Filmperlen im Mai

Filmrolle

Arte TV bietet diesen Monat wirklich eine Menge toller Dokus und Filme. Ich habe, wie immer, nur einige wenige Perlen herausgepickt, die sicher den einen oder anderen interessieren dürften. Los geht es gleich heute Abend mit einem zweiteiligen Dokumentarfilm über die Schweiz.

Donnerstag und Freitag, 1. und 2. Mai 2014, jeweils 19.30 Uhr

„Home Swiss Home“
von Peter Latzko (2013)

Die Schweiz besitzt elf UNESCO-Welterbestätten, eine davon ist das Weinbaugebiet am Genfersee, das Lavaux, mit seinen einzigartigen Terrassen. Dort beginnt die Reise und geht weiter bis hinunter ins Val Müstair.

Lavaux

Filmrollen

Sonntag, 4. Mai 2014, 21.55 Uhr

„Reise durch den Kaukasus“
Dépardieu auf den Spuren von Alexandre Dumas
Regie: Jean-Pierre Devillers, Stéphane Bergouhnioux (2012)

Der französische Schriftsteller Alexandre Dumas entschliesst sich 1958, zusammen mit dem Maler Jean-Pierre Moynet in den Kaukasus zu reisen. Dabei ist sein Buch „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“ entstanden.

Der Schauspieler Gérard Depardieu hat sich dem Text entlang, ebenfalls auf die Reise gemacht, mit dabei der Zeichner Mathieu Sapin. Auf der Reise liest er immer mal wieder aus Dumas‘ Originaltexten vor.

Filmrollen

Über Russland hört man zurzeit nicht viel Positives, aber trotzdem sollte man sich diese Dokumentarserie nicht entgehen lassen:

Montag bis Freitag, 5. bis 9. Mai 2014, jeweils 18.25 und 19.30 Uhr
„Eine Sommerreise am Polarkreis“
(2013)
Der finnische Schauspieler Ville Haapasalo begibt sich auf eine Reise durch die Nordpassage. Die Reise startet in Murmansk und endet am Kap Deschniow. Dabei begegnet er Völkern, wie zum Beispiel den Tschuktschen. Wer die Romane des Autors Juri Rytcheu gelesen hat, weiss, wie abgelegen diese Gegend im Nordosten Russlands ist. Die Reise dürfte spannend werden.

Filmrollen

Vom 14. – 25. Mai findet wieder das Filmfestival Cannes statt. Dieses Jahr ist die Neuseeländerin Jane Campion Jury-Präsidentin. Deshalb wird ihr grossartiger Film über Janet Frame im Fernsehen gezeigt. Wer die Bücher dieser neuseeländischen Autorin gelesen hat, sollte sich den Film nicht entgehen lassen:

Montag, 12. Mai 2014, 20.15 Uhr

„Ein Engel an meiner Tafel“
(An angel at my table)
1990
Regie: Jane Campion, Darsteller: Kerry Fox, Alexia Keogh, Karen Fergusson

Ich wünsche spannende Unterhaltung!

Der Bub

Im letzten Literaturclub wurde das neue Buch „Nilpferde unter dem Haus“, des Schweizer Schriftstellers Hansjörg Schneider, besprochen. In diesem Zusammenhang wies Stefan Zweifel auf einen alten Roman, „Der Bub“, hin, der mich neugierig machte, dass ich ihn mir gleich antiquarisch besorgte. Ich hatte ja Zeit zu lesen, lag ich doch mit Fieber im Bett. Am Mittwoch habe ich das dünne gelbe Büchlein bestellt und am Freitag war es bereits in meinem Briefkasten!

Peter Fischwanz klinkt sich wieder einmal für eine Woche aus seiner Ehe aus und reist ins Tessin, wo er die abgelegene Hütte eines Freundes benützen darf. Er hat ein Heft mit dabei und beginnt darin mit seiner Lebensaufzeichnung. Von der Hütte aus blickt er auf den Lago Maggiore und nur ein Hügel verwehrt ihm den Blick auf Genna, einem Dorf, wo er einst als Bub eine glückliche Zeit mit seiner Mutter verbracht hat. In jenes Dorf hat es ihn auch auf die Hochzeitsreise verschlagen.

Peter hat seine Mutter früh verloren. An ihr ist er sehr gehangen, denn sie war immer gut zu ihm und verlor nie ein schlechtes Wort. Vor der Heirat war sie Lehrerin und hat sehr gut Klavier gespielt.

„Seine Mutter war gestorben als er 18 war. Aber ihr Sterben hatte früher angefangen. Seit Peter sich erinnern konnte, hatte sie sich auf den Tod vorbereitet. Wahrscheinlich hatte sie sich zum Sterben entschlossen, als sie das Klavierspielen aufgab.“

Sein Vater arbeitet in der Stadtkanzlei. Allerdings versteht Peter nicht, weshalb der Vater dieser Tätigkeit, die ihm einen schlechten Magen beschert, nachgeht.

Während den nächsten vier Tagen schreibt er über alles in dieses Heft, woran er sich erinnert. Peter ist noch vor dem 2. Weltkrieg geboren worden und wächst im Schweizer Mittelland, als Einzelkind, auf. In der Schule hat er nicht allzu viele Freunde, immer gerade einen, der ihn auf seine Weise prägt. Da ist Armando, ein Junge aus dem Tessin, mit dem er eine Weile verkehrt. Sein Freund wechselt die Mädchen regelmässig, wenn er ihnen überdrüssig wird. Im letzten Bezirksschuljahr ist da Röbi, der zu Hause Jazzplatten hört und schon viel zu viel raucht. Er wird aus der Lehre geschmissen, bevor er richtig angefangen hat. Jazz ist das Zauberwort und Chet Baker das grosse Vorbild. Peter hingegen soll nach der Matura studieren, dabei macht er sich gar nichts aus einem Studium. Viel berichtet er über die Verwandten, Onkel und Tante, die Dorfgemeinschaft und das Bauernleben und immer wieder über die Eltern.

Geblieben ist ihm auch die Erinnerung an seine Lehrer mit dem Rohrstock. Einer schlägt einen Kameraden, weil beim Schreiben zu viel Tinte aus der Feder tropft. Der Pfarrer, der Religionsunterricht erteilt hat verteilt Ohrfeigen, denn gewisse Fragen stellt man in jener Zeit nicht, auch wenn die Bibel einen darauf bringt. Als Erich auf einen Vers in Moses 1 hinweist, wird es dem Pfarrer zu bunt.

„Pfarrer Baumanns Gesicht wurde kreideweiss. Er ging auf Erich zu und gab ihm mit seiner weichen Hand eine Ohrfeige. Dann stellte er sich wieder hinter sein Pult. Jetzt überzog sich sein Gesicht mit einer seltsamen Röte. ‚Dazu seid ihr viel zu jung, ihr Saubande!'“

Schon während der Jugendzeit, in den Schulferien, macht sich Peter Richtung Basel auf, um auf einem Rheinschiff nach Amsterdam zu gelangen. Dann fährt er ganz allein nach Neapel und Sizilien.

Auch über seine Freundinnen und Liebschaften schreibt Peter Erinnerungen auf. Schon zur Primarschulzeit geht Regine mit ihm im Wald spazieren und ist äusserst Keck. Die Jugendfreundin Behtli, die ihn beleidigt stehen lässt, als er ihr sagt, dass sie geschielt habe, als sie, für jene Zeit, verbotene Dinge tun. Während dem Studium lernt er eine Frau kennen, die eigentlich verlobt ist. Wegen ihr verlässt er Paris, um sie in Basel wieder zu treffen. Doch die Freude ist kurz und er fährt wieder zurück. So begegnet er Alice, die aus dem Nachbarort stammt, und ihm in Paris zufällig über den Weg läuft und sie verliebt sich in ihn.

Er schreibt in sein Heft:

„Warum bin ich nicht in Paris geblieben? Ich hätte Kellner werden oder in den Hallen arbeiten können, ich hätte Alice nach unserem Abschied im Gare de l’Est nie mehr gesehen. Sie wäre meine erste wirkliche Liebe geblieben. In der Erinnerung wäre sie noch schöner geworden. Stattdessen fuhr ich nach Bolingen zurück und liess mich in diese idiotische Ehe hineinziehen.“

Zurück in der Schweiz zieht Alice, nach Peters Studium, ebenfalls nach Basel. Sie spricht indirekt von Heirat, das Peter überhaupt nicht ins Auge fasst. Schon schwanger, werden die Beiden doch noch Mann und Frau. In einer Zeitungsredaktion verdient er fortan seine Brötchen, fängt schon bald heimlich mit einer Studentin eine Beziehung an. Es kommt zu ersten Streitereien und unschönen Szenen. Und dann reist er ins Tessin, wo die Dinge erst recht seinen Lauf nehmen…

Hansjörg Schneider hat „Der Bub“ 1976 geschrieben. Der Roman ist im Lenos Verlag erschienen und mit seinen 127 Seiten schnell gelesen, aber es vermittelt ein eindringliches Bild der ländlichen Schweiz in den Jahren vor und nach dem 2. Weltkrieg. Den Krieg erlebt Peter als Kind in der Schweiz anders, als in den Nachbarländern. Je nach Region hat man nicht allzu viel von den Greueln in der Welt mitbekommen. Die Lehrer und der Pfarrer teilen Hiebe und Ohrfeigen aus, nicht nur um ihre Autorität zu zeigen, nein, beim Pfarrer ist förmlich zu spüren, dass ihm die berechtigten Fragen der Jugend unangenehm sind, vielleicht auch nicht richtig beantwortet werden können. Also wird die Unsicherheit in Form von Ohrfeigen und Zurechtweisungen übertüncht. Ehefrauen harren in Ehen aus, weil man sonst mittellos wäre und nichts anderes kennt, auch Peters Mutter kehrt mit dem Koffer schon am Gartentor wieder um.

In einfachen aber eindringlichen Worten nimmt der Leser teil, am bisherigen Leben Peters. Vielleicht hat er sich ein anderes Leben gewünscht, doch wie er sich gegenüber seiner Frau, in Worten, aber vor allem in seiner Gedankenwelt verhält, fand ich sehr egoistisch. Er bemitleidet sich selber am meisten. Es geht nur um seine Bedürfnisse. Sein Sohn Daniel scheint ihn nicht zu interessieren. Es ist das Kind von Alice, wie er in seinem Heft notiert. Peter ist ein Mann, der die Ehe nicht gewollt hat und sich deshalb daraus befreien möchte. Seine Frau Alice hat es einmal sehr treffend gesagt, dass er wie ein Paradiesvogel sei, den man nicht einsperren dürfe. Deshalb bricht er immer wieder auf und aus. Dieser Drang zur weiten Welt, machte sich schon in der Jugendzeit bemerkbar. Peter will nichts weiter, als frei sein und drückt sich vor der Verantwortung. Zu  sehr war er behütet bei seiner Mutter, „der Bub“.

Literatour mit „Die Kranzflechterin“ von Hugo Lötscher

„Die Kranzflechterin“ des Schweizer Schriftstellers Hugo Lötscher (1929 – 2006), erschienen im Diogenes Verlag, haben wir uns beim letzten Lesezirkel-Treffen ausgesucht, nicht zuletzt, weil der Roman in Zürich angesiedelt ist.

„Jeder soll zu seinem Kranze kommen“, pflegte Anna zu sagen; sie flocht Totenkränze.“

Mit diesen Worten beginnt der Roman. Anna lebt in einem kleinen Ort im Schwarzwald, bevor sie nach Zürich aufbricht. Der Grund ist die geplatzte Hochzeit mit dem Steinacherfranz, der sie vor dem Altar sitzen lässt. Schwanger ist sie und macht sich, nach der Geburt ihres Kindes, mit einem Koffer und ihrer Tochter Richtung Schweiz auf.

am Hauptbahnhof kam Anna an

Im Arbeiter- und Ausländerviertel findet sie eine Bleibe bei ihrer Schwester und ihrem Schwager. Anna mietet sich ein Ladenlokal mit einem Zimmer und einer Küche dahinter, und hat vor, Gemüse zu verkaufen.

In der Luisenstrasse wohnte Anna

Anna kommt mit dem Leiterwagen oft an der Kaserne vorbei

Mit ihrem Leiterwagen, zieht sie auf den Grossmarkt und zu den Bauernhöfen in der Umgebung und richtet das Gemüse liebevoll zum Verkauf in ihrem Laden her. Ihre kleine Tochter sitzt oft zwischen dem Gemüse im Wagen.

„Als es greifen lernte, griff es nach Bohnen und streute sie auf die Strasse. Streckte das Kind die Arme zwischen dem Suppengrün aus, dann waren es zwei lebendige Lauchstengel,  die in die Luft ragten; und schlief es zwischen Blumenkohlköpfen, war das Kindergesicht so rund wie ein Blumenkohl; und wie der Blumenkohl ein Häubchen trug, trug auch Annas Kind ein Häubchen, nur dass der Blumenkohl, der Anna gehörte, manchmal weinte.

Die Idee mit einem Gemüseladen haben vor ihr schon etliche andere Einwanderer, nicht zuletzt die Italiener, und bald sattelt sie auf das Flechten von Totenkränzen um, als eine Kundin, die bestellten Kartoffeln nicht mehr will, denn ihr Mann ist gestorben.

Anna legt viel Gefühl in ihre Arbeit, die Kränze werden sehr persönlich und müssen zum Verstorbenen passen.

„Anna wollte sehen, wohin ihre Kränze kamen. Sie setzte sich für den Besuch des Hauptfriedhofes Sihlfeld den Hut mit den wippenden Kirschen auf. Das Portal liess sie erstaunen; solche Portale hatte sie bisher nur am Bahnhof in Stuttgart und am Bahnhof in Zürich gesehen.“

vor dem Friedhof Sihlfeld verkaufte sie ihre Kränze


Die geschäftstüchtige Frau zieht fortan an Allerheiligen vor den Friedhof, wo sie ihre Kränze aufstellt und an die Trauernden verkauft. Den erfolgreichen Tag beschliesst sie, indem sie alle Jahre den Kastanienbrater, den Totengräber und ihren eingemieteten Zimmerherrn zum Festschmaus einlädt.

Der Steinacherfranz sucht Anna noch einmal in Zürich auf, um sie erneut zu verlassen, indem er seine sehr persönlichen Spuren hinterlässt. Der erste Weltkrieg kommt und vergeht. Eine schwere Grippe, die wiederum viele Tote fordert, bringt Anna viel Arbeit und plötzlich hat sie zu wenig Kränze vorrätig. Ihre Tochter prügelt sie buchstäblich gesund, als Else sich auch ins Bett legt.

Die Glocken hörte sie vom Grossmünster

und auch vom St. Peter

Wir werden über die Jahre hinweg Zeugen der Wirtschaftskrise, die der schwarze Montag nach sich zieht, des ersten elektrischen Schalters in einer Wohnung und der Jahre vor dem 2. Weltkrieg. Die Welt wandelt sich und mit ihr auch Anna.

Es ist erstaunlich was Hugo Lötscher in diesen Roman, der gerade einmal 183 Seiten dick ist, alles packt. Das ganze Leben von Anna steckt zwischen diesen Buchdeckeln. Es ist sehr poetisch, wie er über das Gemüse schreibt und geradezu umwerfend, wie er Anna mit Else sprechen lässt, als das Mädchen zur Frau wird. Der Autor gibt einer Frau mit einem unehelichen Kind eine Stimme, zudem einer Immigrantin, zu einer Zeit, als es eine ledige Mutter noch um einiges schwerer hatte als heute. Anna muss Mutter- und Vaterrolle in einem übernehmen und oft Härte zeigen, wenn sie sich vielleicht lieber an einen Freund anlehnen und gehalten werden würde. Sie muss funktionieren. Deshalb gibt es in diesem Roman kaum Platz für grosse Gefühle. Anna ist eine starke Frauenfigur, eine Kämpferin, die uns die Geschichte ihrer Zeit mit einer Wucht näher bringt.

Nachdem ich den Roman gelesen hatte, habe ich mein ganz persönliches Projekt gestartet und mich auf die Spurensuche der Anna begeben. Ich habe die Original-Schauplätze besucht und fotografiert und gleichzeitig über die vielen Orte Historisches recherchiert und zusammengetragen. Meine Wanderungen führten mich, wie für Anna auch, zu Fuss quer durch die Stadt. Ich musste allerdings keinen Leiterwagen hinter mir herziehen. Die meisten Handlungsorte sind mir, seit meiner Kindheit vertraut, vor allem das Quartier Zürich-Aussersihl. Das Quartier der in- und ausländischen Einwanderer, wo Anna, die Protagonistin, gelebt hat, ist mir, durch die Jahre als Lehrling dort, noch sehr präsent und die Innenstadt, wo ich schon als kleines Mädchen an der Hand meiner Mutter, alles bestaunte und aufregend fand.

Meine Wanderungen waren spannend, ich habe gestaunt und geschaut, wie sich die Quartiere entwickelt haben, ob zum Guten oder Schlechten lassen wir hier im Raume stehen. Gebäude und Plätze haben sich teilweise stark verändert, wurden umgebaut und Einiges gibt es nicht mehr. So habe ich auch auf historische Fotos zurückgreifen müssen oder diese mit meinen Aufnahmen verglichen. Ich habe meine Stadt als „Literatour“ nochmals anders wahr genommen, viel gesehen und neu erleben dürfen, bin in Gegenden marschiert, die ich selten oder nie aufsuchen würde. 18 Kilometer zu Fuss sind es geworden, das Wetter hat an diesen drei Tagen immerhin mitgespielt, da bin ich schon sehr dankbar. Durch diese Wanderungen wird „Die Kranzflechterin“ noch lange in mir nachklingen und wahrscheinlich nie wieder vergessen gehen.

Kultur in Thun

Am Samstag habe ich mich so ganz der Kultur gewidmet, zuerst wollte ich mir die kleinen Kunstwerke in der Stadtbibliothek von Thun ansehen. Kinder haben während den Sommerferien einen Kurs besucht und Buchskulpturen hergestellt. Sieht absolut toll aus. Was meint ihr dazu? (siehe Diashow)

Danach habe ich mich zum Schloss hoch begeben. Der Aufstieg führt von der schönen Altstadt über eine gedeckte Treppe, deren Dachkonstruktion ebenfalls an Kunst erinnert. Durch den Rittersaal geht’s ein Geschoss hinunter in die Sonderausstellung „Kleist in Thun“, im Zusammenhang mit dem 200. Todestag von Heinrich von Kleist.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die Ausstellung war sehr interessant und ich habe doch wieder Einiges, nicht nur über diesen deutschen Dichter, sondern auch über die Geschichte der Schweiz erfahren. Heinrich von Kleist weilte für einige Zeit, im Jahre 1802 und 1803, in Thun und lebte in einem Häuschen auf einer Insel, mitten in der Aare. Die Insel wurde im März, zu Ehren des Dichters, in „Kleist-Inseli“ umbenannt. Leider kann man diese ohne Genehmigung nicht besichtigen, da sich diese in Privatbesitz befindet. Ausserdem wurde das Haus, das baufällig war, bereits im Jahre 1940 abgeriessen. Aber die Sicht war, damals wie heute, grandios, sieht man doch all die imposanten Berge des Berner Oberlandes, wie Eiger, Mönch und Jungfrau, die „Pyramide“ den Niesen, und das Stockhorn. Kleist hatte damals die utopische Idee, Bauer in der Schweiz zu werden. Da die Zeiten damals jedoch sehr unruhig waren, die Franzosen vor dem Einmarsch nach Bern standen, entschied sich Kleist gegen den Bauernstand, zudem hasste er die Franzosen.

„Es hatte allen Anschein, daß die Schweiz sowie Zisalpinien, französisch werden wird, und mich ekelt vor dem bloßen Gedanken.“… aus dem Brief an Ulrike von Kleist vom 19. Februar 1802

Unten in der Altstadt wieder angekommen, konnte ich an den beiden Strassenmusikern nicht einfach vorbeigehen, denn die waren auch nicht schlecht und spielten unter anderem „Dueling Banjos“, das Musik-Stück aus „Deliverance“ mit Burt Reynolds aus dem Jahre 1972, Super 🙂


Es war ein rundum gelungener Kultur-Spaziergang und erst noch bei schönem Wetter, eine Seltenheit in diesem Sommer 🙂



Bauern-Roman

Noëlle Revaz

Von wegen den Tieren

„Von wegen den Tieren“ ist Noëlle Revaz‘ erster Roman. Die Schriftstellerin beschreibt in diesem Buch, aus Sicht des einfachen Bauern Paul, dessen Beziehung zu Frau, Kindern und Tieren. Dabei kommt vor allem zum Ausdruck, dass er seinen Tieren viel mehr Liebe entgegenbringt, als seiner Familie.

Die Situation wird nicht einfacher, als der portugiesische Knecht Jorge auf den Hof kommt. Dieser benimmt sich nicht wie ein Knecht, sondern oft wie der Bauer selbst. Das passt Paul gar nicht. Sein Unmut über Jorge, müssen vor allem seine Frau und seine Kinder ausbaden. Die Namen seiner Kinder weiss er nicht, seine Ehefrau nennt er nur „Vulva“. Auch als diese krank wird und ins Spital eingeliefert werden muss, bleibt er kalt. Nun fehlt ihm eine Hilfe auf dem Hof. Jorge muss das Essen für die Kinder und den Bauern zubereiten. Er schaut, dass es der Familie gut geht und er besucht die Bäuerin im Krankenhaus. Gefühle, vor allem gute, kann Paul gegenüber Menschen nicht zeigen. Jedoch seine Tiere behandelt er sanft und spricht mit ihnen zärtlich, wie er es mit der Familie nie tut.

Die Sprache ist gewöhnungsbedürftig, schockiert, aber aus meiner Sicht, auch wenn die Worte oft brutal und unmenschlich sind, hat mich das Buch von Anfang an in seinen Bann gezogen. Es ist auf alle Fälle lesenswert und mehr als aussergewöhnlich.

Geburtstag der Schweiz

Am 1. August wird die Schweiz 720 Jahre alt, dies ist doch ein Grund, ein Gedicht eines schweizer Dichters zu posten, Gottfried Keller’s „Der Taugenichts“.

Die Zeile „Du Taugenichts, du Tagedieb, und deiner Eltern Schmach“ ist mir immer noch sehr präsent. Ja, ich geb es zu, der ganze Rest ist in meinem Gedächtnis nicht mehr haften geblieben, deshalb finde ich, soll diesem Gedicht wieder einmal ein Platz eingeräumt werden. Über die Rechtschreibung seht bitte hinweg, das war Keller’s Zeit.

Gottfried Keller

Der Taugenichts

Die ersten Veilchen waren schon
Erwacht im stillen Tal;
Ein Bettelpack stellt‘ seinen Thron
Ins Feld zum ersten Mal.
Der Alte auf dem Rücken lag,
Das Weib, das wusch am See;
Bestaubt und unrein schmolz im Hag
Das letzte Häuflein Schnee.

Der Vollmond warf den Silberschein
Dem Bettler in die Hand,
Bestreut‘ der Frau mit Edelstein
Die Lumpen, die sie wand;
Ein linder West blies in die Glut
Von einem Dorngeflecht,
Drauf kocht‘ in Bettelmannes Hut
Ein sündengrauer Hecht.

Da kam der kleine Betteljung‘,
Vor Hunger schwach und matt,
Doch glühend in Begeisterung
Vom Streifen durch die Stadt,
Hielt eine Hyazinthe dar
In dunkelblauer Luft;
Dicht drängte sich der Kelchlein Schar,
Und selig war der Duft.

Der Vater rief: Wohl hast du mir
Viel Pfennige gebracht?
Der Knabe rief: O sehet hier
Der Blume Zauberpracht!
Ich schlich zum gold’nen Gittertor,
So oft ich ging, zurück,
Bedacht nur, aus dem Wunderflor
Zu stehlen mir dies Glück!

O sehet nur, ich werde toll,
Die Glöcklein alle an!
Ihr Duft, so fremd und wundervoll,
Hat mir es angetan!
O schlaget nicht mich armen Wicht,
Laßt euren Stecken ruh’n!
Ich will ja nichts, mich hungert nicht,
Ich will’s nicht wieder tun!

O wehe mir geschlagnem Tropf!
Brach nun der Alte aus,
Mein Kind kommt mit verrücktem Kopf,
Anstatt mit Brot nach Haus!
Du Taugenichts, du Tagedieb
Und deiner Eltern Schmach!
Und rüstig langt er Hieb auf Hieb
Dem armen Jungen nach.

Im Zorn fraß er den Hecht, noch eh‘
Der gar gesotten war,
Schmiß weit die Gräte in den See
Und stülpt‘ den Filz aufs Haar.
Die Mutter schmält‘ mit sanftem Wort
Den mißgeratnen Sohn,
Der warf die Blume zitternd fort
Und hinkte still davon.

Es perlte seiner Tränen Fluß,
Er legte sich ins Gras
Und zog aus seinem wunden Fuß
Ein Stücklein scharfes Glas.
Der Gott der Taugenichtse rief
Der guten Nachtigall,
Daß sie dem Kind ein Liedchen pfiff
Zum Schlaf mit süßem Schall.