Ein Vulkanausbruch und seine Folgen

Sie stand auf der Short List für den „Deutschen Buchpreis“ und für den „Schweizer Buchpreis“ 2014. Beide Preise hat sie zwar nicht gewonnen, erhielt dafür den „Roswitha-Preis“, der der älteste deutschsprachige Literaturpreis ist, der an Frauen vergeben wird. Mehr zu diesem Preis findet ihr hier.

Die Rede ist von Gertrud Leutenegger, Schweizer Schriftstellerin, 1948 in Schwyz geboren und die ursprünglich Regie studiert hat. Sie lebte in der französischen und mehr als zwanzig Jahre in der italienischen Schweiz. Heute lebt sie in Zürich. Die Autorin kam für eine Lesung mit ihrem neuesten Roman „Panischer Frühling“ in unsere Stadtbibliothek. Der Germanist Prof. Heinrich Boxler stellte die Autorin dem Publikum vor, erwähnte Preise, die sie erhalten hat und vor allem, dass ihn der so eben erhaltene Preis besonders freue, den Roswitha-Preis, denn seine Frau heisse nämlich ebenfalls Roswitha, was die Autorin und das Publikum erheiterte. Er erwähnte aus den rund fünfzehn Büchern, die Leutenegger inzwischen geschrieben hat, einige Titel, die ihm sehr ans Herz gewachsen sind, darunter „Pomona“, „Matutin“ oder „Meduse“. Dieses Buch wurde ihm einst gestohlen und er habe es erneut gekauft, da es sein liebstes von Leutenegger sei und deswegen in seiner Bibliothek nicht fehlen dürfe.

Gertrud Leutenegger_1

Die Autorin las danach längere Passagen aus „Panischer Frühling“ vor. Die Handlung ist im Frühling 2010 angesiedelt, als in Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach und den Flugverkehr in weiten Teilen Europas völlig lahmlegte. Zu dieser Zeit begibt sich eine namenlose Ich-Erzählerin auf lange Spaziergänge durch die Strassen Londons und begegnet einem jungen Mann, namens Jonathan, der die Obdachlosenzeitung verkauft.

„Die herausgeschleuderten Aschewolken nahmen mehr und mehr das Aussehen eines Atompilzes an, doch draussen glänzte ein ungetrübter Frühlingshimmel, und auch ich spürte etwas von jener seltsamen Aufgeräumtheit, die Menschen manchmal beim Hören von einer Katastrophe, ist sie nur weit genug entfernt, erfasst.“

Die Ich-Erzählerin und Jonathan beginnen, sich gegenseitig Geschichten aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Jonathan, der seit seiner Geburt im Gesicht durch ein schreckliches Feuermal entstellt ist, erzählt aus seiner Heimat Cornwall und der Zeit in Penzance, die er bei seiner Grossmutter verbracht hat.

„Mein Entsetzen war um so grösser, als das Profil des jungen Mannes, aus einer fernen Epoche herkommend, mich unwillkürlich angezogen hatte. Die eine Wangenseite, die anfänglich durch das volle Haar versteckt gewesen war, bot sich geschwollen und wie von Fäule befallen dar, als würde sie von innen her von einem Tier zerfressen.“

Die Ich-Erzählerin taucht in ihre Kinder- und Jugendzeit in der Schweiz ein und erinnert sich an die Sommer, die sie mit der Familie bei ihrem Onkel im Pfarrhaus verbracht hat. Ebenso ausgeprägt und sehr poetisch werden die Spaziergänge, die die Ich-Erzählerin durch die Strassen des East End, durch die Parks und der entlang der Themse unternimmt, beschrieben.

Ich hätte der Autorin, die eine sehr angenehme Lesestimme hat, stundenlang zuhören mögen. Die sympathische Autorin erzählt nach der Lesung ausführlich und mit grosser Begeisterung wie es zu ihrem Roman „Panischer Frühling“ gekommen ist. Eigentlich wollte sie ein Buch über Bäume schreiben. Die schönsten Bäume befinden sich in England und so flog sie nach London, just fünf Tage vor dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull. Auf ihren Wanderungen durch die Stadt begegnete sie dann tatsächlich einem Zeitungsverkäufer, der ein Feuermal hatte und reiste zweimal nach Penzance, um sich vor Ort über die Herkunft des Zeitungsverkäufers ein Bild zu machen. Überhaupt fällt bei ihren Erläuterungen auf, dass sie sich sehr gewissenhaft mit Recherche befasst.

Gertrud Leutenegger

Das Pfarrhaus, das erwähnt wird, ist ebenso real. Ihr Onkel war Pfarrer in der Gemeinde Sarnen. Hier verbrachte sie von zwei bis siebzehn Jahren, zusammen mit ihrer Familie, die Sommerferien. Mit ihrer Schwester und Mutter schlief sie im roten Saal, das eigentlich für den Bischof vorgesehen war, und der Vater im Waldzimmer, so nannten sie den Raum, da die Tapete Darstellungen von Bäumen zeigte.

Der Titel „Panischer Frühling“ ist kein Zufall, hat er doch eine Verbindung zum griechischen Hirtengott Pan, dem entstellten Gott, dem die Hirten Opfer brachten, damit er ihre Herden beschütze und die sich gleichzeitig vor ihm fürchteten, da er ihre Herden, wenn er erzürnt war, in die Flucht trieb. So ähnlich erging es der Ich-Erzählerin im Roman, die Jonathans Feuermal erschreckte und trotzdem immer wieder zu diesem jungen Mann zurückkehrte, um sich mit ihm zu unterhalten. Mit anderen Worten, der Roman hat viele autobiographische Züge. Und wenn es auch einen Kritiker im „Literatuclub“ gab, der den Roman als anachronistisch bezeichnete, kann ich den Roman mit gutem Gewissen empfehlen und Heinrich Boxlers Begeisterung für das Werk der Autorin nachempfinden.

Panischer Frühling

 

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