Sprachlosigkeit

Patrick Tschan

Keller fehlt ein Wort

Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens auf, geht in die Küche, schenkt euch Kaffee in dieses Gefäss, woraus man trinkt, verflixt, wie heisst das denn gleich? Ja, Tasse wäre das gesuchte Wort, nur will euch das partout nicht mehr einfallen. Genau so ist es unserem Protagonisten, schlicht „Keller“ genannt, eines Tages ergangen. Auch an anderen Tagen ist ihm „Tasse“ nicht mehr eingefallen. Einfach vergessen. Und so kamen schleichend weitere Wörter hinzu.

Keller, 45-jährig, Kommunikationsberater, geschieden, steht mit beiden Beinen auf dem Boden, als ihm dies mit den Wörtern passiert. Er sucht seinen Hausarzt auf, der eine Aphasie vermutet und Keller nach Symptomen fragt, die auf einen Hirnschlag hindeuten könnten. Der Arzt meldet Keller zu weiteren Untersuchungen im Spital an, wo sich die Vermutung des Hausarztes bestätigen. Als Keller wenig später einen zweiten Schlaganfall erleidet, ist seine Sprache ebenfalls weg.

Die Therapie beginnt und seine Bezugspersonen sind einstweilen nur sein Hausarzt und die Logopädin. Von den Freunden zieht er sich zurück.

Ausgerechnet die Sprachlosigkeit bringt ihm die Bekanntschaft einer Frau ein, als er, auf Empfehlung des Hausarztes, Kunstmuseen aufsucht, denn Farben sollen das Hirn stimulieren helfen. Zu seinem Sohn hat Keller, nach der Trennung von seiner Frau, keinen guten Draht mehr. Aber auch hier erweist sich die schwierige Lebenssituation eher als Verbindungsstück denn als Abschreckung. Nach und nach kämpft sich Keller mit Hilfe seiner Therapeutin und seines Arztes und mit seiner neuen Liebe in die Welt der Wörter zurück.

Dieser Debütroman ist für mich sprachlich fantastisch! Nachdem ich zuvor „Das Labyrinth der Wörter“ gelesen habe, ist dies noch das Tüpfelchen auf dem i. Es wird einem durch das Buch wieder einmal bewusst, wie toll es ist, sprechen und schreiben zu können und wie reich an Worten die deutsche Sprache doch ist. Der Autor hat herrliche Sätze formuliert.

„Keller setzte sich an den Küchentisch und stellte sich vor, wie ein gewaltiger Zug müder, abgekämpfter, durstiger Wörter sich durch die Windungen seines Gehirns schleppte“ oder „…., mit einem Hirn, das eine Baustelle ist.“

2 Gedanken zu „Sprachlosigkeit

  1. Pingback: Schweizer Literatur zum Nationalfeiertag | lesewelle

  2. Ein interessanter Buchtipp zu einem wichtigen Thema. Kennst Du den autobiographisch geprägten Roman „Du stirbst nicht“ der Dichterin Kathrin Schmidt? Sie verarbeitet darin ihre Erfahrungen nach einem Hirnschlag. Auch sie litt neben allem anderen an einer Aphasie.

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