in einem seiner  Romane

Roman „Dombey and Son“ als Monatshefte

Charles Dickens liebte es, nah an seinen Lesern zu sein. Auch reiste er gerne und trat den Weg auf der „RMS Britannia“ über den grossen Teich an, wo ihm in New York ein frenetischer Empfang bereitet wurde. Das fand er  zuerst überwältigend, doch im Gegensatz zu England wurde er in den USA regelrecht belagert. Er hatte keine ruhige Minute mehr. USA geriet schlussendlich zur Enttäuschung für ihn und er kehrte nach Europa zurück.

Er war nicht nur Schriftsteller, sondern er stand auch gerne auf der Bühne als Schauspieler. Er hielt in seinen späten Jahren Vorträge und ging auf Tournee. Seine Auftritte bereitete er akribisch vor, sogar das Rednerpult entwarf er selbst.

Die Ehe mit seiner Frau Catherine, die eh schon zerrüttet war, zerbrach vollends, als er die erst achtzehnjährige Schauspielerin Ellen Ternan kennenlernte. Sein grösster Fehler war, als er das gut gehütete Geheimnis in der Welt verbreitete, von dem zuvor nur seine Bekannten wussten. Er brüskierte Freunde und wandte sich von ihnen ab. Selbst vom langjährigen Illustrator seiner Bücher, Phiz, trennte er sich.

Der Zufall wollte es, dass das Landhaus „Gad’s Hill Place“, in der Nähe von Rochester, zum Verkauf stand, von dem sein Vater in Charles Kindheit sagte, dass er eines Tages hier wohnen würde. Er zog endlich wieder aufs Land, mit dem er die besten Kindheitserinnerungen verband.

Dickens ging in den letzten Jahren nicht sehr haushälterisch mit seinen Kräften um. Unter anderem erlitt er einen Schlaganfall und seine Gicht wurde schlimmer. Am 9. Juni 1870 stirbt er an einer Hirnblutung.

Was von ihm bleibt sind seine Romane und Erzählungen, die noch heute weltweit Leser fesseln und in seinen Bann ziehen können.