Freitod der 13.

Ich gestehe, ich bin normalerweise keine Krimileserin, aber zwischendurch mache ich auch einmal eine Ausnahme, wie bei Freitod der 13. von Peter Hänni.

Worum geht es?

Markus Zuber hat als Arzt Notfalldienst und wird zu einem Toten gerufen, damit er den Totenschein ausstellt. Der Tote ist kein Patient von ihm, also kennt er die Todesursache nicht. Die Nachbarin hat angerufen und den Maler Schwander tot in dessen Wohnung aufgefunden. Sie erzählt dem Arzt auch, dass Schwander unheilbar krank war – Krebs. Die Todesursache ist also eine klare Sache – sollte man wenigstens meinen.

Der Tote hatte vor gut einem Jahr eine Lebensversicherung abgeschlossen, mit der Klausel, dass bei unnatürlichem Tod die Versicherung nicht ausbezahlt werden darf. Als der Sohn aussagt, dass sie zwar mit dem Tod des Vaters gerechnet hätten, aber nicht so bald, wird die Versicherungsgesellschaft hellhörig und auf Insistieren eines Mitarbeiters, muss die Kundenbetreuerin Lisa Zürcher den Fall nochmals bearbeiten und Abklärungen vornehmen. Zuber soll den natürlichen Tod nochmals bestätigen. Im ersten Moment besteht für diesen kein Zweifel. Nach dem Anruf von Lisa Zürcher wird er plötzlich unsicher, denn so genau hat er den Toten auch wieder nicht untersucht und sich nur auf die Angaben der Nachbarin verlassen, die als Krankenschwester gearbeitet hat. Was wenn er etwas übersehen hat? Nun ist es Markus Zuber nicht mehr ganz so wohl in seiner Haut.

In diesem Falle war es von Vorteil, wurde der Tote nicht kremiert, sondern erdbestattet. So kommt es zur Exhumierung der Leiche, die gleich in die Gerichtsmedizin wandert. Und was hier festgestellt wird, kann ein jeder ahnen: Schwander ist keines natürlichen Todes gestorben. Steckt Suizid dahinter oder hat ihm die Sterbehilfe-Organisation Thanatos, die neu auf dem Markt ist, beim Freitod begleitet oder ist es Mord?

Das Thema ist absolut brisant und gibt uns einen Einblick in ein Gebiet, das für die Meisten von uns ein unbekanntes Terrain ist. Hier in der Schweiz ist der Freitod und sind  die Sterbehilfe-Organisationen immer wieder Gegenstand von Zeitungsberichten, meistens nicht im positiven Sinn. Ein Kapitel vor allem, wo eine Sterbehilfe-Begleitung im Detail geschildert wird, würde reichen, um interessante Diskussionen zu führen. Ich war bestürzt und traurig zugleich. Und man macht sich automatisch Gedanken darüber „wie würde ich entscheiden, wenn ich unheilbar krank wäre…?“

Es ist für mich kein Krimi im klassischen Sinne. Die Polizeiermittlungen stehen nicht im zentralen Mittelpunkt. Ermittelt wird vor allem durch den Arzt selber, zusammen mit Lisa Zürcher will er der Sterbehilfe-Organisation auf die Schliche kommen und ihr unsaubere Praktiken nachweisen.

Das Buch ist spannend. Es hat mir auch Spass gemacht, weil ich einige Schauplätze in Bern und Umgebung kenne. Aber der Schluss, der ist eine gewaltige Überraschung!

Absolut empfehlenswert.

Demenz

Greg Ames

Der bisher beste Tag meines Lebens

James Fitzroy’s Mutter ist zwar erst anfangs Fünfzig, trotzdem leidet sie bereits an Demenz und liegt in einem Pflegeheim in Buffalo. Ellen, selbst einst in der Pflege tätig, kann kaum noch sprechen und erkennt ihre Familie nicht mehr wirklich.

„Sie lächelt einfach nur, und dann, einen leuchtenden Moment lang, taucht sie aus dem Sumpf ihrer Krankheit auf und macht mir ein Geschenk. „Mir geht’s gut“, sagt sie leise. Und indem sie es sagt, scheint es für sie selbst glaubhaft zu werden.“

Eine schwierige Situation für jeden Einzelnen. Ihr Ehemann besucht sie jeden Tag. Für einige Zeit kehrt auch James, der in New York lebt und Grusskarten-Texter ist, in sein Elternhaus zurück, um in der Nähe seiner Mutter zu sein. Er macht sich Gedanken über die Krankheit, die seine Mutter von Tag zu Tag mehr auffrisst und für die es keine Heilung gibt.

„Möglich, dass sie so lange lebt wie ich, vielleicht länger. Möglich, dass sie uns alle überleben wird, ohne jedes Bewusstsein dafür, wie die Zeit vergeht.“

In der Freizeit trifft er seine alten Kumpels in der Bar und auf Parties, wo dumme Sprüche geklopft werden und die Treffen enden meist im Besäufnis. Eine Frau quatscht ihn in einer Bar an, als wäre er ein alter Bekannter, doch er erinnert sich nicht an sie. Trotzdem beginnt er sich mit ihr, die als Malerin arbeitet, zu treffen. Dazwischen geht er regelmässig ins Pflegeheim, trifft mal seinen Vater oder auch seine Schwester mit deren Lebenspartnerin an. Jeder geht anders mit der Situation um.

James weiss von seiner Mutter, dass sie sicher nicht in diesem Zustand ihrem Ende entgegensiechen möchte. Er überlegt sich, auf welche Weise er ihr Leiden beenden könnte, wie es mit der Sterbehilfe aussieht, beginnt im Internet darüber zu recherchieren. Ein Tötungsversuch endet eher tragikomisch.

Er spricht das Thema Sterbehilfe bei einem Treffen mit seinem Vater an, der möchte davon aber nichts wissen. Er wünscht sich für seine Frau nur, dass sie im Pflegeheim so gut wie möglich umsorgt und betreut wird.

„Das Pflegepersonal steckt Ellen Essen in den Mund, zieht sie aus und wieder an, legt sie ins Bett – eine übergrosse Puppe, ein lebendiges Spielzeug -, aber sie betrachten sie nicht mehr als eine von ihnen. Ich kann das sogar nachempfingen. Es ist ein natürlicher Impuls zu denken: So werde ich niemals.“

James’ Vater ist dabei, das gemeinsame Haus zu verkaufen und in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Er kann sich das Haus wegen der Pflegekosten nicht mehr leisten, ausserdem ist es für ihn alleine zu gross. Die Umzugskisten sind gepackt. James ist entsetzt, dass sein Vater Sachen von seiner Mutter entsorgt, als wäre sie schon tot. Er nimmt Fotos, Briefe, Ordner und ein Schulungsbuch für den Pflegeberuf, das seine Mutter verfasst hat, an sich und fängt in all den Unterlagen an zu lesen.

Es ist eine schwierige Zeit für die Familie, vor allem auch vor Feiertagen, wie Thanksgiving. Wie war es noch, als Ellen zu Hause war, aber bereits erste Anzeichen der Demenz auftraten?

James, der Rebell in der Familie, das Sorgenkind, hing während seiner Jugendzeit lieber mit seinen zweifelhaften Freunden rum, als auf die Ratschläge der Eltern zu hören. Dies bedauert er heute.

„Mom gab mir frisches Gemüse zu essen und ich nahm es ihr übel. Aber wenn einer der Critter-Brüder ein Acid-Blättchen aus seiner dreckigen Hosentasche zog, es mir anbot und „Pass auf, das ist Purple -Unicorn“, sagte, legte ich es mir, ohne eine einzige Frage zu stellen, auf die Zunge.

Ich verbrachte meine Freizeit damit, irgendwelche Idioten zu interviewen, und kam nie auf die Idee, in meinem eigenen Elternhaus nach Antworten zu suchen.“

In eingeschobenen Kapiteln kommen auch Personen zu Wort, die in Buffalo leben und Geschichten ihrer Stadt erzählen.

Greg Ames erzählt uns eine Geschichte, die mich sehr berührte. Es ist sehr glaubwürdig, wie er uns ein Fenster zu dieser amerikanischen Familie öffnet. Mag James ein schwieriger Typ sein, mit seiner Mutter geht er sehr liebevoll und fürsorglich um, wenn er sie im Pflegeheim besucht und pflegt.

Ein aussergewöhnliches Buch, das uns eine Krankheit näher bringt, von der alle wissen, aber die Wenigsten von uns werden sich mit dieser je auseinandergesetzt haben. Eine Krankheit, die in jeder Familie zuschlagen kann.

Ist es Zufall, dass ich, kaum hatte ich den Roman fertig gelesen, in meiner Post einen grossen Briefumschlag, mit Informationen und einer Broschüre der Stiftung für Alzheimer-Erkrankungen, vorfand?