Filmperlen im Mai

Filmrolle

Arte TV bietet diesen Monat wirklich eine Menge toller Dokus und Filme. Ich habe, wie immer, nur einige wenige Perlen herausgepickt, die sicher den einen oder anderen interessieren dürften. Los geht es gleich heute Abend mit einem zweiteiligen Dokumentarfilm über die Schweiz.

Donnerstag und Freitag, 1. und 2. Mai 2014, jeweils 19.30 Uhr

„Home Swiss Home“
von Peter Latzko (2013)

Die Schweiz besitzt elf UNESCO-Welterbestätten, eine davon ist das Weinbaugebiet am Genfersee, das Lavaux, mit seinen einzigartigen Terrassen. Dort beginnt die Reise und geht weiter bis hinunter ins Val Müstair.

Lavaux

Filmrollen

Sonntag, 4. Mai 2014, 21.55 Uhr

„Reise durch den Kaukasus“
Dépardieu auf den Spuren von Alexandre Dumas
Regie: Jean-Pierre Devillers, Stéphane Bergouhnioux (2012)

Der französische Schriftsteller Alexandre Dumas entschliesst sich 1958, zusammen mit dem Maler Jean-Pierre Moynet in den Kaukasus zu reisen. Dabei ist sein Buch „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“ entstanden.

Der Schauspieler Gérard Depardieu hat sich dem Text entlang, ebenfalls auf die Reise gemacht, mit dabei der Zeichner Mathieu Sapin. Auf der Reise liest er immer mal wieder aus Dumas‘ Originaltexten vor.

Filmrollen

Über Russland hört man zurzeit nicht viel Positives, aber trotzdem sollte man sich diese Dokumentarserie nicht entgehen lassen:

Montag bis Freitag, 5. bis 9. Mai 2014, jeweils 18.25 und 19.30 Uhr
„Eine Sommerreise am Polarkreis“
(2013)
Der finnische Schauspieler Ville Haapasalo begibt sich auf eine Reise durch die Nordpassage. Die Reise startet in Murmansk und endet am Kap Deschniow. Dabei begegnet er Völkern, wie zum Beispiel den Tschuktschen. Wer die Romane des Autors Juri Rytcheu gelesen hat, weiss, wie abgelegen diese Gegend im Nordosten Russlands ist. Die Reise dürfte spannend werden.

Filmrollen

Vom 14. – 25. Mai findet wieder das Filmfestival Cannes statt. Dieses Jahr ist die Neuseeländerin Jane Campion Jury-Präsidentin. Deshalb wird ihr grossartiger Film über Janet Frame im Fernsehen gezeigt. Wer die Bücher dieser neuseeländischen Autorin gelesen hat, sollte sich den Film nicht entgehen lassen:

Montag, 12. Mai 2014, 20.15 Uhr

„Ein Engel an meiner Tafel“
(An angel at my table)
1990
Regie: Jane Campion, Darsteller: Kerry Fox, Alexia Keogh, Karen Fergusson

Ich wünsche spannende Unterhaltung!

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Leise Musik hinter der Wand

Leise Musik hinter der Wand

„Als Arjadna das Licht der Welt erblickte, war ihre Mutter Lisa zwanzig, ihre Grossmutter fünfundvierzig und ihr Grossvater fünfundsechzig Jahre alt.“

Arjadnas Grosseltern gehörten einem russischen Adelsgeschlecht an, das mit der Revolution 1917 sein Ende fand. Die Grosseltern entgingen dem sicheren Tod, in dem sie sich den politischen Gegebenheiten anpassten und deshalb wurde aus Scheremetjewa kurzerhand der bürgerliche Name Schermet.

Innerhalb der Familie wurde trotzdem auf gute Manieren und Bildung Wert gelegt, so war es nicht verwunderlich, dass Arjadnas Vater, als Mann aus dem einfachen Volke, nur ein kurzes Gastspiel in der gräfischen Familie gab. Mutter Lisa war noch viel zu jung, um sich gegen ihre Eltern aufzulehnen. So wächst Arjadna, kurz Ada genannt, ohne ihren Vater auf. An Liebe und Fürsorge sollte es ihr deswegen aber nicht mangeln.

Als Ada zwanzig Jahre alt ist, heiratet sie das erste Mal. Ossja ist Medizinstudent und angehender Urologe. Ada, die keine speziellen Fähigkeiten hat, studiert erst einmal an der Philosophischen Fakultät. Der Rest würde sich schon geben.

„Ada hatte keine klar ausgeprägten Talente, ausser dem Talent zu gefallen. Sie gefiel allen ohne Ausnahme: den Jungen und den Alten, den Klugen und den Dummen, den Katzen und den Hunden, den Militärs und den Bürokraten.

Ada hatte auch keine besonderen Neigungen. Sie wollte lieben und geliebt werden und mehr nicht.“

Ada schenkt einem Sohn das Leben, der, nach einem schwierigen Jahr, endlich ein Kindermädchen zur Betreuung erhält. Die alte Tante Gruscha ist ganz vernarrt in den Jungen und kümmert sich fortan um Marik, so dass Ada unbesorgt ihrer Arbeit beim Fernsehen nachgehen kann.

Mit der Perestrojka ändert sich auch das Leben der Menschen in Russland. Obwohl es Ada und ihrer Familie gut geht, fehlt ihr etwas.

„Aber Ada wartete die ganze Zeit auf irgendetwas. Es war wie auf dem Bahnhof: Um sie herum Getümmel, jede Menge Leute, aber all das war nur vorübergehend, denn es war fremdes Getümmel, fremde Menschen. Und dann würde ihr Zug kommen und sie mitnehmen in ein anderes Leben.“

Als Mirka, die ständig auf Adas Leben eifersüchtig ist, einen Freund zum Essen mitbringt, fängt es auch in Adas Leben wieder an zu prickeln. Sie verliebt sich ausgerechnet in einen Mann, der beim KGB arbeitet. Ob Spion oder Wissenschaftler spielt keine Rolle, denn Ada liebt den Mann und nicht dessen Beruf. Sie sind füreinander bestimmt – selbst ein Auslandaufenthalt ihres Geliebten, kann die beiden nicht auseinanderbringen. Ada scheint ihr Glück gefunden zu haben.

In kurzen und knappen Sätzen, bringt mir Viktorija Tokarjewa den Alltag der Russen
näher, die sich immer wieder mit neuen Gegebenheiten arrangieren müssen und das
Beste daraus machen. Mit viel Humor beschreibt sie die Menschen und die
Tischgespräche geben einen tiefen Einblick in die russische Seele. Gekonnt
flicht sie dabei die Geschichte des Landes mit ein, ohne zu langweilen. Sie läuft ganz automatisch mit wie ein Film. Auch ihre Protagonistin Ada muss sich immer wieder umstellen und einige Schicksalsschläge wegstecken. Dank ihrer Kreativität und ihres Geschicks erarbeitet sie sich im Laufe ihres Lebens einen gewissen Wohlstand und wird vor allem durch die Liebe beflügelt. Ihre quirlige Freundin Mirka spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle und ist stets zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle. So kann ich mit einem Lächeln das Buch zuklappen und Ada beruhigt ihres Weges ziehen lassen.

„Ada vertrocknete ohne Zärtlichkeit. Lieben und geliebt werden, das war ihre Selbstverwirklichung. Tage ohne Liebe, das waren für sie Tage, die an den Teufel verschenkt sind. Sie hatte dem Teufel ein ganzes Jahr geschenkt, ganze zwölf Monate. Sie hatte wie unter Wasser gelebt, ohne Luft zu holen und mit geschlossenen Augen, ohne auch nur zu blinzeln. Aber jetzt tauchte sie auf und schwamm ans Ufer.“

Viktorija Samojlovna Tokarjewa, wie die Autorin mit vollem Namen heisst, wurde 1937 in St. Petersburg (Leningrad) geboren. Sie schloss ihr Studium an der Leningrader Musikhochschule im Fach Klavier ab und studierte bald darauf an der Moskauer Filmhochschule das Drehbuchfach. Es entstanden mehr als 15 Filme nach ihren Drehbüchern und sie erhielt zweimal den ersten Preis beim Internationalen Moskauer Filmfestival. Ab 1964 widmete sie sich voll und ganz der Literatur, nachdem ihre erste Erzählung veröffentlicht wurde. Sie lebt heute in Moskau.

Viktorija Tokarjewa: Leise Musik hinter der Wand
Erscheinungsjahr 2013
Diogenes Verlag
176 Seiten
ISBN 978-3-257-06861-0

Wie ich lesen lernte

Wie ich lesen lernte„Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, begann mein Grossvater mich lesen und schreiben zu lehren.“

Alexej Peschkow wie Maxim Gorki mit bürgerlichem Namen hiess, lernte in drei Tagen das Alphabet, zuerst das phonetische. Danach wurden aus Buchstaben Silben und diese schliesslich zu Wörtern. Wenn der Junge Wörter falsch aussprach wurde er von seinem strengen Grossvater oft mit der Rute geschlagen oder er wurde an den Haaren gezogen, wenn er Fehler machte und sich dabei auch noch erheiterte. Als nächstes zog der Grossvater den Psalter hervor und nach weiteren vier Monaten kannte sein Enkel nicht nur das gebräuchliche Alphabet, sondern auch die Kirchenschrift, die in altslawisch abgefasst war. Danach war sein Bedarf an Lesen und Büchern erst einmal gedeckt.

Im Herbst wurde er eingeschult, doch die Windpocken bescherten ihm ein kurzes Schuljahr und als das neue begann, kam er auch schon in eine andere Schule. In der ersten Reihe sitzend, konzentrierte sich der „glatzköpfige und gelb aussehende“ Lehrer hauptsächlich auf Alexej. Diese Aufmerksamkeit zahlte der Junge seinem Lehrer mit etlichen Streichen heim. Im Religionsunterricht hatte es auch der junge Pope auf ihn abgesehen und schickte ihn aus der Klasse, da er keine Bibel von zuhause mitgebracht hatte. Es schien ganz so, als würde Alexej, wegen schlechtem Betragen, aus der Schule fliegen. Seine Rettung war der Besuch des Bischofs in der Klasse. Er hatte für die Schüler ein offenes Ohr, vor allem aber für Alexej. Der Bischof gab ihm einen persönlichen Rat und so kam es, dass der Junge sich Mühe gab, aufmerksamer zu sein und er konnte die Schule fortsetzen.

Als seine Mutter starb, nahm ihn der Grossvater von der Schule und er musste bei einem Zeichner in die Lehre. Er kam „unter fremde Menschen“. Für eine Weile hatte er keine Lust mehr auf Bücher und auch keine Zeit, denn die Arbeit war hart. Mit vierzehn Jahren änderte sich sein Verhältnis zum Lesen wieder. Er begann bewusst zu lesen und dachte darüber nach, welche Absicht der Autor mit dem Buch verfolgte, denn das Geschriebene stand in einem Widerspruch zum wahren Leben, das er mitbekam. Um ihn herum wohnten Bauarbeiter, die im Kellerloch wohnten, die anderen „besseren Leute“ waren allenfalls Offiziere, Hasardeure und Säufer, die ihre Geliebten verprügelten. An den freien Tagen frönten die Menschen hauptsächlich dem Essen, gingen zur Kirche und die Männer prügelten sich blutig.

„Die Arbeiter krochen ergeben in ihren Keller zurück. Sie waren trübselige Leute, die selten lachten, fast nie sangen und kurz und ungern redeten; stets voll Erde, erschienen sie mir wie Tote, die man gegen ihren Willen zum Leben erweckt hatte – nur, um sie noch ein ganzes Leben lang zu quälen.“

Um den jungen Alexej herum bestand das Leben aus Elend, Schmutz, Armut und Resignation. Er verspürte zwar Mitleid mit diesen Menschen, aber doch nicht so, als dass er sich mit ihnen unterhalten hätte – worüber auch. Er zog sich in der spärlichen Freizeit in seine Welt der Bücher zurück, bis ihn eines Tages der alte Stepan Leschin, den keiner mochte, aber alle fürchteten, ansprach und nachfragte, was er denn da lese. Alexej sah dem Mann an, dass es ihn wirklich interessierte und er begann zu erzählen. Manchmal zweifelte der Junge am Inhalt der Bücher und sprach auch darüber mit Leschin. Als der Alte ihm erklärte, dass es das, was er gelesen hatte, im wahren Leben auch gebe und er selbst anfing Geschichten zu erzählen, wurde Alexej hellhörig. Wie konnte er auch ahnen, dass es auch gute Menschen und Schönheit im Leben gab, da er doch nur Raufbolde und arme Hunde um sich hatte.

„Diese Entdeckung bereitete mir eine ungeheure Freude; ich begann alles heiterer und irgendwie gütiger zu betrachten, ich wurde aufmerksamer zu den Menschen, und wenn ich etwas Gutes und festlich Stimmendes gelesen hatte, bemühte ich mich, es den Erdarbeitern und den Burschen nahezubringen. Sie hatten keine sonderlich grosse Lust, mir zuzuhören, und ich hatte den Eindruck, dass sie mir auch nicht glaubten, aber Stepan Leschin wiederholte immer wieder: „Das gibt es, es gibt alles, mein Lieber!“

Alexej las immer mehr, und griff zusehends auch zu Zeitschriften. So entdeckte er noch eine andere Welt, tauchte ein in Geschichten anderer Länder und deren Menschen und erfuhr wie es sich dort lebte und wie die Welt sich entwickelte. Als er über einen Mann namens Faraday las, der es vom einfachen Arbeiter zum Gelehrten gebracht hatte, staunte er nicht schlecht. Er las ein Buch um das andere und erzählte auch den Arbeitern davon, oft, indem er jede einzelne Person wie im Theater darstellte. Es gab Momente, da hörten ihm die Männer aufmerksam zu und eines Tages nahm ihn ein wilder Bursche zur Seite und verlangte, dass er ihm das Lesen beibringen solle. Fünf Wochen später kam dieser mit einem Zettel angerannt, den er von einem Zaun gerissen hatte und las langsam vor, was da geschrieben stand. Was war das für ein erhabenes Gefühl für diesen einfachen Mann – er konnte tatsächlich lesen.

„Wie ich lesen lernte“ entstand nach einer Rede, die Maxim Gorki 1918 in Petrograd gehalten hat. Ursprünglich hiess die Erzählung „Die Bücher“. In Maxim Gorkis Erzählung ist seine Begeisterung für Bücher und das Wissen, das sie vermitteln können, auf jeder Seite zu spüren. Da sprühen Funken, denn der Schriftsteller liebte das geschriebene Wort über alle Massen. Es wurde ihm durch seine eigenen Erfahrungen bewusst, dass Lesen für die Bildung der Menschen von grosser Wichtigkeit ist und dadurch das Leben entscheidend verändern kann. Gorki hat mein Gesicht mit jeder Seite, die ich las, mehr zum Strahlen gebracht. Ich habe mich quasi mit ihm mitgefreut und kann mir gut vorstellen, wie er 1918 seine Rede vor Publikum hielt.

Die Erzählung ist den Gesammelten Werken Maxim Gorkis im Aufbau Verlag, Berlin 1955, entnommen. Ich habe sie, wie schon den Text von Božena Němcová, in der fadengehefteten Broschüre, vom Verlag Friedenauer Presse, gelesen.

„Und in tiefem Glauben an die Richtigkeit meiner Überzeugung möchte ich allen zurufen: Liebt das Buch, es erleichtert euch das Leben, es wird euch helfen, sich in dem bunten und stümrischen Wirrwarr der Gedanken, Gefühle und Ereignisse zurechtzufinden, es wird euch lehren, den Menschen und sich selbst zu achten, und die Liebe zur Welt und den Menschen wird euer Herz und euren Verstand beflügeln.“

Maxim Gorki „Wie ich lesen lernte“
Friedenauer Presse
16 Seiten
ISBN 3-921592-07-0

Frauen

Eva Baronsky

Magnolienschlaf

Jelisaweta, eine junge Russin, 23 Jahre alt, kommt für einige Wochen nach Deutschland, um die über achtzigjährige Wilhelmine zu pflegen, die seit einem Unfall ans Bett gefesselt ist. Am Anfang scheinen die beiden Frauen gut miteinander auszukommen, bis Wilhelmine eines Tages hört, wie Jelisaweta ein Telefonat führt – in russischer Sprache. Von diesem Augenblick an kommen der alten Frau wieder Erlebnisse aus dem 2. Weltkrieg hoch und sie fängt an, Jelisaweta zu beleidigen und so Einiges um sich zu werfen. Die junge Frau ihrerseits schlägt mit russischen Schimpftiraden zurück und fängt an, vor Wilhelmine, die hilflos im Bett liegt, Schmuckstücke aus der Schatulle an sich zu nehmen. Ein erbitterter Kampf zwischen den zwei so unterschiedlichen Frauen beginnt. Bis sich Wilhelmine Jelisaweta doch anvertraut. Sie erzählt ein Geheimnis, das niemand in ihrer Familie kennt.

Das Buch erzählt die Geschichte von zwei so unterschiedlichen Frauen, aus zwei verschiedenen Generationen und Kulturen. Was hat Wilhelmine vor und nach dem Krieg durchgemacht? Wie lebt Jelisaweta in Russland und wie ergeht es dieser Frau in Deutschland, wo sie schon einmal gearbeitet hat? Es geht hier um Frauenschicksale, die so scheint es, nichts miteinander zu tun haben und doch miteinander verknüpft sind. Und ausserdem lernen wir einmal mehr, dass Kriege Unsinn sind und keine Sieger, sondern nur Verlierer hervorbringt.