Bauern-Roman

Noëlle Revaz

Von wegen den Tieren

„Von wegen den Tieren“ ist Noëlle Revaz‘ erster Roman. Die Schriftstellerin beschreibt in diesem Buch, aus Sicht des einfachen Bauern Paul, dessen Beziehung zu Frau, Kindern und Tieren. Dabei kommt vor allem zum Ausdruck, dass er seinen Tieren viel mehr Liebe entgegenbringt, als seiner Familie.

Die Situation wird nicht einfacher, als der portugiesische Knecht Jorge auf den Hof kommt. Dieser benimmt sich nicht wie ein Knecht, sondern oft wie der Bauer selbst. Das passt Paul gar nicht. Sein Unmut über Jorge, müssen vor allem seine Frau und seine Kinder ausbaden. Die Namen seiner Kinder weiss er nicht, seine Ehefrau nennt er nur „Vulva“. Auch als diese krank wird und ins Spital eingeliefert werden muss, bleibt er kalt. Nun fehlt ihm eine Hilfe auf dem Hof. Jorge muss das Essen für die Kinder und den Bauern zubereiten. Er schaut, dass es der Familie gut geht und er besucht die Bäuerin im Krankenhaus. Gefühle, vor allem gute, kann Paul gegenüber Menschen nicht zeigen. Jedoch seine Tiere behandelt er sanft und spricht mit ihnen zärtlich, wie er es mit der Familie nie tut.

Die Sprache ist gewöhnungsbedürftig, schockiert, aber aus meiner Sicht, auch wenn die Worte oft brutal und unmenschlich sind, hat mich das Buch von Anfang an in seinen Bann gezogen. Es ist auf alle Fälle lesenswert und mehr als aussergewöhnlich.

Geburtstag der Schweiz

Am 1. August wird die Schweiz 720 Jahre alt, dies ist doch ein Grund, ein Gedicht eines schweizer Dichters zu posten, Gottfried Keller’s „Der Taugenichts“.

Die Zeile „Du Taugenichts, du Tagedieb, und deiner Eltern Schmach“ ist mir immer noch sehr präsent. Ja, ich geb es zu, der ganze Rest ist in meinem Gedächtnis nicht mehr haften geblieben, deshalb finde ich, soll diesem Gedicht wieder einmal ein Platz eingeräumt werden. Über die Rechtschreibung seht bitte hinweg, das war Keller’s Zeit.

Gottfried Keller

Der Taugenichts

Die ersten Veilchen waren schon
Erwacht im stillen Tal;
Ein Bettelpack stellt‘ seinen Thron
Ins Feld zum ersten Mal.
Der Alte auf dem Rücken lag,
Das Weib, das wusch am See;
Bestaubt und unrein schmolz im Hag
Das letzte Häuflein Schnee.

Der Vollmond warf den Silberschein
Dem Bettler in die Hand,
Bestreut‘ der Frau mit Edelstein
Die Lumpen, die sie wand;
Ein linder West blies in die Glut
Von einem Dorngeflecht,
Drauf kocht‘ in Bettelmannes Hut
Ein sündengrauer Hecht.

Da kam der kleine Betteljung‘,
Vor Hunger schwach und matt,
Doch glühend in Begeisterung
Vom Streifen durch die Stadt,
Hielt eine Hyazinthe dar
In dunkelblauer Luft;
Dicht drängte sich der Kelchlein Schar,
Und selig war der Duft.

Der Vater rief: Wohl hast du mir
Viel Pfennige gebracht?
Der Knabe rief: O sehet hier
Der Blume Zauberpracht!
Ich schlich zum gold’nen Gittertor,
So oft ich ging, zurück,
Bedacht nur, aus dem Wunderflor
Zu stehlen mir dies Glück!

O sehet nur, ich werde toll,
Die Glöcklein alle an!
Ihr Duft, so fremd und wundervoll,
Hat mir es angetan!
O schlaget nicht mich armen Wicht,
Laßt euren Stecken ruh’n!
Ich will ja nichts, mich hungert nicht,
Ich will’s nicht wieder tun!

O wehe mir geschlagnem Tropf!
Brach nun der Alte aus,
Mein Kind kommt mit verrücktem Kopf,
Anstatt mit Brot nach Haus!
Du Taugenichts, du Tagedieb
Und deiner Eltern Schmach!
Und rüstig langt er Hieb auf Hieb
Dem armen Jungen nach.

Im Zorn fraß er den Hecht, noch eh‘
Der gar gesotten war,
Schmiß weit die Gräte in den See
Und stülpt‘ den Filz aufs Haar.
Die Mutter schmält‘ mit sanftem Wort
Den mißgeratnen Sohn,
Der warf die Blume zitternd fort
Und hinkte still davon.

Es perlte seiner Tränen Fluß,
Er legte sich ins Gras
Und zog aus seinem wunden Fuß
Ein Stücklein scharfes Glas.
Der Gott der Taugenichtse rief
Der guten Nachtigall,
Daß sie dem Kind ein Liedchen pfiff
Zum Schlaf mit süßem Schall.

Sprachlosigkeit

Patrick Tschan

Keller fehlt ein Wort

Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens auf, geht in die Küche, schenkt euch Kaffee in dieses Gefäss, woraus man trinkt, verflixt, wie heisst das denn gleich? Ja, Tasse wäre das gesuchte Wort, nur will euch das partout nicht mehr einfallen. Genau so ist es unserem Protagonisten, schlicht „Keller“ genannt, eines Tages ergangen. Auch an anderen Tagen ist ihm „Tasse“ nicht mehr eingefallen. Einfach vergessen. Und so kamen schleichend weitere Wörter hinzu.

Keller, 45-jährig, Kommunikationsberater, geschieden, steht mit beiden Beinen auf dem Boden, als ihm dies mit den Wörtern passiert. Er sucht seinen Hausarzt auf, der eine Aphasie vermutet und Keller nach Symptomen fragt, die auf einen Hirnschlag hindeuten könnten. Der Arzt meldet Keller zu weiteren Untersuchungen im Spital an, wo sich die Vermutung des Hausarztes bestätigen. Als Keller wenig später einen zweiten Schlaganfall erleidet, ist seine Sprache ebenfalls weg.

Die Therapie beginnt und seine Bezugspersonen sind einstweilen nur sein Hausarzt und die Logopädin. Von den Freunden zieht er sich zurück.

Ausgerechnet die Sprachlosigkeit bringt ihm die Bekanntschaft einer Frau ein, als er, auf Empfehlung des Hausarztes, Kunstmuseen aufsucht, denn Farben sollen das Hirn stimulieren helfen. Zu seinem Sohn hat Keller, nach der Trennung von seiner Frau, keinen guten Draht mehr. Aber auch hier erweist sich die schwierige Lebenssituation eher als Verbindungsstück denn als Abschreckung. Nach und nach kämpft sich Keller mit Hilfe seiner Therapeutin und seines Arztes und mit seiner neuen Liebe in die Welt der Wörter zurück.

Dieser Debütroman ist für mich sprachlich fantastisch! Nachdem ich zuvor „Das Labyrinth der Wörter“ gelesen habe, ist dies noch das Tüpfelchen auf dem i. Es wird einem durch das Buch wieder einmal bewusst, wie toll es ist, sprechen und schreiben zu können und wie reich an Worten die deutsche Sprache doch ist. Der Autor hat herrliche Sätze formuliert.

„Keller setzte sich an den Küchentisch und stellte sich vor, wie ein gewaltiger Zug müder, abgekämpfter, durstiger Wörter sich durch die Windungen seines Gehirns schleppte“ oder „…., mit einem Hirn, das eine Baustelle ist.“