Bild am Samstag

Naturkunst

Die Natur ist immer noch der eindrücklichste Bildhauer.

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Bild am Samstag

Der Wald als sportliches Betätigungsfeld
in leichten Joggingschuhen vorbeigeeilt
den Blick stur auf den Weg fixiert
Lieblingssound im Ohr

kein Gruss für den Wanderer
kein Auge für die Schönheiten der Natur
kein Gehör für den fröhlichen Frühlingsgesang
der Vögel

Oh Mensch, wo treibst du hin?

im Wald

heute Morgen im Wald Ohren und Augen erfreut

Dunkle Wälder

Dunkle Wälder

Corinna S. Bille wurde als Stéphanie Bille am 29.08.1912 in Lausanne geboren (gestorben am 24.10.1979 in Sierre) und gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Westschweiz. In erster Ehe war sie mit dem Schauspieler Vital Geymond verheiratet und lebte mit ihm in Paris. Als sie ins Wallis zurückkehrte, lernte sie den Schriftsteller Maurice Chappaz kennen, den sie 1947 heiratete und drei Kinder mit ihm hatte. Ihr erster Roman erschien 1944. Erst 1968 wurde sie international bekannt und gewann 1974 für La Demoiselle sauvage den Prix Goncourt de la Nouvelle. Auf einer Reise in die Sowjetunion im Jahre 1979 erkrankte die Autorin und starb bald darauf im Spital in Sierre.

Clemens ist Antiquitätenhändler. Er hat ein Maiensäss mit viel Wald gekauft und ist mit seiner Frau Blanca unterwegs zu seinem neuen Besitz.

Aber nun sollte sies endlich sehen, ihr Chalet! Tausend Meter Stille vom letzten Nachbarn entfernt. Zuerst war sie nicht sehr begeistert gewesen. Aber Clemens hatte, so wie fürs Kindermachen, Bäumepflanzen und Möbelpolieren, eine Leidenschaft für Landbesitz, Häuser inbegriffen.

Ihr war eigenes Land nicht wichtig. Nein. In der Natur fühlte sie sich immer wohl, ob sie ihr gehörte oder nicht. Bei ihm war es das Gegenteil: Er wollte besitzen.

Das Chalet lässt er in Stand stellen und nun will das Ehepaar das Haus einrichten. Etliche Möbel stammen aus seinem Geschäft und auch Bilder sind dabei, die den Transport nicht alle schadlos überstanden haben.

Beim Transport war ein grosses Glas in tausend Scherben zersprungen, eine „Maria Magdalena“. Nur der Kleine Totenkopf, vor dem die Heilige betete, war heil geblieben, und den hatte Blanca als Erstes gesehen, als sie das Schlafzimmer betrat. Ein Totenkopf, der über die Scherben triumphierte! Sie zählte die heil gebliebenen Bilder: dreizehn.

Seine Frau Blanca, ihre Hündin Syriote und Kater Mora werden hier den Sommer verbringen. Clemens kehrt nur am Wochenende zu seiner Frau zurück. Hin und wieder begleiten ihn auch die Kinder. Blanca ist überwältigt und glücklich wie lange nicht mehr. Sie unternimmt ausgedehnte Streifzüge in der Umgebung und wandert durch die Wälder mit all seinen Schätzen und den mächtigen Tannen, Lärchen und Arven.

AlpWenn sie nicht gerade unterwegs ist, setzt sie sich gerne auf die Terrasse, wo sie ungestört lesen und zeichnen kann. Das Tal breitet sich fast tausend Meter weiter unten aus und die Maiensässe sind weit verstreut, so dass sie kaum von Nachbarn in ihrer Ruhe gestört wird.

„Glänzend war die Sonne hinter der Bergkette versunken, aber seltsame rosa Wolkenfische lösten sich langsam auf und legten ihren Schimmer auf die kleinen Oasen der Maiensässe, auf so manchen Waldvorsprung. Nun begann das lange Erwarten der Sommernächte, das ein einsamer Vogelschrei markiert, ehe noch die Sterne kommen.“

Clemens ist begierig, seiner Frau seine „Domäne“ und deren Grenzverlauf zu zeigen. Bei ihrem Ausflug wird Blanca von der Hündin so unglücklich von hinten geschubst, dass sie zu Fall kommt und den Abhang hinunterrollt. Der Unfall hätte beinahe einen tödlichen Ausgang gefunden.

Die meiste Zeit ist Blanca mit ihren Gedanken und Tieren allein. Hin und wieder kommt Guérin vorbei. Der Mann ist ein Verwandter von Fabienne, einer Bäuerin, die weiter unten das Maiensäss bewohnt.Er kommt nie mit leeren Händen, sondern bringt ihr immer etwas mit, seien das Pilze, die im Wald üppig spriessen oder Heidelbeeren, die er extra für Madame gesucht hat. Als Gegenleistung serviert ihm Blanca eine schmackhafte Mahlzeit. Blanca fühlt sich mit Guérin durch eine Art verbunden, die sie nicht deuten kann. Sie ist vom „Einfältigen“ wie sie ihn in Gedanken nennt, fasziniert, der ihr gleichzeitig Rätsel aufgibt. Manchmal erschreckt sie sich auch, wenn er plötzlich wie ein Geist aus dem Wald tritt und vor ihr steht oder seltsame Schreie ausstösst. Guérins Sprache ist spröde und seine Sätze abgehackt, trotzdem weiss er immer etwas zu berichten.

„Er roch wirklich nach Kuh und Weide, Gerüche, die Blanca schon immer gemocht hatte. Sie hatte schon so lange den Kontakt zu den Menschen in den Bergen verloren, dass sie nun mit Wonne wieder in ihrer Kindheit eintauchte, in dieses Leben nahe der Natur. Aber jetzt hatte sie ein ganz schön merkwürdiges Exemplar vor sich, das da auf der Terrasse am Eisentisch sass und Teller, Messer und Gabel anschaute, die ihm zu Ehren gedeckt waren.“

SchirmlingGuérin hat keinen festen Wohnsitz. Er hilft den Bauern beim Heuen und verschwindet nach einigen Tagen wieder. Er schläft im Heu und wenn es kalt ist, nah bei den Tieren im Stall. Das Leben hat ihm schon in der Kindheit übel mitgespielt, sicher mit ein Grund,dass sein bester Freund die Flasche ist und Blanca steckt ihm hin und wieder eine Flasche Wein zu. Die Menschen in den umliegenden Maiensässen registrieren Guérins Besuche bei Blanca und er ist überzeugt, dass einige gar eifersüchtig seien und tratschten, worüber Blanca sehr erstaunt ist.

Sie sah, wie er seine Flasche zwischen Hemd und Herz steckte und dann auf dem sandigen Weg zwischen den Schafgarbentuffs und den stachligen Disteln verschwand. Er stiess einen schrecklichen Juchzer aus. Sie sah ihn, wie er weit weg über die letzte Wiese und dann auf dem Weg hinunterging, der durch den Wald führte.

Bereits auf der ersten Seite des Buches ist in Auszügen aus der lokalen Tagespresse zu erfahren, dass Blanca im Oktober ihres Alpsommers umgekommen ist und es kommen verschiedene Tatverdächtige in Frage. Der Roman ist jedoch kein Krimi, denn danach widmet er sich der Zeit, die Blanca in ihrem Chalet verbringt. Es sind Beobachtungen der Natur und des Lebens in einer abgeschiedenen Alpenregion, so wie sie auch Corinna S. Bille erlebt haben dürfte. Das Chalet Les Vernys, das auf dem Titelbild des Buches zu sehen ist, hat es tatsächlich gegeben und befindet sich im abgelegenen Réchytal, im Kanton Wallis, wo es auch heute noch weder Elektrizität oder Wasseranschluss gibt. 1964 liess Maurice Chappaz das Haus bauen, so ist auch die Handlung in den 1960er-Jahren angesiedelt.

Menschen sind in dieser Gegend eher selten anzutreffen, so dass man sich selbst genügen muss. Obwohl die Protagonistin geradewegs einen Glücksrausch erlebt, wenn sie in den Wäldern spazieren gehen und dabei Pflanzen und Tiere beobachten kann, sind bei ihr auch Ängste vorhanden. Die dunklen Tannen schrecken sie und wenn Guérin urplötzlich vor ihr steht, ist sie nicht frei von Furcht. Nachts schliesst sie deshalb sorgsam die Fensterläden des Schlafzimmers und selbst in den Träumen erscheint ihr Guèrin. Vipern gibt es in der Gegend und etliche Maiensässe stehen verlassen, weil man sich vor den giftigen Schlangen fürchtet. All diese Beschreibungen der Autorin sind eindrücklich und bleiben haften. Wer schon einmal in einer abgelegenen Alphütte gelebt hat, weiss wie sich Augen und Ohren öffnen und die Zivilisation etwas von einem abrückt. Gerade an solch einem Ort, ist das Buch ein schönes Leseerlebnis und lässt einen die Natur mit ihrer Vielfalt noch mehr geniessen.

Corinna S.Bille: Dunkle Wälder
1. Auflage 15.05.2012
Rotpunktverlag
160 Seiten
ISBN 978-3-85869-471-3

Freitags-Füller

1.  Schon wieder eine Woche vorbei. Die Zeit scheint mit Riesenschritten zu eilen. Oder bilde ich mir das bloss ein?

2. Ich würde mir, sehr genau überlegen, was ich mit dem Geld anstellen würde, wenn ich mal im Lotto gewinne.

3.  Es ist doch egal, ob man in die Berge oder ans Meer in die Ferien fährt, die Hauptsache ist doch, dass einem der Ort gefällt.

4. Der Wald, um den Kopf durchzulüften und abzuschalten, ist ganz in meiner Nähe.

5.  Wo ist bloss die Rücksichtnahme der Leute auf die fragile Natur geblieben?

6. Jedes Wochenende sind viele Autos mit Pferdeanhänger durch die Schweiz unterwegs, dann denke ich immer: „Das arme Pferd“.

7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf Zweisamkeit, morgen habe ich eine lästige Sache erledigen geplant und Sonntag möchte ich mich meiner Lektüre widmen!

Es wird wieder richtig kalt am Wochenende. Also, schön einpacken, wenn es nach draussen geht und trotzdem viel Spass bei euren Aktivitäten!