Zur Schule gehen in Ladakh

Vor einiger Zeit habe ich über „Biblioburro“ berichtet. Bei jenem Projekt geht es darum, auch in abgelegene Gegenden Kolumbiens der Bevölkerung Bücher zugänglich zu machen. Gestern durfte ich im warmen Wohnzimmer sitzen und habe über eine unglaubliche Reise in einem Dokumentarfilm aus Ladakh gestaunt: „Das Land hinter dem Eis“ von Anne und Erik Lapied.

Was hier die Eltern, auf der Reise sind es die Väter und Onkel, für ihre Kinder anstrengen, damit diese überhaupt eine Schule besuchen können, man fasst es kaum, wenn man diesen einzigartigen Film nicht gesehen hätte.

Alle Jahre vor Schulanfang begeben sich diese Menschen auf einen gefährlichen und strapaziösen Fussmarsch, der seinesgleichen sucht. 90 Kilometer zu Fuss, fünf Tage hin und fünf Tage zurück geht die Reise über den zugefrorenen Fluss Chadar von Zanskar zur Provinzhauptstadt Leh. Dort wo das Eis zu brüchig oder sogar aufgebrochen ist, werden Kletterpartien über zum Teil bröckelige Felsen in Kauf genommen. Das jüngste Kind war gerade einmal fünf Jahre alt. Ist die Reise auch noch so anstrengend, es wird trotzdem noch gelacht und gesungen. Geschlafen wird in der eisigen Kälte draussen und in Höhlen. Die Männer tragen ausgemusterte Armeestiefel des indischen Militärs, meist sind diese zu gross und völlig ausgetreten. Wenn es sein muss, wird auch mal durch das -2 Grad kalte Wasser, ohne Strümpfe und Schuhe gewatet und dabei werden die Kinder auf den Rücken genommen.

Ich konnte kaum glauben, welche Bilder mir da entgegengeflimmert sind. Wenn ich solche Bilder sehe, dann wird mir immer wieder bewusst, wie gut es die Menschen hier haben, wo Bescheidenheit, Zufriedenheit und Demut ein seltenes Gut geworden ist.

Wer sich einige Fotos anschauen möchte, der klicke auf die Website von Anne, Véronique und Erik Lapied hier

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Silbermann

Manchmal lohnt es sich, in Verlagsprogrammen zu stöbern. Rein zufällig bin ich auf den Lilienfeld Verlag, Düsseldorf, gestossen, der es sich in der Reihe „Lilienfeldiana“ zur Aufgabe gemacht hat, „seltene literarische Entdeckungen“ (Zitat) in schöner Ausführung, zu präsentieren. Dadurch habe ich den Roman „Silbermann“ von Jacques de Lacretelle, aus dem Jahre 1922 entdeckt. Jacques de Lacretelle ist im deutschsprachigen kaum bekannt und er ist eine Entdeckung wert.

Worum geht es?

Wir befinden uns im Paris, der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Ich-Erzähler geht in die 3. Klasse des Lycée. Ein neuer Schüler kommt nach den langen Sommerferien in die Klasse, David Silbermann. Er hat eine Klasse übersprungen. Er ist so sehr von sich überzeugt, dass er den Schülern, die glauben, er sei bei ihnen bald wieder weg, eine Wette anbietet. Er behauptet, dass er bis Weihnachten mindestens in zwei Fächern Klassenerster sein werde.

Der Ich-Erzähler, er hat keinen Namen, ist von Silbermann fasziniert und beobachtet ihn heimlich während des Unterrichts. David ist so ganz anders als er. Eines Tages trifft er ihn rein zufällig auf der Strasse. Silbermann ist fast schon erstaunt, als ihn sein Klassenkamerad grüsst. Als er ihm später erklärt, warum er sich eher zurückhält, wird klar weshalb: „Weil ich Jude bin“.

Sein Kamerad schwört ihm, dass dies keine Bedeutung für ihn hat. Er schreibt ihm einen Brief und versichert ihm seine Freundschaft. So kommt es, dass die beiden Jungen immer mehr Zeit miteinander verbringen. Silbermann stellt ihn auch den Eltern vor, die sehr offen und herzlich auf Davids Freund zugehen. Das Haus der Silbermanns ist so ganz anders. Voll von wertvollen Möbeln und Antiquitäten. David, ein grosser Freund der Literatur und des Theaters ist sofort bereit, seinem neuen Freund alle Bücher auszuleihen, die dieser wünscht. Er erklärt ihm sehr viel und rezitiert aus französischen Klassikern wie Hugo, Chateaubriand, Racine und vielen mehr. Er bringt ihm eine Welt der Bücher näher, wie sie sein Freund vorher nicht gekannt hat.

In der Schule nehmen die Hänseleien gegenüber Silbermann zu. Auch der bisher beste Freund des Ich-Erzähler, Philippe Robin, macht mit und stellt seinen Freund vor die Wahl: „Entweder ich oder er.“

Die Entscheidung fällt für Silbermann aus. Die beiden Schüler werden unzertrennlich. Oft muss der Freund hilflos zusehen, wie Silbermann in der Pause oder nach der Schule verprügelt wird. Juden sind nicht erwünscht, das wird den Jungen aus dem Umfeld einiger Eltern eingetrichtert. Somit müssen sich Silbermann und sein Freund selber genügen und isolieren sich immer mehr von den Anderen.

Als schliesslich Silbermanns Vater, ein Antiquitätenhändler, in krumme Geschäfte verwickelt zu sein scheint und sogar eine Anzeige beim Staatsanwalt eingeht, spitzt sich die Lage zu. Silbermann ist verzweifelt und bittet seinen Freund, dass dieser mit seinem Vater, der Untersuchungsrichter ist, spricht und ihm klarmachen soll, dass Herr Silbermann unschuldig ist. Ausgerechnet, der Vater will von allem nichts wissen, darf nichts wissen, denn er ist der leitende Untersuchungsrichter im Fall Silbermann.

Der Umgang zu David Silbermann wird dem Ich-Erzähler von seinen Eltern untersagt.

Schliesslich geht Silbermann von der Schule ab, Briefe beantwortet er nicht. So stellt sich sein Freund vors Haus, bis er David nochmals sehen kann. Dieser berichtet ihm, dass er nach Amerika zu seinem Onkel fahren und nie mehr zurückkehren wird. Er redet sich in Rage und hält einen Vortrag über die Juden, die Vorurteile gegenüber seinem Volk und erklärt seinem Freund, dass sie eigentlich allen überlegen seien. Sein Freund bleibt sprach- und ratlos zurück.

Jacques de Lacretelle hat einen Roman geschrieben, der in Frankreich oft als Schullektüre verwendet wird. Die Geschichte ist ein Plädoyer gegen den Antisemitismus und guter Anschauungsunterricht, wie grausam Mitschüler mit ihren Kameraden umgehen können. Die Sprache ist sehr klassisch und schön zu lesen. David Silbermann macht es dem Leser nicht einfach, ihn zu mögen. Denn er zeigt sich gegenüber nicht ganz so intelligenten Schülern, wie er es ist, sehr hochnäsig. So verspielt er auch deren Sympathie und sie schlagen sich auf die Seite der Mobber. Auch seinem Freund fällt auf, dass eines seiner Lieblingsworte „Intelligenz“ ist. Auch er gehört eher zu den mittelguten Schülern. Er steht jedoch bedingungslos zu Silbermann. Aber als dieser nicht mehr da ist, hat es keinen Sinn mehr, sich auszugrenzen und er muss sich wieder an jene Kameraden halten, die noch da sind. Irgendwann ist Silbermann sowieso vergessen und kein Gesprächsthema mehr. Das Leben geht wieder seinen gewohnten Lauf, jedoch hat der Ich-Erzähler in der Zeit mit David Silbermann viel gelernt, nicht nur über die Juden, das Anderssein, die Literatur, sondern auch über seine Eltern, Charakter und Moral und vor allem Toleranz.

SJW-Hefte

Irgendwie bin ich zur Zeit etwas sentimental angehaucht. Habe ich kürzlich mein erstes Bilderbuch gesucht und gefunden, trauere ich den Goldköpfchen- und Pucki-Büchern nach, die ich weggegeben habe. Und heute sind es die „SJW-Heftli“, die wohl jedes Kind in der Schweiz, das gerne liest oder vorgelesen bekommt, kennt. Wir hatten zu Hause noch Hefte, die meine Mutter als Kind gelesen hat und später auch ich. Diese Hefte, etwa im A5-Format gibt es noch heute. Hinter SJW steckt das Schweizerische Jugendschriftenwerk, welches seit 1931 besteht (der gleiche Jahrgang hat auch meine Mutter). SJW darf also sein 80-jähriges Jubiläum feiern. Ganz herzlichen Glückwunsch 😀

Ich finde diese Stiftung eine tolle Sache, denn das Lesen wird Kindern im Vorschulalter und Jugendlichen bis zur Oberstufe näher gebracht. Da gibt es fiktive Geschichten, Märchen, historische oder auch wissenschaftliche Themen zu entdecken. Namhafte internationale und nationale Autoren findet man hier wie neustens Franz Kafka (!), Ilma Rakusa, Tim Krohn, Eveline Hasler oder Franz Hohler, der sowieso in dieses Werk passt, mit seiner Fabulierkunst und Wortakrobatik. Selbst James Joyce ist mit seiner einzigen Kindergeschichte, gleich im englischen Original, und in unseren vier Landessprachen vertreten.

Wie ich mich erinnere, wurden die Hefte  in der Schule angekündigt, zum Anschauen aufgelegt und dann konnte man diese direkt dort bestellen. Die Exemplare sind auch heute noch zu erschwinglichen Preisen von fünf bis etwas vierzehn Franken zu haben, je nachdem wieviele Seiten das Heft umfasst und es macht wirklich Spass, diese Hefte zu lesen.

Gerade morgen Samstag findet in Zürich eine Veranstaltung statt, wo die neuesten Ausgaben der SJW-Hefte vorgestellt werden. Ich kann da wahrscheinlich nicht hingehen. Aber ich habe mir einige Hefte bestellt, denn James Joyce und Franz Kafka möchte ich mir nicht entgehen lassen. Ihr werdet wieder von mir hören.

Auf Achse

Wolfgang Herrndorf

Tschick

Maik, in der Klasse unscheinbar und als „Psycho“ betitelt, macht Bekanntschaft mit Andrej, dem Neuen, dem Russen, der in seine Klasse kommt. Beide werden sie anfangs Sommerferien nicht zum Geburtstag von Tatjana, dem Klassenschwarm, eingeladen. Andrej, kurz „Tschick“ genannt steht genau an dem Tag mit einem gestohlenen Lada vor Maik’s Elternhaus.

Maik, dessen Mutter auf der „Beautyfarm“, sprich in einer Entziehungskur ist und dessen Vater mit seiner jungen Assistentin auf „Geschäftsreise“, ist alleine zu Hause und langweilt sich schrecklich. „Tschick“ bequatscht Maik, kurz auf der Geburtstags-Party vorbeizu-schauen und das Geburtstagsgeschenk, das Maik angefertigt hat, zu übergeben. Danach soll die Reise Richtung Walachei gehen, um Verwandte von Tschick zu besuchen. Das Auto wurde nur „ausgeliehen“ und wird auch ganz sicher wieder zurückgebracht. Maik ist so gar nicht der Typ, der so verrückte Sachen macht, denn er bezeichnet sich irgendwann mal selber als Langweiler.

Die Geschichte wird aus der Sicht des vierzehnjährigen Maiks erzählt und es ist köstlich und spannend zugleich, wie der Weg von Berlin Richtung Süden unter die Räder genommen wird. Die beiden Jungen erleben so Einiges, doch das könnt ihr selber nachlesen. Mehr möchte ich nicht verraten.

Das Buch ist für Jugendliche, aber auch für Erwachsene geeignet. Ich habe die Geschichte gemeinsam mit meinem Partner gelesen, eigentlich besser gesagt, habe ich es ihm teilweise vorgelesen. Zwischendurch haben wir Tränen gelacht. Wenn ich mir gewisse Situationen vorstelle – herrlich :). Und doch gibt es auch immer wieder Momente, die zum Nachdenken veranlassen. Maik und „Tschick“ zeigen uns, was echte Freundschaft und Zusammenhalt wirklich ausmachen. Die Geschichte ist flott erzählt und und der Autor fühlt sich wunderbar in die Jungs hinein. Ein Buch, das sich leicht liest  und Freude macht.