Ein Vulkanausbruch und seine Folgen

Sie stand auf der Short List für den „Deutschen Buchpreis“ und für den „Schweizer Buchpreis“ 2014. Beide Preise hat sie zwar nicht gewonnen, erhielt dafür den „Roswitha-Preis“, der der älteste deutschsprachige Literaturpreis ist, der an Frauen vergeben wird. Mehr zu diesem Preis findet ihr hier.

Die Rede ist von Gertrud Leutenegger, Schweizer Schriftstellerin, 1948 in Schwyz geboren und die ursprünglich Regie studiert hat. Sie lebte in der französischen und mehr als zwanzig Jahre in der italienischen Schweiz. Heute lebt sie in Zürich. Die Autorin kam für eine Lesung mit ihrem neuesten Roman „Panischer Frühling“ in unsere Stadtbibliothek. Der Germanist Prof. Heinrich Boxler stellte die Autorin dem Publikum vor, erwähnte Preise, die sie erhalten hat und vor allem, dass ihn der so eben erhaltene Preis besonders freue, den Roswitha-Preis, denn seine Frau heisse nämlich ebenfalls Roswitha, was die Autorin und das Publikum erheiterte. Er erwähnte aus den rund fünfzehn Büchern, die Leutenegger inzwischen geschrieben hat, einige Titel, die ihm sehr ans Herz gewachsen sind, darunter „Pomona“, „Matutin“ oder „Meduse“. Dieses Buch wurde ihm einst gestohlen und er habe es erneut gekauft, da es sein liebstes von Leutenegger sei und deswegen in seiner Bibliothek nicht fehlen dürfe.

Gertrud Leutenegger_1

Die Autorin las danach längere Passagen aus „Panischer Frühling“ vor. Die Handlung ist im Frühling 2010 angesiedelt, als in Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach und den Flugverkehr in weiten Teilen Europas völlig lahmlegte. Zu dieser Zeit begibt sich eine namenlose Ich-Erzählerin auf lange Spaziergänge durch die Strassen Londons und begegnet einem jungen Mann, namens Jonathan, der die Obdachlosenzeitung verkauft.

„Die herausgeschleuderten Aschewolken nahmen mehr und mehr das Aussehen eines Atompilzes an, doch draussen glänzte ein ungetrübter Frühlingshimmel, und auch ich spürte etwas von jener seltsamen Aufgeräumtheit, die Menschen manchmal beim Hören von einer Katastrophe, ist sie nur weit genug entfernt, erfasst.“

Die Ich-Erzählerin und Jonathan beginnen, sich gegenseitig Geschichten aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Jonathan, der seit seiner Geburt im Gesicht durch ein schreckliches Feuermal entstellt ist, erzählt aus seiner Heimat Cornwall und der Zeit in Penzance, die er bei seiner Grossmutter verbracht hat.

„Mein Entsetzen war um so grösser, als das Profil des jungen Mannes, aus einer fernen Epoche herkommend, mich unwillkürlich angezogen hatte. Die eine Wangenseite, die anfänglich durch das volle Haar versteckt gewesen war, bot sich geschwollen und wie von Fäule befallen dar, als würde sie von innen her von einem Tier zerfressen.“

Die Ich-Erzählerin taucht in ihre Kinder- und Jugendzeit in der Schweiz ein und erinnert sich an die Sommer, die sie mit der Familie bei ihrem Onkel im Pfarrhaus verbracht hat. Ebenso ausgeprägt und sehr poetisch werden die Spaziergänge, die die Ich-Erzählerin durch die Strassen des East End, durch die Parks und der entlang der Themse unternimmt, beschrieben.

Ich hätte der Autorin, die eine sehr angenehme Lesestimme hat, stundenlang zuhören mögen. Die sympathische Autorin erzählt nach der Lesung ausführlich und mit grosser Begeisterung wie es zu ihrem Roman „Panischer Frühling“ gekommen ist. Eigentlich wollte sie ein Buch über Bäume schreiben. Die schönsten Bäume befinden sich in England und so flog sie nach London, just fünf Tage vor dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull. Auf ihren Wanderungen durch die Stadt begegnete sie dann tatsächlich einem Zeitungsverkäufer, der ein Feuermal hatte und reiste zweimal nach Penzance, um sich vor Ort über die Herkunft des Zeitungsverkäufers ein Bild zu machen. Überhaupt fällt bei ihren Erläuterungen auf, dass sie sich sehr gewissenhaft mit Recherche befasst.

Gertrud Leutenegger

Das Pfarrhaus, das erwähnt wird, ist ebenso real. Ihr Onkel war Pfarrer in der Gemeinde Sarnen. Hier verbrachte sie von zwei bis siebzehn Jahren, zusammen mit ihrer Familie, die Sommerferien. Mit ihrer Schwester und Mutter schlief sie im roten Saal, das eigentlich für den Bischof vorgesehen war, und der Vater im Waldzimmer, so nannten sie den Raum, da die Tapete Darstellungen von Bäumen zeigte.

Der Titel „Panischer Frühling“ ist kein Zufall, hat er doch eine Verbindung zum griechischen Hirtengott Pan, dem entstellten Gott, dem die Hirten Opfer brachten, damit er ihre Herden beschütze und die sich gleichzeitig vor ihm fürchteten, da er ihre Herden, wenn er erzürnt war, in die Flucht trieb. So ähnlich erging es der Ich-Erzählerin im Roman, die Jonathans Feuermal erschreckte und trotzdem immer wieder zu diesem jungen Mann zurückkehrte, um sich mit ihm zu unterhalten. Mit anderen Worten, der Roman hat viele autobiographische Züge. Und wenn es auch einen Kritiker im „Literatuclub“ gab, der den Roman als anachronistisch bezeichnete, kann ich den Roman mit gutem Gewissen empfehlen und Heinrich Boxlers Begeisterung für das Werk der Autorin nachempfinden.

Panischer Frühling

 

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Paul Auster zu Besuch in Zürich

Das Literatur-Festival „Zürich liest“ 2014 ist bereits wieder Geschichte. Bereits am Freitagabend durften die Besucher des Festivals ein erstes Highlight der Literatur geniessen. Paul Auster, der bereits wieder mitten in einem neuen Romanprojekt steckt, nahm sich trotzdem die Zeit, und beehrte Zürich mit einem Besuch. Er musste ein Versprechen einlösen, dem er mit seinem Auftritt nachkam, was seine Fans natürlich freute.

An erhöhter Lage, nämlich im Theater Rigiblick, einem Ort über den Dächern von Zürich und mit Blick über die Stadt und in die Berge, fand die Lesung mit anschliessendem Gespräch statt. Elisabeth Bronfen, Professorin für Anglistik und Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich, machte eine Einführung zu einigen Orten, an denen Paul Auster gelebt hat und fand es aufregend neben einem ihrer bevorzugten Autoren zu sitzen. Sie meinte, dass sie die Einzige sei, die ihm heute Abend Fragen stellen könne „we don’t take questions from the audience!“. Bevor Paul Auster die Lesung begann, betonte er jedoch, wenn er Bücher signiere werde er sehr wohl mit dem Publikum sprechen.

Paul Auster

Eigentlich war gemäss Programm vorgesehen, dass er aus einem unveröffentlichten Werk lesen sollte. Da Paul Auster dachte, dass die Veranstaltung zweisprachig durchgeführt würde und der Text ja noch nicht ins Deutsche übersetzt sei, lasse er das Manuskript zuhause. Wenn es einfach gewesen wäre, wäre Auster schnell nach Brooklyn gedüst und in zehn Minuten wieder mit seinem Text zurückgekehrt, wie er meinte. So las er denn aus seinem autobiographischen Werk „Winterjournal“ und aus den „Gesammelten Erzählungen“ den Text „White Spaces“, der im Jahr 1978 entstanden ist.

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Nach der Lesung stellte er sich den Fragen von Elisabeth Bronfen, die ziemlich aufgekratzt wirkte. Die Moderatorin wollte wissen, ob er sagen könne, woran er im Moment arbeite. Nach fünf autobiographischen Werken sitzt Paul Auster wieder an einem Roman, an dem er schon seit eineinhalb Jahren dran ist und es vielleicht noch könne noch weitere zweieinhalb Jahre dauern. Eigentlich seien es vier Bücher in einem. Es soll die Geschichte eines Mannes und seiner Familie erzählen. Der Mann ist jetzt gerade in der High-School und er habe schon fünfhundert Seiten geschrieben. Ob das ein Dreitausend-Seiten Roman geben werde, wollte Bronfen wissen. Nein, nein, vielleicht tausendeinhundert Seiten, meinte Auster. Er habe noch keine Ahnung, wohin ihn die Reise beim Schreiben führen werde. Es sei ein Abenteuer, jeder Tag bringe etwas Neues.

Paul Auster schreibt nach wie vor seine Texte alle von Hand. Im Zeitalter von Computer scheint das eher ungewöhnlich, für ihn ist dies jedoch ganz normal, schliesslich habe jeder von uns einmal angefangen, mit Feder und Bleistift zu schreiben. Seit er ein Teenager von fünfzehn Jahren war und mit Schreiben begann, keine Schreibmaschine zur Verfügung stand, schrieb er von Hand und es füllte sich gut an. Mit einem Keyboard komme er nicht zurecht. Für ihn sind die Hand, die einen Stift führt und das Hirn eng miteinander verbunden. Es sei ein schönes Gefühl zu sehen, wie sich die Buchstaben ins Papier eingraphieren würden. Danach hackt er die Texte noch in seine Schreibmaschine. Jemand tippt dann das Geschriebene für den Verlag noch am Computer. Bronfen wollte ihm unterstellen, dass er im Zweifingersystem schreibe. Da widersprach er vehement,  denn er hat schon an der Junior High-School einen Schreibmaschinenkurs belegt, das sei das Beste gewesen, das er gelernt habe. Es sei doch eigentlich völlig egal, ob ein Text handschriftlich verfasst werde oder am Computer, wichtig sei bloss, dass es funktioniere.

Dann die Frage, wie er zu den Themen für seine Bücher komme. Es fange plötzlich etwas zu Summen in seinem Kopf und er wisse noch nicht was es sei. Dann höre er plötzlich diese Musik, die Musik eines Buches. Das seien weniger gewisse Situationen, als eher Charaktere, die entstehen würden. Irgendwann beginne er zu schreiben und manchmal rufe ihm ein Charakter zu „Gib mir ein Leben, bring mich zu Papier, ich möchte atmen“.

Er erzählt von seiner Liebe zum Film, gibt auch die eine oder andere Anekdote zum Besten, wofür er Lacher erntet, schneidet kurz die Politik und die Wirtschaft Amerikas an, die so sehr mit der Europas gekoppelt ist und nicht alles so läuft, wie es sollte. Ein interessanter und unterhaltsamer Abend mit Paul Auster geht mit der Signierung seiner Bücher – und es sollen doch bitte nicht mehr als fünf Bücher zum Signieren vorgelegt werden – nach fast eineinhalb Stunden zu Ende. Ich gebe mich deshalb mit zwei signierten Büchern zufrieden 😉

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Der singende Stewart O’Nan

Wenn der amerikanische Autor Stewart O’Nan den Raum betritt kommt fast alleine Heiterkeit auf. Die Moderation wird praktisch überflüssig, denn Stewart O’Nan ist einer, dem man nicht jedes Wort aus der Nase ziehen muss. Er ist offen und ausgesprochen witzig. Das ist von Anfang an ein gutes Zeichen für die Lesung.

Die Leiterin des Literaturhauses Zürich stellt den Autor vor, der die neue Saison eröffnet und weist darauf hin, dass im neuen Roman „Die Chance“, im Original „The Odds“ der Song von Dinah Washington „Wheel of fortune“, dessen Text am Anfang des Buches abgedruckt ist, so passend ist. Sie klaubt ihr Iphone hervor und ist sich ziemlich sicher, dass das Abspielen des Titels nicht klappen wird. Aber dann ertönt das Lied über das Mikrophon und erntet von Stewart O’Nan und dem Publikum Applaus. Die Einführung hätte nicht besser sein können.

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Erst einmal erklärt der Autor, worum es sich im Roman handelt:

Marion und Art, ein Ehepaar anfangs fünfzig und seit dreissig Jahren verheiratet stehen vor den Scherben ihrer Ehe, nicht zuletzt durch einen Seitensprung von Art mit einer um etliche Jahren jüngeren Arbeitskollegin, den Marion ihm nicht verzeihen kann. Das Pikante dabei ist, dass auch Marion eine Beziehung und zwar mit einer Frau hatte, wovon Art allerdings nichts weiss. Das Paar ist seit einer Weile arbeitslos, wegstrukturiert vom amerikanischen Arbeitsmarkt und mit dem grossen Haus inzwischen hoffnungslos verschuldet. Mit anderen Worten – sie sind pleite.

Mit den letzten Dollars begeben sie sich mit dem Bus zu den Niagara Falls, eine Valentinstag-Pauschalreise, um auf der kanadischen Seite ihr Glück im Kasino zu versuchen. Sie haben nichts zu verlieren. Am Tag ist Sightseeing angesagt, es wird gegessen, zu viel Alkohol getrunken und sie haben Sex miteinander, der auch nicht mehr der Knaller ist. Nachts aber rollt die Kugel beim Roulette, das Adrenalin steigt. Art, einst in der Versicherungsbranche tätig, hat eine totsichere Strategie entwickelt wie er glaubt. Er will nicht nur den grossen Gewinn im Spiel machen, sondern auch Marion für sich zurückgewinnen.

Dies die kurze Inhaltsangabe zum neuen Roman von Stewart O’Nan, der wie der Moderator Thomas Bodmer meinte, ein Meister darin ist, wenn es darum geht, das Leben der Amerikaner zu beschreiben. O’Nan liest schliesslich aus einem Kapitel vor und die Schauspielerin Miriam Japp fährt danach mit der deutschen Übersetzung weiter.

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Es bereitet grosses Vergnügen, dem Autor zuzuhören, denn er gestikuliert mit den Händen, erhebt je nachdem die Stimme und als er die Szene liest, an dem Marion und Art ein Konzert der Band „Heart“ besucht, singt er auch noch die Passagen der Songs. Wäre er nicht Schriftsteller, er könnte glatt in einer Band als Leadsänger anheuern.

Er fragt ins Publikum, wer denn die Gruppe „Heart“ kenne, die in den 1970er-Jahren in den USA sehr bekannt war. Es hoben gerade mal drei Personen die Hände. Im Nachhinein stellte ich fest, dass auch ich die Band kenne, was ich beim Titel „Barracuda“ vermutete und bei Youtube bestätigt bekam. Hier der Song von „Heart“:

Wer noch einen kleinen Eindruck von Stewart O’Nans Gesangseinlage während der Lesung erhalten möchte, hier ein kleiner Ausschnitt:

Nach der Lesung stellte Thomas Bodmer dem Autor einige Fragen. Stewart O’Nan wurde in Pittsburgh geboren und wuchs in dieser Industriestadt auf. Heute ist die Einwohnerzahl stark zurückgegangen, nicht zuletzt, da die Autoindustrie komplett zusammengebrochen ist und viele junge Menschen keine Arbeit mehr finden. Stewart O’Nan hingegen ist mit seiner Familie in die Stadt zurückgekehrt, weil es so viele leere Häuser zur Auswahl gab, wie er frotzelte. Aber ehrlich gesagt, sei er auch der einzige der Familie gewesen, der je weggezogen sei. Er erzählte wie es ihm nach wie vor grossen Spass mache zu schreiben. Klar gäbe es Momente, wo es vielleicht mühsam sei an einem Buch zu arbeiten, wenn man nicht weiter wisse, aber seine Arbeit sei wirklich toll und er strahlte über das ganze Gesicht.

Thomas Bodmer fragte den Autor, ob er denn auch Ferien mache. Ja, klar. Nur, während seine Familie im Freien sei, verbringe er die Zeit drinnen – Fenster und Türen zu und im stillen Kämmerlein wird geschrieben. Wenn er dann endlich fertig sei, dann stelle er immer fest, wie die Welt meist schöner und bunter sei, als in seinen Büchern.

Eine Zuhörerin meinte, dass sie mit den Figuren im neuen Roman nicht wirklich warm geworden sei. Sie strahlten Kälte aus. Und O’Nan entschuldigte sich, das täte ihm leid. Er schaute ins Publikum und meinte, der Leser habe immer recht. Ein anderer Zuhörer, wohl der Ehemann der erwähnten Zuhörerin, ritt auf Satzdetails herum, was wir dann doch etwas anstrengend fanden.

O’Nan machte uns auf den Geburtstag von Lew Tolstoi aufmerksam und zollte diesem grossen russischen Schriftsteller seine Hochachtung, vor allem von „Anna Karenina“ ist er begeistert. Er sieht bei Tolstoi, dass jede seiner Figuren zur rechten Zeit am rechten Ort platziert wurde und sei deren Part auch noch so klein. Er selber legt für seine Protagonisten Notizhefte an und setzt dann Szene um Szene zu einem Ganzen zusammen. Manchmal würden sich die Charaktere aber auch ganz anders entwickeln als er geplant habe, aber das mache das Ganze auch wieder sehr interessant und überrasche ihn manchmal selber.

Für den Roman „Die Chance“ reiste er mit seiner Frau nach Niagara Falls und stieg ebenso wie Marion und Art in seinem Roman, in einem Hotel mit Casino ab. Er wollte sich ein genaues Bild vor Ort machen. Stewart O’Nan gab tolle Einblicke in seine Arbeit

Die Zeit verflog im Nu. Bei einem Apéro konnte weiter diskutiert und es konnten Bücher gekauft werden. Ich liess es mir nicht nehmen, meine mitgebrachten Bücher signieren zu lassen und er schrieb doch tatsächlich in jedes Buch etwas anderes hinein. Er nahm sich viel Zeit für seine Leser.

Diese Lesung war bereits ein erstes Highlight des Literatur-Herbstes 2014 und wer die Möglichkeit hat, sollte sich eine Lesung dieses Autors nicht entgehen lassen und sonst mindestens eines seiner Bücher lesen, allen voran „Emily, allein“, das so einfühlend geschrieben ist oder „Die Chance“ und und und …

David Guterson – eine Lesung

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Kürzlich ist der fünfte Roman von David Guterson „Der Andere“ im Hofmann und Campe Verlag erschienen und schon sitzt der Autor für eine Lesung in Zürich.

Trotz des sommerlichen Frühlingabends ist das Publikum relativ zahlreich erschienen. Dafür bedankt sich David Guterson gleich vorweg, denn seit Sonntag weilt er bereits in der Stadt und hat gesehen, wie die Menschen sich draussen tummeln und es im Freien geniessen.

Der Gesprächsleiter, dessen Name ich nicht verstanden habe, weil er wie aus der Pistole geschossen kam, fragte David Guterson natürlich gleich, nach Büchern in seinem Leben. Der Autor erzählt, dass er in einem Haus mit vielen Büchern aufgewachsen sei, da die Mutter sehr gerne las. Als Junge interessierten ihn Bücher über Sitting Bull und andere historischen Figuren. Erst im Alter von zwölf, dreizehn Jahren begann Guterson auch Romane  zu lesen.

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Die Frage, wann David Guterson begonnen habe zu schreiben, musste ja kommen. Er habe erst mit Schreiben begonnen, als er schon über zwanzig Jahre alt gewesen sei. Viele Jahre verfasste er nur Kurzgeschichten und wagte sich erst im Alter von dreissig Jahren an den ersten Roman, der gleich ein Welterfolg wurde „Schnee der auf Zedern fällt“.

Short Stories sind wie ein Sprint, man könne keine Mittel- oder Langstrecke laufen, wenn einem vorzeitig die Puste ausgehe und einen langen Atem brauche es für einen Roman. Entweder man sei für den Roman geschaffen oder dann lasse man es halt bleiben.

David Guterson scheint zu den Langstreckenläufern zu gehören, oder zumindest zu den Mittelstreckenläufern, so wie seine beiden Protagonisten, die sich als Teenager bei einem Mittelstreckenlauf kennenlernen und trotz unterschiedlicher Familien beste Freunde werden.

Den Anfang seines Romans „The Other“, wie er im Original heisst, liest der Schriftsteller vor. Und dazu legt er seine Brille auf den Tisch, die er zuvor getragen hat. „Andere in meinem Alter setzen sich die Brille auf, ich setze sie ab“, meinte Guterson grinsend.

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Es ist schwierig für mich, dem ganzen Gespräch, das in englischer Sprache geführt wird, zu folgen, denn „Der Andere“ habe ich, ausser den Anfang, noch nicht gelesen. So waren mir einige Fragen überhaupt nicht verständlich, weil mir der Zusammenhang fehlte. Ich hätte es begrüsst, wenn der Gesprächsleiter das Publikum den Kontext zum Roman erklärt hätte. Eine längere Passage der deutschen Übersetzung las der Schauspieler Sebastian Arenas.

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Zum Abschluss konnte das Publikum Fragen stellen, nur waren das gerade einmal zwei und der Aussprache nach zu urteilen, kamen diese von Amerikanern. Unter anderem wird er gefragt, was er als nächstes plane. Er schreibe öfters Gedichte und Erzählungen und er hoffe, dass er nächstes Jahr ein Buch mit neuen Erzählungen veröffentlichen könne.

David Guterson meinte abschliessend, dass er seit Sonntag in Zürich sei. Er hat das traditionelle Frühjahrsfest „Sechseläuten“ also gleich zweimal miterlebt, nämlich den Kinderumzug am Sonntag und am Montag den Hauptumzug. Er hätte eine Menge über die Zünfte gelernt, die am Umzug eine wichtige Rolle spielen. Und er hätte je länger je mehr Fragen gehabt. Schliesslich bedankte er sich noch beim Übersetzer des Buches, Georg Deggerich, für dessen Arbeit. Er selber spreche nur wenig Deutsch, aber er sei sicher, dass Deggerich seinen Roman gut übersetzt habe.

Beim Büchertisch, in lockerer Atmosphäre, wurde das Wort dann doch noch an den Autor gerichtet, als er seine Bücher geduldig signierte. Ich habe einen äusserst sympathischen Mann getroffen und freue mich nun, einen weiteren Roman von ihm zu lesen.

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John Irving in Zürich

Es ist der 11. November, Fasnachtsauftakt – es regnet in Strömen. Gerade das richtige Wetter, um sich mit einem Buch zurückzuziehen, vielleicht mit dem neuen Roman „In einer Person“ von John Irving. Gestern trat er im Kino auf, im Zusammenhang mit dem Dokumentarfilm „John Irving und wie er die Welt sieht“, heute Morgen las er im Schauspielhaus Zürich und unterhielt sich mit der Moderatorin Monika Schärer. Der Saal war fast voll, unter den Zuschauern befand sich auch die Ehefrau des Autors.

Monika Schärer sprach einige Worte zum Roman, hat auch Zürich nach über 700 Seiten als Schauplatz gefunden und zwar das Schauspielhaus. Was wäre da passender als in diesem Haus einen Anlass mit von John Irving abzuhalten? Die Moderatorin wies gleich noch darauf hin, dass im Foyer Bücher des Schriftstellers gekauft werden könnten, Irving jedoch keines signieren werde, weil seine Zeit als Ringer seine Spuren hinterlassen habe. Und schlussendlich ist es doch besser, Irving schreibe weitere Romane, als tausend Bücher mit seiner Unterschrift zu versehen.

Er erzählte, dass er im Jahre 2001 die ersten Notizen zu diesem Roman gemacht habe. Der Roman über einen bisexuellen Mann namens William beginnt Ende der 1950er-Jahre und reicht bis in die 1980er-Jahre, als Aids ein Thema wurde. Irving wollte ein Buch schreiben, das von einer Minderheit unter den Minderheiten handelt. Im Gegensatz zum Leser, der weiss, dass diese furchtbare Krankheit Aids ausbrechen wird, ahnt der Protagonist in den damaligen Jahren noch nichts davon.

Der Autor erzählt am Anfang, des Interviews, dass es ein reiner Zufall ist, dass der Roman erschienen sei, kurz nach seinem 70. Geburtstag und zum 60. Jahrestag des Diogenes Verlages. Er erzählt, dass auch seine Mutter im Theater Souffleuse war, hingegen flüsterte sie die fehlenden Worte den Schauspielern nicht zu, sondern brüllte sie ihnen quasi entgegen. Es bereitete ihr Vergnügen, die Akteure zu erschrecken.

John Irving las aus seinem Roman aus drei Kapiteln vor und wechselte sich ab mit dem Schauspieler Markus Scheumann, der jeweils vor oder nach Irving Abschnitte der deutschen Übersetzung las. Es bereitete grosses Vergnügen, den beiden Männern zuzuhören. Markus Scheumann las im ersten Kapitel vor, wie der fünfzehnjährige William der Bibliothekarin Miss Frost erklärt, dass er Schriftsteller werden wolle und sie erwidert: „Du kannst unmöglich wissen, dass du mal Schriftsteller wirst“, schüttelte Irving leicht den Kopf und fing selber an zu grinsen. Darauf brach das Publikum in schallendes Gelächter aus. Es gab überhaupt viel Amüsantes, während der Lesung und dem Gespräch.

Beim weiteren Gespräch, wurden auch die Politik und die eben erst erfolgten Wahlen in den USA angesprochen. Irving ist schon einmal froh, dass Obama wieder gewählt wurde. Er meinte, dass dieser von 55% der Frauen, von allen Schwarzen und den lateinamerikanisch stämmigen US-Bürgern gewählt worden sei. Mitt Romney sei nur von einer Schicht gewählt worden, nämlich von weissen Männern, die 65 und älter seien. Dass die Wahlen auch ein Republikaner hätte gewinnen können räumt er indessen ein, wäre dieser nur etwas liberaler gewesen.

1963 kam er als Student nach Europa, 1969 und 1970, inzwischen war sein mittlerer Sohn geboren, lebte er nochmals hier. Damals, sagt er, war Europa wirtschaftlich und politisch weiter und was die Sexualität betraf viel freier als die USA. Als Reagan Präsident war, habe es sowieso eine Mauer zwischen den beiden Kontinenten gegeben, heute sei kein grosser Unterschied mehr festzustellen.

Angesprochen auf die 1980er-Jahre betreffend Aids, zu der Zeit lebte Irving in New York und bewegte sich vor allem in Künstlerkreisen, meinte er, dass man immer erst erfahren habe, dass ein Freund homosexuell war, als er schon krank oder gar gestorben war. Er hätte sich gewünscht, dass Freunde ihn in ihr Vertrauen mit einbezogen hätten, aber dies war damals noch nicht der Fall.

Auf die Frage, ob ein unerfahrener Junge beim ersten Mal eine ältere Person als Sexpartner haben sollte, erwiderte Irving: „Im Alter von 12, 13 Jahren finden wir die Freundin der Schwester anziehend, vielleicht auch eine ältere Frau, einen Mann, und doch wird es wahrscheinlich nie zu einem sexuellen Akt kommen. Wir können ja nicht mit allen Sex haben, nur weil wir irgendeine Phantasie haben, das gäbe ein absolutes Chaos in unserem Leben.“

Längst übersetzte die Moderatorin kaum noch etwas ins Deutsche, bei einigen Themen schien ihr dies vielleicht auch peinlich, so kam es mir vor. Man war also gut bedient, wenn man Englisch verstand.

Über seine Figuren sagt Iriving, dass vielen von ihnen, auch wenn er Sympathie für sie empfinde, im Verlaufe des Buches etwas Schlimmes passieren werde. Doch der Leser weiss nicht wann und wem etwas zustossen werde. Er denke dabei immer an seine Familie, dass dies nicht passieren dürfe oder jenes nicht. Mit seinen Figuren hingegen gehe er nicht zimperlich um.

Bereits arbeitet Irving an einem neuen Roman, der den englischen Titel „Avenue of Mistery“ trägt, geht es um einen mexikanisch-amerikanischen Mann, der seine Jugendzeit in Mexiko verbracht hat und als Erwachsener in den USA gelebt hat. Nun ist er in Pension und lernt einen Mann kennen, dessen Vater als US-Soldat gefallen ist und auf dem Soldatenfriedhof in Manila begraben ist. Der Pensionär entschliesst sich, dieses Grab in Manila aufzusuchen. Er denkt, er tue das für seinen Freund, doch der Grund ist in Tat und Wahrheit ein anderer. Der Leser möchte dem Protagonisten am liebsten zurufen „oh nein, flieg nicht dorthin, kehr gleich wieder um“. Die Avenue of Mistery oder Avenida de los misterios gibt es in Mexiko City, auf der die Pilger zur Schwarzen Madonna pilgern. Mehr wird nicht verraten.

So warten wir also auf den 14. John Irving-Roman, den er hoffentlich wieder in einer Lesung in Zürich präsentieren wird.

Lukas Hartmann – Lesung

Wieder einmal fand in unserer Gemeinde eine Lesung statt. Angereist aus dem Kanton Bern ist der Schriftsteller Lukas Hartmann. Die Bibliothekarin stellte ihn kurz vor und erwähnte, dass sie auf der Homepage des Autors herausgefunden habe, dass er immer abwechslungsweise ein Roman für Erwachsene und dann wieder ein Kinderbuch schreibe. Sie zählte auch einige Aufzeichnungen auf u.a. den Sir-Walter-Scott-Preis für „Bis ans Ende der Meere“, danach übergab sie das Wort Herrn Hartmann. Die Autoren kommen mir an diesem kleinen Tisch auf der grossen Bühne immer etwas verloren vor. Die Leere füllen aber die meisten von ihnen bald mit ihren Worten aus. Lukas Hartmann entschuldigte sich zuerst beinahe, denn er war etwas heiser. Vor zwei Wochen war er auf der Insel Sansibar, wie er erzählte, nicht etwa aus touristischen Gründen, sondern zu Recherchen für sein nächstes Buch. Auch Luzern und Hamburg spiele im nächsten Roman eine Rolle. Ich finde, Sansibar tönt schon jetzt sehr interessant. Letzte Woche las er vor 60, 70 Kindern und da werde die Stimme auch mehr beansprucht. Gestern sei er mit einem Freund wandern gegangen und sie seien in den Regen geraten und völlig durchnässt nach Hause gekommen. Aber er sei ja nicht hier, um zu erzählen, wie es zu seiner kratzigen Stimme gekommen sei, obwohl das auch schon eine Geschichte abgäbe.

Natürlich nicht, Lukas Hartmann wollte aus seinem neuen Roman „Räuberleben“ einige Seiten vorlesen und Fragen beantworten. Zuerst gab er einige Erklärungen in Berndeutsch ab. Räuber hätten ja immer auch Kinder fasziniert und gleichzeitig auch erschreckt, vielen ist „Ronja Räubertochter“ oder „Hotzenplotz“ ein Begriff. Auch Robin Hood habe ihn immer interessiert und als Junge wollte er natürlich diese Rolle übernehmen. Auch in der heutigen Zeit seien die Piraten vor Somalia auch nichts anderes als Räuber. Und dann gäbe es noch die Räuber von oben herab, die quasi legal das Volk ausrauben, wie Mugabe in Simbabwe oder diverse Machthaber, in den aus der Sowjetunion hervorgegangenen Staaten.

Hannikel lebte im 18. Jahrhundert und kam aus dem Schwarzwald. Während 15 Jahren war er mit seinen Leuten, die Fahrende waren, unterwegs, auch in der Schweiz. Die Gruppe die sicher aus 30, 40 Leuten bestand, hatte nie genügend Geld, die die Arbeit mit Scherenschleifen und Pfannenflicken abwarf, so raubten sie am liebsten jüdische Händler aus, weil da viel Geld zu finden war, evangelische Pfarrhäuser, hingegen katholische liessen sie in Ruhe, denn seine Leute wallfahrten selber immer nach Einsiedeln um ihre Sünden zu beichten. Ausgerechnet ein Mord an einem Bandenmitglied, der abtrünnig geworden war, wurde Hannikel zum Verhängnis. Er wurde vom Oberamtsmann Schäffer bis in die Schweiz gejagt und brachte ihn schliesslich an den Galgen.

So las der Autor aus dem Buch, gestikulierte auch mal mit den Händen, hob die Stimme bei entsprechenden Passagen an und erzählte, beim Blättern bis zur nächsten Stelle im Buch, auf Berndeutsch wieder etwas über die Leute von Hannikel, dem Sohn Dieterle, vom Herzog Karl Eugen, dem Oberamtsmann Schäffer oder dem Schreiber Grau. Es war mucksmäuschenstill im Saal. Auch ich lauschte gebannt seinen Worten. Ich fühlte mich beim Zuhören beinahe in die Kindheit zurückversetzt. Ich kann mir den Autor sehr gut vorstellen, wie er aus seinen Kinderbüchern in einer Kindergruppe vorliest. Bei seinen eigenen Kindern seien seine Geschichten auch immer gut angekommen. Räubergeschichten sind tatsächlich spannend, auch für Erwachsene.

Nach der Lesung stellte sich Lukas Hartmann noch den Fragen des Publikums. Einer wollte wissen, weshalb er ausgerechnet auf Hannikel gekommen sei, er sei nur fünf Kilometer von Sulz am Neckar aufgewachsen und hätte noch nie etwas von diesem Räuberhauptmann gehört. Der Autor war sehr erstaunt, denn als er in Sulz auf Recherche war, hätten etliche Bewohner auch auf der Strasse Hannikel gekannt. Auch in der Fasnacht sei diese Figur präsent. Durch ein Quellenverzeichnis sei er auf Hannikel gestossen und ihn habe die gute, wie auch die kriminelle Seite an dieser Person interessiert. Ich wollte wissen, ob er auch eine Räubergeschichte für Kinder schreiben würde. Und er meinte, er könnte sich das schon vorstellen. Nur bei Hannikel ginge es ja um eine historische Persönlichkeit und in Kinderbüchern sind es meist fiktive Gestalten.

Das Publikum hatte nicht allzu viele Fragen, darüber war Lukas Hartmann sicher nicht betrübt, denn er wollte seiner Stimme nicht noch mehr zumuten.

Eifrig wurden dann noch Bücher gekauft und vom Autor gerne signiert. Ich hatte meine Bibliothek geplündert und ich hielt ihm gleich drei Romane und das Kinderbuch „All die verschwundenen Dinge“ mit den bezaubernden Illustrationen von Tatjana Hauptmann, zum Signieren hin, worauf er meinte: „Ah, da haben wir wohl eine Stammleserin.“ Dann griff er sich an die Stirn und meinte, dass er wohl Fieber habe. Wir waren just im Lift, als die Bibliothekarin mit dem Autor ebenfalls ins Parkgeschoss runter fuhr. Wir wünschten eine gute Heimreise, doch da war nichts mehr zu hören, die Stimme war weg.

Wir können uns glücklich schätzen, dass es überhaupt zu dieser interessanten Lesung gekommen ist. Ich hätte Herrn Hartmann noch lange zuhören können.

Räuberleben“ und das letzte Kinderbuch „All die verschwundenen Dinge“ sind im Diogenes Verlag erschienen. Die Homepage des Autors ist ein Besuch wert, zu einigen Romanen gibt es ausführliches Material nachzulesen.

Mit beiden Beinen in zwei Kulturen

Erst am vergangenen Sonntag wurde Catalin Dorian Florescu an der BuchBasel mit dem Schweizer Buchpreis 2011, für seinen Roman „Jacob beschliesst zu lieben“ ausgezeichnet. Gestern Abend hatten wir bereits das Vergnügen, den Autor in unserer Gemeinde zu sehen und zu hören. Sein neuestes Werk, das Elke Heidenreich in der FAZ als sein bestes rühmt, habe ich erst vor zwei Tagen zu lesen begonnen, aber schon jetzt kann ich sagen, dass es aussergewöhnlich ist. Ich wollte es mir also nicht nehmen lassen, diesen Autor ein zweites Mal an einer Lesung zu sehen. Der Anlass wurde in den grossen Gemeinderatssaal verlegt, in Anbetracht der Aktualität, aber ich befürchtete, dass der Saal sicher wieder nicht voll würde. Es tut mir leid dies sagen zu müssen, in unsrer Stadt gibt es zu wenig Literaturinteressierte und ich finde das äusserst Schade.

Viele wissen gar nicht, was sie da verpassen. Einen Schriftsteller hautnah und auf Augenhöhe zu erleben, finde ich immer wieder sehr spannend und bereichernd. Ich habe mich vor der Lesung mit einer pensionierten Bibliothekarin unterhalten, da erfährt man doch so viele interessante Fakten und Geschichten aus der Literaturwelt.

Catalin Dorian Florescu kam früh und zeigte keine Berührungsängste mit dem Publikum. Man kommt rasch mit ihm ins Gespräch. Das kleine Pult mit Mikrofon auf der Bühne wollte er nicht haben, zu weit von den Leuten entfernt.

Kurzerhand wurde der grössere Tisch, an dem der Billette-Verkauf vor sich ging, hergebracht und vor die drei Stufen der Bühne platziert. Näher ans Publikum ging wirklich nicht.

Die Einführung und einen Überblick über die fünf Romane gestaltete der Germanist Heinrich Boxler. Er führt  an der Volkshochschule den Kurs „Neue Schweizer Literatur“ durch und an einem der fünf Kursabende findet jeweils eine Autorenlesung statt. Bereits im Juni wurde der Termin mit dem Autor fixiert, damals ahnte noch niemand, dass er einige Monate später der Träger des Schweizer Buchpreises sein würde. Daher meinte Boxler, er hätte in letzter Zeit viele Mails von Catalin erhalten und hätte Angst gehabt, dieser würde die Lesung in einem seiner Mails absagen, weil er vielleicht andere Verpflichtungen vorgezogen hätte. Der Schriftsteller konterte scherzend, dass Anfragen aus New York, Paris, Madrid und Moskau eingegangen seien, „was ist mir die Welt, wenn ich Dietikon habe“. Boxler zog aus seinem Rucksack ein kleines Fläschchen Prosecco und zwei Plastik-Flûtes, um mit Florescu auf den Preis anzustossen.

Damit die Zuschauer nicht neidisch würden, drehte sich der Autor mit dem Rücken zu uns und nahm einen Schluck mit hörbarem Laut, dass es geschmeckt hat, nicht zu viel, damit er die Lesung nicht „alkoholisiert“ halten müsse. Als Boxler erklärte, dass Florescu als freier Schriftsteller arbeite, meinte dieser: „Was ist ein freier Schriftsteller? Wäre ich Schriftsteller in Kuba, wäre ich jetzt im Gefängnis. In diesem Sinne, ja, bin ich ein freier Schriftsteller.“

Wie gesagt, Mikrofon war nicht nötig, ein Stuhl auch nicht. Florescu setzte sich auf den Tisch und fing erst einmal an zu erzählen, über seine Bücher, seine vier ersten Romane, das erste Buch „Wunderzeit“ autobiographisch, auch der zweite „Kurzer Weg nach Hause“, „Der blinde Masseur“ und „Zaïra“, diese Menschen gab es wirklich und er hat über sie erzählt. Immer wieder sind es Menschen aus seiner ersten Heimat, die er in seinen Romanen verarbeitet.

Wir erfuhren viel Interessantes über Rumänien, das er als fünfzehnjähriger Junge mit seiner Familie verlassen hat und ihn in die Schweiz geführt hat. Erst sein fünfter Roman „Jacob beschliesst zu lieben“ handelt von fiktiven Personen. Wie das Banat in Rumänien besiedelt wurde, von wo der Autor auch stammt, entspricht hingegen der Geschichte. Es waren Menschen aus Lothringen und dem Elsass, die sich nach dem Dreissigjährigen Krieg, nach Seuchen und anderen Kriegen, in Rumänien niederliessen. Wir bekamen viele Hintergrundinformationen geliefert, auch immer mal wieder mit witzigen Bemerkungen. Selbst Rumänien-Witze aus Ceausescu-Zeiten fehlten nicht.

Florescu las aus „Zaïra“ und aus „Jacob beschliesst zu lieben“ die Passagen zur Geburt der beiden Hauptfiguren. Dabei konnte er ganze Seiten überspringen und fügte doch alles zu einem Ganzen zusammen. Anschliessend stellte er sich für Fragen des Publikums zur Verfügung und signierte danach seine Bücher. Dabei ist zu bemerken, dass der Kursleiter und der Autor noch in Zürich herumgesaust sind, um das neueste Werk und einige ältere Titel aufzutreiben. Da kam Florescu nicht umhin anzufügen, dass er sich wie in den 1980er-Jahren fühle, als die Leute in Rumänien in Schlangen für Lebensmittel oder sonst etwas anstanden. Nun waren also auch in Zürich seine Bücher zur Mangelware geworden.

Ich erlebte einen durch und durch sympathischen Autor, der seine Zeit auch in Gesprächen dem Leser widmet, beim Signieren seiner Bücher jedem etwas Persönliches in sein Exemplar schreibt und dessen Bücher es sich zu lesen lohnt. Er hat meine Neugierde auf dieses Land im Osten Europas und dessen Gesicht noch mehr geweckt! Ich hätte ihm ein grösseres Publikum gegönnt.

Ich setze mich also erneut mit Freude an „Jacob beschliesst zu lieben“ und bin gespannt, was mich in diesem Roman noch alles erwartet. Bericht folgt.

Fotos © lesewelle