Buch des Flüsterns

Buch des Flüsterns

„Diese Geschichte, die wir das Buch des Flüsterns nennen, ist nicht meine Geschichte. Sie begann lange vor meiner Kindheit, als man im Flüsterton sprach. Ja sie begann sogar lange bevor sie ein Buch wurde. Und begann auch nicht im Focșani meiner Kindheit, sondern in Siwas, in Diarbekir, in Bitlis, in Adana und in der Region Klikien, in Wan in Trapezunt, in allen Wilajeten des östlichen Anatolien, wo die Menschen meiner Kindheit geboren wurden, die zu den Helden dieses Buches zählen.“

Varujan Vosganian ist nicht nur Autor des vorliegenden Romans „Buch des Flüsterns“ sondern auch Politiker in Rumänien. Von 2007 bis 2008 bekleidete er das Amt des Finanzministers, heute ist er Wirtschaftsminister. Aufgewachsen ist er in Focșani, einer Stadt mit heute ca. 74‘000 Einwohnern und ca. 180 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bukarest gelegen.

Der Roman beginnt in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, zurzeit als der Autor ein Kind ist. Etwa 39‘000 Menschen bevölkern die Stadt. Er hält sich gerne in der Nähe der Alten auf lauscht ihren Geschichten, nicht zuletzt auch den Erzählungen seines Grossvaters Garabet, der eine zentrale Rolle im Buch einnimmt. Er ist nicht nur Hüter vieler Namen und bewahrt für den einen oder anderen wichtige Zeugnisse auf, sondern er ist auch Fotograf. Die wichtigen Momente lassen die Armenier von ihm auf Fotos bannen.

„Ich spielte unter dem Tisch im Hof, wenn die Alten sich Geschichten erzählten oder schöne Lieder traurigen Inhalts summten … Schickt das Kind hier weg, sagte manchmal eine der Tanten. Lass es da, sagte Grossvater. Immer bleibt einer übrig, der erzählt. Vielleicht wird gerade er einmal der Erzähler sein.“

Was sich zuerst wie die Erinnerungen an eine Kindheit liest, entpuppt sich schon bald als die Geschichte eines ganzen Volkes. So nimmt mich Varujan Vosganian mit an ferne Schauplätze in Anatolien, in die Heimat seiner Vorfahren, wo im April 1915 Völkermord an den Armeniern begangen wurde, Unruhen jedoch bereits Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang hatten. Vosganians Aufzeichnungen mäandern von einem Jahrhundert ins andere und wieder zurück, was das Lesen etwas erschwert. Er erzählt die Geschichten von Menschen, die den Genozid überlebt haben und darüber berichten können oder die noch zur rechten Zeit davor in den Westen flüchten konnten. Er nimmt mich mit auf den Todesmarsch von Sahag Seitanians Familie, durch die „sieben Kreise des Todes“, wie die einzelnen Stationen des Marsches von Anatolien bis zum Ziel in der Wüste Syriens genannt werden.

Die meisten Menschen haben diesen Marsch nicht überlebt. Sie wurden von ihren Bewachern in Höhlen getrieben, wo Feuer gelegt wurde und sie qualvoll verbrannten. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, Männer erschossen und anschliessend in die Schlucht geworfen, wo sie im Fluss davontrieben und ihre Körper das Wasser rot färbte. In diesen Momenten wird das „Buch des Flüsterns“ zum „Buch des Grauens“.

„In Meskene, an der Grenzlinie des vierten Kreises, trafen die Konvois wieder auf den Euphrat, das bewegte Grab vieler Tausender Deportierter. An der Flussbiegung jenseits von Meskene wurden die Leichen aus dem Norden angeschwemmt, die von Fluten noch nicht unterspült und von den Fischen gefressen worden waren.“

Bei solchen Kapiteln stockt mir buchstäblich der Atem und ich halte mir die Hand vor den Mund, so entsetzt bin ich, was ich hier zu lesen bekomme.

Hunger und Durst quält die Menschen, lässt sie krank und schwach werden und so kommt es, dass verzweifelte Mütter ihre Kinder für einen Kanten Brot oder einen Schluck Wasser hergeben.

Auch jenen Menschen, denen die Flucht übers Meer nach Rumänien gelingt, sind noch längst nicht gerettet. Denn als der Kommunismus Einzug im Land hält, müssen viele wieder um ihr Leben bangen und verlieren ihre aufgebaute Existenz erneut. So passiert es auch Hartin Fringhian, den alle nur den „Zuckerkönig“ nennen. Er hat sich ein Imperium von Zuckerfabriken geschaffen und legt sein Geld in Aktien, Staatsanleihen und Immobilien an. Da er selbst keine Familie hat, nimmt er die Namen seiner Arbeiter in seinem Testament auf. Doch dann muss er vor der rumänischen Miliz in die Berge flüchten, wo er mehrere Jahre unter Hirten lebt. Am Leib trägt er einzig seinen Smoking, den er bis zur Rückkehr ins Tal nie ablegen wird. Er kehrt zurück zu einer seiner Fabriken, die längst dem Staat gehört und sammelt im Obstgarten Nüsse auf. Die Arbeiter werden ihn nicht an die Miliz verraten und empfehlen ihm, nicht wieder zu kommen. Auch deren Namen setzt Hartin in seinem Testament ein.

Der Alte beginnt ein Geschäft mit Nüssen, in dem er die Nüsse salzt und röstet und sie in den Kneipen oder nach dem Gottesdienst im Innenhof der Kirche an Armenier verkauft. Bis zu seinem Tod geht er diesem Handel nach und jammert keinen Augenblick über sein Schicksal. Er lebt sehr bescheiden fällt niemandem zur Last. Nach seinem Tod findet man genug an Ersparnissen bei ihm, so dass die Gemeinde nicht für sein Begräbnis aufkommen muss.

„Er knackte die Nüsse sehr vorsichtig mit einem kleinen Schusterhammer, den er sich von Anton Merzian ausgeliehen hatte, dann entnahm er ihnen das ganze Innere, die Hälften noch fest miteinander verbunden. Auch heute, da ich das Buch des Flüsterns schreibe, ein halbes Jahrhundert nach jenen armenischen Festen und den Gesprächen nach dem Gottesdienst, die von den Armeniern im Kirchhof stets noch in die Länge gezogen wurden, gibt es nicht wenige Bukarester, die sich noch gut an Hartin Fringhian erinnern. Wie er die Kirche betrat, aus der Manteltasche ein paar Kerzenstummel nahm, die er wahrscheinlich von Arsag dem Glöckner aus Focsani, bekommen hatte, sie anzündete und dann hinausging, um reglos am Ausgang des Kirchhofs zu verharren, allerdings auf der Hofinnenseite, damit er nicht von der Miliz verjagt werden konnte. Dort verkaufte er seine wunderbaren Nusskerne, rund waren sie wie Taubeneier.“

Eine andere Geschichte im „Buch des Flüsterns“ ist Virginica gewidmet, die keinen Mann, der an ihre Tür klopft, auswählt, um zu heiraten, sondern sich in einen Häftling verliebt, der Soldat in der Roten Armee ist. Ihm bringt sie das feinste Essen in die Garnison und erzählt ihm auf ihren bewachten Spaziergängen ihre Träume und Erlebnisse bis ins kleinste Detail. Obwohl sie weiss, dass der Mann Frau und Kinder hat, hält sie diese Tatsache von weiteren Besuchen nicht ab. Als der Soldat einige Jahre nach dem Krieg in einem Militärtransport in die Sowjetunion zurückkehrt, fliegt auch Virginica auf und muss selbst drei Jahre im Gefängnis absitzen. Damit sie ihrem Liebsten all die erlesenen Essenspakete bringen konnte, wurde sie kurzerhand zur Diebin.

Und so reiht sich eine Geschichte an die andere. Viele von ihnen sind erschütternd und verlangen einem sehr viel ab. Auch die armenischen Namen prägen sich nicht so leicht ein. Doch immer wieder gibt es auch poetische Momente, vor allem wenn der Autor über das Essen berichtet und wie es zubereitet wird. Das Rösten und Mahlen des Kaffees ist geradezu sinnlich und der Duft setzt sich in der Nase von ganz alleine fest:

„[…] Vor allem kauften meine Grosseltern keinen gerösteten Kaffee oder – Gott bewahre! -gemahlenen. Wir hatten eine Kupferpfanne, die vom vielen Rösten schwarz geworden war. Im Deckel befand sich ein bestimmter Mechanismus, den man mit einer Kurbel in Bewegung setzte und der dafür sorgte, dass die Bohnen gleichmässig geröstet wurden. Auf kleiner Flamme dauerte dieser Vorgang etwa eine Stunde. Alles was wir Kinder bekamen, waren die gerösteten Bohnen. Wir lutschten daran, als wären es Bonbons, und wenn das Aroma sich verlor, knackten wir sie mit den Zähnen auf und zerkauten sie. […]“

Es gab Momente, wo ich nahe dran war, das Buch zuzuklappen, um es nicht wieder zu öffnen und ich hätte mir gewünscht, wenn es etwas zäh wurde, dass es etwa hundert Seiten weniger gehabt hätte. Schlussendlich habe ich mich aber immer wieder überwunden, Seite um Seite mit diesen Menschen weiterzugehen, den Schmerz, den sie erlitten haben und der sich wie ein Mahnmal in schwarzen Buchstaben in die Seiten einbrennt, als Leserin zu ertragen. Hätte ich nicht weitergelesen, wären mir Menschen entgangen, wie der „Zuckerkönig“ Hartin Fringhian, dessen Geschichte so sehr zu Herzen geht. Ich hätte Grossvater Garabet nicht kennengelernt, dessen Tod mich zu Tränen gerührt hat oder ich hätte Misak Torlakian nicht getroffen, der seine Familie rächen wollte, gekämpft und die Freiheit erhalten hat und trotzdem einsam und verloren in der Welt herumirrte und verzweifelt hoffte, nach Jahren, als ein Flüchtlingsschiff in Constanța einlief, seinen kleinen Bruder wiederzufinden.

Doch, wer die Geschichten dieser und anderer Menschen des armenischen Volkes erfahren möchte und sich nicht scheut, sich auf eine lange Reise, zu begeben, wo sich tragische und erschütternde, schöne und poetische Momente die Hand reichen, muss das „Buch des Flüsterns“ selbst in die Hände nehmen, einmal tief Luft holen und sich dem Erzählstrom von Varujan Vosganian anvertrauen, der ein unglaubliches Stück Geschichte vor uns ausbreitet.

Die Originalausgabe „Cartea soaptelor“ erschien 2009, wurde von Ernest Wichner aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt und war an der Leipziger Buchmesse für den Übersetzerpreis nominiert.

Varujan Vsoganian: „Das Buch des Flüsterns“
Paul Zsolnay Verlag Wien, 2013
511 Seiten
ISBN 978-3-552-05646-6

Hier gibt’s mehr zu Armenien:

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Das Schweigen einer Familie

Der Sommer hat lange auf sich warten lassenMargarethe sitzt im Zug nach Deutschland. Sie ist anfangs neunzig und möchte noch einmal den Ort wiedersehen, an dem sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat. Ihre Tochter Lena, die in London lebt und die sie lange nicht mehr gesehen hat, wird sie in wenigen Stunden treffen. Es gibt einiges mit ihr zu bereinigen.

Auf der Fahrt in ihren Heimatort hat die alte Frau genügend Zeit, um über ihr langes Leben nachzusinnen. In der Nähe von Frankfurt, nach dem 1. Weltkrieg aufgewachsen, wird sie als zwölfjähriges Mädchen zu Verwandten nach Wien geschickt. Dort schliesst sie die Schule ab und lernt während des 2. Weltkrieges ihren ersten Mann Max kennen. Max wiederum verbrachte seine Kindheit in der Steiermark und wird nach den Arbeiteraufständen im Jahre 1934, zusammen mit seinem Bruder und anderen Jugendlichen, in die Sowjetunion geschickt. Sein geliebter Grossvater kommt während der Aufstände ums Leben. Die Jahre in der Sowjetunion, fernab seiner Mutter, hinterlassen tiefe Spuren in der Seele des Jungen. Auch der 2. Weltkrieg prägt sein späteres Leben. Er dient als Wehrmachtsoldat und wird nach Griechenland geschickt, wo er fürchterliche Gräuel-Taten mitansehen muss. Nach einer Kriegsgefangenschaft in England, kehrt er nach Wien zurück, wo Margarethe, die während Max‘ Abwesenheit als Hilfsschwester in einem Krankenhaus arbeitet, kurz vor Ende des Krieges, den absoluten Albtraum erlebt.

„Nichts hatte ich Max davon erzählt, wie die Männer mich festhielten und schlugen, wie einer nach dem anderen sein Geschäft brutal an mir verrichtete bis mein Geschlecht blutete und meine Beine wie gelähmt waren. Ich sehe die Bilder aus der Entfernung von fast siebzig Jahren an mir vorüberziehen und möchte nicht wieder in die Haut von damals schlüpfen und fühlen müssen, wie es wirklich war. Davor habe ich Angst, daran will ich nicht erinnert werden, aber ich weiss, all das liegt in meinem Körper begraben.“

Mit ihren fürchterlichen Kriegserinnerungen, die sie tief in ihrem Inneren aufbewahren und vor dem anderen nicht ausbreiten, wagen Margarethe und Max den Schritt in die Ehe. Lena, ihre Tochter, wird geboren und diese Tochter wird der Sonnenstrahl von Max. Nicht verwunderlich also, dass auch Lena sehr an ihrem Vater hängt und nicht begreift, als sie mit ihrer Mutter in eine andere Wohnung ziehen soll – ohne den Vater. Lena kann den Schritt ihrer Mutter nicht nachvollziehen und wird ihn ihr nicht verzeihen. Doch dass es der Wunsch des Vaters war, das verschweigt ihr die Mutter. Max, durch die Kriegsjahre traumatisiert, wird psychisch immer kränker und wird schliesslich in eine psychiatrische Klinik überführt.

„Mutter war nach meinem Empfinden schuld an seinem Suizid gewesen, und ich habe es ihr unmittelbar nach dem Abschied von Vaters Leichnam im Totenzimmer der Klinik unverblümt gesagt. Darauf hat sie mich angeschrien, ich solle meinen dummen Mund halten und mir eine heftige Ohrfeige versetzt. […] Jagbauer hatte am offenen Grab eine Rede gehalten, die mich traf, weil sie Vaters Eigensinn beschrieb, und er liess ihm auch seine Würde bei seiner letzten Entscheidung. Mit dieser Entscheidung war ich ganz und gar nicht einverstanden, denn Vater hatte sich in meinen Augen aus meinem Leben gestohlen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich Mutters Nähe nicht mehr ertragen.“

Der Tod des Vaters verändert die Beziehung zwischen Lena und ihrer Mutter grundlegend. Als Lena als erwachsene Frau nach London zieht, nimmt auch die räumliche Distanz zwischen Mutter und Tochter noch zu. Lena litt schon als Kind darunter, dass ihre Mutter kaum je körperliche Nähe zuliess.

„Sie bewahrte immer Haltung, was für mich in manchen Situationen unerträglich war, hätte ich ihr doch gerne bereits als kleines Mädchen, wenn sie traurig war, zum Trost einen Kuss auf die Wange gedrückt. Das gelang mir nur selten, weil sie rasch wieder zur Tagesordnung überging, sich wegdrehte und mit gefasster Stimme etwas von sich gab, das ablenken sollte.“

Telefonate und gegenseitige Besuche enden immer wieder in heftigen Streitereien und werden zu einem Desaster. Den Versuch Lenas, durch künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen, lehnt Margarethe entschieden ab. Falsch gewählte Worte der Mutter führen zu tiefsten Kränkungen und lassen Lena sich nur noch mehr zurückziehen. Jede lebt ihr Leben und nun, im Spätsommer ihres Lebens, will Margarethe diese Differenzen ausräumen und sich bei ihrer Tochter entschuldigen.

Melitta Breznik hat einen Epochenroman geschrieben, der aufwühlt und ohnmächtig macht. Manchmal wäre ich am liebsten ins Buch reingehüpft und hätte die beiden Frauen schütteln wollen und ihnen zurufen mögen, dass sie miteinander reden sollten, denn sie haben doch nur sich. Wie können sich Menschen verstehen, wenn sie nicht miteinander über Erlebtes, auch Schreckliches, und über ihre Gefühle reden? Vielleicht wäre die Beziehung zwischen Mutter und Tochter anders und vor allem verständlicher verlaufen. Margarethes Generation, anfangs des letzten Jahrhunderts, musste meist selbst mit den Kriegserlebnissen fertig werden und gerade die Vergewaltigung war kein Thema, worüber sich eine Frau äusserte, denn zu beschämend und erniedrigend war solch ein Erlebnis. Keiner getraute sich Fragen zu stellen, keiner erzählte von sich aus. Es wurde kollektiv geschwiegen. So schwieg man auch in Lenas Familie und jeder litt für sich allein. Die Kriegserlebnisse haben so gravierende Folgen, die das weitere Leben von Margarethe und Max geprägt hat und nicht nur ihres – auch die Nachkriegsgeneration, zu der Lena gehört, hat mit den Folgen fertig zu werden.

„Ein Bild zeigte ihn in Uniform mit kurzen Hosen […] den Blick in die Ferne gerichtet. Vielleicht hatte er gerade an Mutter gedacht, was ich ihr auch sagte, worauf sie still wurde, um nach einer Weile, als wir stumm weitergeblättert hatten, zu sagen, dass er bevor er nach Griechenland verlegt worden war, ein unglaublich unbeschwerter und hübscher Bursch gewesen sei, die Sanftmut in Person, eine Beschreibung von Vater, die mir aus dem Mund von Mutter fremd klang. Mich erstaunte ihre Wortwahl, und ich beobachtete ihr Gesicht, das die Härte um den Mund verloren hatte, und verstand mit einem Mal, wie sehr meine Eltern einander verbunden gewesen waren.“

Die Familiengeschichte wird nicht nur aus der Sicht Margarethes erzählt, sondern auch Lena kommt zu Wort und ich erfahre wie die Beziehung zu ihrer Mutter aus ihrer Perspektive aussieht. Das Leben von Max, von dem weder Ehefrau noch Tochter allzu viel wissen, erfahre ich als Erzählform in dritter Person. Max Erlebnisse sind nicht weniger beklemmend. Die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts widerspiegelt sich in dieser Familie in all seiner Tragik. Ein leises aber starkes Buch, das mich sehr bewegt hat und in dem ich zudem über ein dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte erfahre, das, wie die Autorin in einem Interview selber sagte, während ihrer Schulzeit nicht thematisiert wurde: dem Österreichischen Bürgerkrieg.

Melitta Breznik wurde 1961 in Kapfenberg, Steiermark, geboren. Sie studierte Medizin in Graz und Innsbruck und promovierte in diesem Fach. Als Oberärztin arbeitete sie an diversen psychiatrischen Kliniken und führte von 2004 – 2009 eine Praxis als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Chur.1995 erschien ihre Erzählung „Nachtdienst“, 2010 wurde ihr erster Roman „Nordlicht“ veröffentlicht. Sie erhielt 1996  den Kunstpreis der Stadt Innsbruck, 2001 den Literaturpreis des Landes Steiermark und 2002 wurde sie mit dem Werkbeitrag der Stiftung Pro Helvetia ausgezeichnte. Heute lebt sie in Basel und Zürich.

Melitta Breznik: Der Sommer hat lange auf sich warten lassen
Luchterhand Verlag
Erscheinungsjahr 2013
251 Seiten
ISBN 978-3-630-87398-5

Darina, die Süsse

Darina, die Süsse

Darina, die Süsse, ist nicht etwa ein junges Mädchen, ein Kind oder eine junge Frau – nein, sie ist schon etwas in die Jahre gekommen, ihre Haare werden dünner, ihr Zopf ist grau. Und mit „die Süsse“ meinen die Dorfbewohner eigentlich, Darina, die Dumme, nur sprechen sie dies nie laut aus.

„Sie hatten weder Grips im Kopf noch Gott im Bauch, ihre Nachbarn, wenn sie dachten, sie sei dumm. Denn Darina war nicht dumm, süss war sie. […] Was war schon dabei, dass sie Dahlienknollen in eine Decke gewickelt hatte? Es war gerade Schnee gefallen, und der Frost hatte noch nicht nachgelassen. […] Hätte sie die Knollen etwa nackt durch die Kälte tragen sollen? Wasjuta trug ihren Enkel schliesslich auch nicht bloss in Unterhosen zum Kindergarten, sondern wickelte ihn erst in eine Decke, nahm ih dann auf und schuckelte ihn durchs Dorf. Was war eine Blume anderes als ein Kind?“

Solche und andere Gedanken macht sich Darina laufend über ihre Nachbarn. Tat der eine etwas Ähnliches wie sie, riss keiner das Maul auf und nannte ihn dumm, nur bei Darina. Darina hörte alles, aber sie sprach nicht mit den Menschen. „Worte konnten Schaden anrichten“, wusste sie, jedoch nicht mehr woher. Lieber sprach sie mit den Bäumen, den Blumen oder mit den Tieren. Sie litt fast täglich an fürchterlichen Kopfschmerzen und fand nur Linderung, indem sie bis über die Hüften ins Wasser des nahen Flusses stand und erst wieder herauskam, wenn sich der Eisenring, der sich um sie gelegt hatte, allmählich löste. Nur die Nachbarin Maria verteidigt Darina gegen das Gewäsch der Dorfbewohner und stopft so manches Lästermaul. Dann ist da noch Iwan, den alle nur Zwytschok – Nagler – nennen, da er Eisen und vor allem Nägel sammelt, um daraus Maultrommeln anzufertigen, die er dann auf dem Markt verkauft. Er schafft es, Darinas Zuneigung zu gewinnen und sich den Nachbarn erneut ein Grund bietet, ihre Mäuler zu zerreissen. Es kommt sogar so weit, dass er vor dem Gemeinderat antraben muss, um Red und Antwort zu stehen. Das bringt den armen Iwan dermassen in Rage, dass er für zwei Wochen in den Knast wandert und er versteht die Welt nicht mehr, als in Darina nach seiner Rückkehr wegschickt.

Der zweite Teil des Romans ist der Geschichte von Matronka und Mychajlo gewidmet, den Eltern von Darina. Das Zeitrad wird bis an den Anfang ihrer Liebe zurückgedreht. Sie erzählt den Alltag der Beiden, die sich selber genügen und sich freuen als ihre Tochter geboren wird. Wir schreiben das Jahr 1940, als Matronka plötzlich verschwindet, als sie mit den Schafen zum Flussufer des Tscheremosch geht.

Die Bukowina hat eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich. Der nördliche Teil gehört heute zur Ukraine, der südliche zu Rumänien. Das Tscheremosch-Tal liegt im Norden und der gleichnamige Fluss bildete von 1919 bis 1939 die Grenze zu Polen.

„Immer wieder geriet ihr Land in den Besitz eines anderen Staates wie eine willenlose Frau in die Hände eines geschickteren Mannes, und deswegen waren die Menschen an den Zwillingshügeln immer wieder und viele Jahre lang, aus denen manchmal Jahrhunderte wurden, durch eine Grenze mitten im Fluss getrennt. Den Fluss liessen solche Veränderungen unberührt.“

Maria Matios siedelt den zweiten Teil ihres Romans in dieser Zeit an, wo die Bewohner am Tscheremosch kaum noch nachvollziehen konnten, wer denn eigentlich gerade das Sagen hatte. Gehörten sie einst zur österreichisch-ungarischen Monarchie, waren sie plötzlich dem Königreich Rumänien zugeschlagen, dann gehörten sie kurz zu Polen und 1940 kamen die Sowjets und schliesslich quartierten sich vorübergehend auch die Nazis im Dorf ein.

Diese historischen Ereignisse werden geschickt im Roman eingebunden und mit dem Schicksal der Dorfbevölkerung und Darinas Familie verknüpft. Stück um Stück wird ein Puzzleteil ans andere gelegt, bis die ganze Tragödie in einem Gesamtbild vor einem ausgebreitet liegt. Trotzdem lässt Maria Matios humorvolle Momente einfliessen, bsp.weise, wenn die Dorfbewohner ihren Klatsch loswerden müssen und man kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Das Buch ist zum Teil harte Kost und lässt einem erschauern, doch es war für mich eine echte Entdeckung und ist eines meiner Literatur-Highlights dieses Jahres.

Maria Matios, geboren 1959 in Rostoky, in der Bukowina, lebt und arbeitet in Kiew. Sie zählt zu den bedeutendsten Gegenwartsautorinnen der Ukraine. Ihre Werke wurden in viele slawische Sprachen, aber auch ins Japanische und Chinesische übersetzt. Der Roman „Darina, die Süße“ wurde mit dem wichtigsten ukrainischen Literaturpreis, dem Schewtschenko-Preis, sowie als Buch des Jahres 2007 in der Ukraine ausgezeichnet. Bei den Parlamentswahlen 2012 kandidierte Maria Matios für die Partei UDAR (Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen) von Vitalij Klitschko. Im Rahmen ihrer politischen Tätigkeit macht sie auf fehlende demokratische Strukturen und Rechtsunsicherheit aufmerksam. Wegen ihres Einsatzes für Demokratie und Meinungsfreiheit sieht sich Maria Matios immer wieder staatlicher Willkür ausgesetzt.

Maria Matios: „Darina, die Süsse“
erschienen im Haymon Verlag, 2013
Übersetzung Claudia Dathe
231 Seiten
ISBN 978-3-7099-7006-5

Geschwister des Wassers

Gschwister des WassersNico, Antonio und Julia werden über Nacht zu Waisen, als ein Blitz ins Haus einschlägt und ihre Eltern tödlich trifft. Der Gutsbesitzer der nahen Kaffeeplantage, Geraldo, nimmt Nico zu sich, allerdings tut er dies nicht aus Nächstenliebe, vielmehr sieht er in dem neunjährigen Jungen eine billige Arbeitskraft. Die beiden jüngeren Geschwister werden zu französischen Nonnen ins Waisenhaus gebracht. Eine exzentrische und reiche Araberin ist an Julia interessiert, holt sie bei den Nonnen ab, nachdem sie einige Jahre eine „angemessene“ Erziehung genossen hat. Antonio hingegen will keiner, denn er ist ein Zwerg. Bei den Nonnen hat er es gut und als er etwas älter ist, geistert er heimlich durch die Räume der Klosterfrauen und steckt seine Nase in die Unterwäsche in den Kommoden. Nico wie auch Julia werden zwar ein Dach über dem Kopf haben, aber schamlos ausgenutzt. Ihre engsten Bezugspersonen sind die Haushälterinnen. Bei ihnen finden sie Geborgenheit und Verständnis und werden schon einmal vor ihren „Besitzern“ geschützt, denn was sind sie anderes als deren Sklaven.

„Julia bewohnte ihr Zimmerchen im Nebengelass mit demselben Widerstand, mit dem sie auch das Waisenhaus bewohnt hatte. Des Gesicht lag nie ganz auf dem Kissen auf, zwischen ihr und der Umwelt stets eine kleine Lücke. Sie durfte sich im Haus nur mit Erlaubnis von Leila, ihrer Adoptivmutter, bewegen. Sie ass in der Küche und musste sich abends auf ihr Zimmer zurückziehen.“

Getrennt voneinander werden die Geschwister erwachsen und erst als Nico heiratet, gibt es ein Wiedersehen mit seinem Bruder Antonio. Julias Adoptivmutter hingegen verweigert ihre Erlaubnis, ihre Tochter zur Hochzeitsfeier fahren zu lassen. Heimlich verlässt sie mit dem Geld eines Gönners das Haus und macht sich trotzdem auf die Reise, die auf einem Busbahnhof endet. Während die Reisenden in alle Richtungen aufbrechen, arbeitet Julia eine Zeit lang als Toilettenfrau.

Die Nonnen, die Antonio zur Hochzeit begleitet haben, kehren ohne ihren Schützling ins Waisenhaus zurück. Geraldo ist an Antonio als Arbeitskraft nicht interessiert und hält ihn wegen seiner Statur für einen Dummkopf. Deshalb hilft der klein gebliebene Bruder seiner Schwägerin im Haushalt, während Nico weiterhin seine Arbeit auf der Kaffeeplantage verrichtet. Eines Tages herrscht grosse Aufregung unter den Bewohnern des Tales, als die Botschaft verkündet wird, dass sie ihre Häuser verlassen müssten. Ein Staudamm soll gebaut und die Serra Morena überflutet werden. Die Elektrizität wird die Häuser erhellen, die Wirtschaft ankurbeln und Wohlstand bringen.

„Das Unternehmen würde ihnen die Ländereien abkaufen und den Bau neuer Häuser in der Stadt ermöglichen. Die Zukunft war gekommen.
„Wo kommt das Wasser her?“
„Wie viel Wasser hat in dem Tal Platz?“
„Wird es unsere Häuser überfluten?“
„Mein Haus verlass ich nicht mal als Toter.“
Der Mann hinterliess die Adresse, unter der sie den Preis für ihre Häuser aushandeln konnten, und verabschiedete sich.
„Ich ertrinke zuerst, weil ich kleiner bin“ sagte Antonio.“

Während die halbe Bevölkerung umgesiedelt wird und Nico mit seiner Familie auf die Hügel in ein neues Haus zieht, weigert sich nur einer, sein Land zu verlassen: Eineido gibt sein Haus erst auf, als die Flutwelle kommt.

Andréa del Fuego beschreibt in ihrem Debütroman mit grosser Lakonie über einen Landstrich Brasiliens und seiner Bevölkerung, anfangs des 20. Jahrhunderts. Dabei zeigt sie ungeschönt den harten Alltag der armen Bauern, die von den Grossgrundbesitzern abhängig sind und bis aufs Blut ausgesogen werden. In dem die Autorin die verstorbene Mutter Geraldos als Geist durch die Handlung schweben und lässt, erhält der Roman auch etwas Magisches und Phantastisches und lässt ihn eine ganz eigene Atmosphäre ausstrahlen.

„Zu diesem Zeitpunkt hatte Geraldina bereits ihre Autonomie und ihren Verstand wiedererlangt. Noch immer in der Lampe, hörte sie den Namen des Sohnes und erzitterte bei der Nennung ihrer Brut. Sie war um die Glühspirale gewickelt und breitete sich nun langsam aus, durchdrang das feine Glas der Glühlampe. Sie mischte sich unter die Luft, ohne je von jemandem im Wohnzimmer eingeatmet zu werden. Substanzen unterscheiden sich durch Zahlen, sie war gerade, die Luft ungerade. Die Lungen erkennen das.“

Die Autorin versteht es, mich zum Schmunzeln und Staunen zu bringen, lässt mich aber gleichzeitig auch etwas ratlos zurück, denn einige Szenerien muten für mich märchenhaft an und ich weiss nicht so genau, was ich damit anfangen soll. Trotz dieser Unsicherheit habe ich mich in den Sog der Erzählung ziehen lassen, denn die Sprache hat mir sehr gefallen, die durchaus auch poetische Momente hat. Aus diesem Grund, empfehle ich diese neue Stimme aus Brasilien gerne weiter und wer die diesjährige Frankfurter Buchmesse besuchen wird, kann Andréa del Fuego vielleicht bei ihrer Lesung kennenlernen.

Andréa del Fuego wurde 1975 in São Paulo, Brasilien, geboren und studierte Journalismus. Sie ist als Fimproduzentin tätig und arbeitet für das literarische Fernsehformat Entrelinhas. Sie hat ausserdem mehrere Kinderbücher veröffentlicht. Für ihren Debütroman „Geschwister des Wassers“ erhielt sie 2011 den José Saramago Preis und war Finalist des Prêmio São Paulo de Literatura 2011 sowie des Prêmio Jabuti 2011. Andréa del Fuego lebt in São Paulo.

Andréa del Fuego: Geschwister des Wassers
erschienen im Hanser Verlag, 2013
Übersetzung Marianne Gareis
208 Seiten
ISBN 978-3-446-24331-6

Meine Mutter ist ein Fluss

Meine Mutter ist ein Fluss

Die Ich-Erzählerin, im Debütroman von Donatella Di Pietrantonio, erzählt während den Besuchen bei ihrer Mutter deren Lebensgeschichte. Die Mutter leidet an Demenz und langsam frisst die Krankheit ihre Erinnerungen und ihre Selbständigkeit auf. Ihre Tochter wird zu ihrem Gedächtnis und mit ihren eigenen Geschichten und denen die ihr einst ihre Mutter erzählt hat, versucht sie eine Brücke zu ihrer Mutter zu schlagen und zu ihr vorzudringen.

Esperina Viola, wurde im Jahr 1942 geboren. Mit vier Schwestern wächst sie in einem kleinen Dorf in den Bergen der Abruzzen auf. Die Bauernfamilie bewirtschaftet ihren Hof und das Land. Ihr Leben ist entbehrungsreich, die Arbeit ist hart.

Mit achtzehn Jahren heiratet Esperina Cesare und und wohnt erst bei den Eltern und dann bei den Schwiegereltern, bevor sie sich einen eigenen Hof leisten können, der noch während Jahren verschuldet ist. Die Schwestern leben mit ihren Familien nur einen Steinwurf entfernt. Die Verwandtschaft die so nah ist, wird manchmal zur Enge, denn nicht nur freudige Momente sind ihre Begleiter, sondern auch Streitigkeiten.

Karger Boden ist zu bewirtschaften, der wenig hergibt, so dass die Männer irgendwann gezwungen sind, Arbeit in der Fremde zu suchen. Sie ziehen als Saisonniers in den Norden und kehren erst nach Monaten im Ausland zur Familie zurück.

„Unsere Emigranten waren Saisonarbeiter: Sie kamen vor Weihnachten zurück und brachen im Februar wieder auf, nach Deutschland oder in die Schweiz. In den letzten Januartagen verschlechterte sich die Stimmung im Haus merklich, weil alle auf den neuen Vertrag warteten, ein gelbes Blatt mit deutschem Text, von dem wir nur das Datum verstanden, an dem er sich in der Farik einfinden musste. Grossvater Rocco war nicht sehr begeistert von diesen europäischen Ländern, er hätte Amerika gewählt und hat stets beklagt, dass es in der Familie nicht wenigstens einen „Merikaner“ gab.“

In dieser archaischen Welt bleibt kein Platz für Gefühle und Zärtlichkeit, so auch nicht zwischen Esperina und ihrer Tochter. Das macht der Tochter auch heute noch zu schaffen, aber für Vorwürfe ist es zu spät und ein offenes Gespräch zwischen Mutter und Tochter wird es nicht mehr geben.

„Ich kam nicht als erste in ihren Gedanken, und das konnte ich nicht ertragen. Als Erwachsene habe ich es ihrer Geschichte zugeschrieben, aber ich habe nicht genug daran geglaubt. Für mich hätte sie ungehorsam sein müssen, mich lieben gegen alle. Partisanin sein. Stattdessen waren da das Heu, der reife Weizen, das hungrige Vieh.“

Donatella Di Pietrantonio hat ein sehr poetisches und sensibles Buch geschrieben, ohne sentimental oder kitschig zu werden. Sie beschreibt auf eindringliche Weise das harte Leben von Bauernfamilien in den Abruzzen, einer Region, die von Armut geprägt war und wo ein Überleben ohne den Zusammenhalt der Familie und der Verwandten kaum möglich gewesen wäre. Der Autorin ist ein leises Buch, aber ein grossartiger Roman gelungen, den ich nur empfehlen kann.

Donatella Di Pietrantonio wurde in Arsita, einem kleinen Dorf in den Abruzzen geboren und lebt heute in der Nähe von Pescara. Ihr Debütroman gewann kurz hintereinander mehrere renommierte italienische Literaturpreise.

Donatella Di Pietrantonio: „Meine Mutter ist ein Fluss“
erschienen im Kunstmann Verlag, 2013
Übersetzung Maja Pflug
171 Seiten
ISBN 978-3-88897-817-3

Zwischen Orient und Okzident gefangen

Abschied von Sansibar

Rudolph Said-Ruete, ein alter Mann von fast achtzig Jahren sitzt am Fenster seines Zimmers im Hotel Schweizerhof, in Luzern. Sein Blick schweift über den See und die Berge. In Gedanken führt ihn seine Reise zurück in die Vergangenheit, zurück zu seiner Familie und vor allem zu seiner Mutter, die so viele Fragen hinterlassen hat.

„Lag er im Orient, lag er im Okzident? Stets hatte er sich Zwischendrin wiedergefunden, im Graubereich des Weder-Noch. Kein Deutscher mehr und doch vom Deutschtum geprägt. Kein wirklicher Brite, obwohl der Pass ihn zu einem machte. Kein Araber, bei weitem nicht, und doch die Sehnsucht, als solcher zu gelten.“

Ein langer Brief seiner Schwester Rosalie, während der Kriegsjahre des Zweiten Weltkrieges an ihn geschrieben, Aufzeichnungen seiner älteren Schwester Antonie, die noch in den letzten Kriegsjahren bei einem Bombenangriff ums Leben kam und die Memoiren und Briefe seiner Mutter, helfen ihm, Puzzleteil um Puzzleteil aneinanderzufügen.

Seine Mutter war eine Prinzessin. Prinzessin Salme, Tochter von Sayyid Said, dem Sultan von Oman und Sansibar, die im Jahre 1844 auf der Insel geboren wird. Ihr Vater stirbt früh, so dass ihr Halbbruder Majid als Sultan eingesetzt wird. Schon als junges Mädchen verwaltet sie Plantagen, die sie geerbt hat. Von ihren Gemächern des Harems hat sie einen Blick auf das Haus eines deutschen Kaufmanns, Heinrich Ruete, der für eine Hamburger Firma auf der Insel als Handelsagent tätig ist. Neugierig ist die junge Frau auf den Fremden. Heinrich und Salme lernen sich kennen und der Kaufmann verliebt sich in die Prinzessin. Nur heimlich finden ihre Treffen statt. Eine Liebschaft zwischen einer Muslimin und einem Christen ist unmöglich und als Salme schwanger wird, bleibt ihr nur die Flucht von der Insel, um dem sicheren Tod durch Steinigung zu entgehen.

Die Reise führt sie mit ihrem Mann, den sie, nach monatelangem und bangem Warten in Aden, heiratet, in den Norden Deutschlands. Aus der muslimischen Prinzessin Salme wird die Christin Emily Ruete. Schon während der Reise nach Hamburg stirbt ihr erstes Kind. Bald darauf wird sie erneut schwanger und schenkt einer Tochter das Leben. Sie wohnt in einer Villa, die einem Palast am nächsten kommt, nahe am Wasser, das sie so liebt. Das gesellschaftliche Leben Emilys ist so ganz anders als in ihrer Heimat und die Kälte macht ihr zu schaffen. Obwohl Heinrich sie auf ein Leben in einer ganz anderen Welt vorbereitet hat, ist Emily vieles Unverständlich und fremd.

„Wie klein sind jedoch die Zimmer, und wie widersinnig mutet es sie an, dass die Türen dauernd geschlossen bleiben müssen. Diese komplizierten, viel zu grossen Möbel mit Schubladen aller Art, die Sessel, in denen man sitzt wie in Schraubstöcken. […] Nichts da von Luft und Licht, von Vorhängen, die sich im leichten Wind bauschen, vom Ein und Aus fröhlicher Besucherinnen.“

Für Heinrichs Liebe ist sie jedoch bereit, sich dem Fremden zu stellen. Doch das Familienglück ist nicht von langer Dauer. Ihr drittes Kind Rosalie ist gerade vier Monate alt, als Emilys Mann bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt. Der Tod des Familienoberhauptes legt sich wie ein Schatten über Emilys Leben und das ihrer Kinder.

„[…] Ja, ich sehe die Mutter vor mir, sie reisst einen Mantel vom Haken, wirft ihn auf den Boden, hängt ihn wieder hin, sie nimmt einen Hut, schleudert ihn weg, schreit laut auf. Wie sie diese Nacht überlebt, weiss ich nicht. Gott hat kein Wunder gewirkt, mit ihm hadert sie noch lange. Sie ist jetzt allein, heimatlos in einem Land, das ihr feindselig vorkommt, kalt selbst im Sommer. Der Mann, der ihr Geliebter war, ihr Dolmetscher, ihr Beschützer, der Brennpunkt ihres Lebens, hat sie verlassen. Das Heimweh überfällt sie in dieser Nacht mit ganzer Wucht. […]“

Die gesicherte Welt der Familie Ruete bricht zusammen. Das Vermögen schrumpft schnell dahin und bald ist Emily gezwungen, die Villa gegen eine einfache Wohnung zu tauschen. Ohne Hausangestellte verrichtet sie nun die Hausarbeit selbst. Mit Arabischunterricht versucht sie ein wenig Geld zu verdienen und adlige Freunde unterstützen sie gönnerhaft.

Emilys Bemühungen, Kontakt mit ihrem Bruder in Sansibar aufzunehmen, bleiben erfolglos. Europa befindet sich in einer schwierigen Zeit. Machtkämpfe um afrikanische Kolonien entbrennen, bei denen auch Deutschland und Grossbritannien mittun. Es geht um wichtige Handelsanteile in Ostafrika und auch das Sultanat Sansibar ist für die Europäer von grossem Interesse. Zweimal reist die Prinzessin nach Sansibar, um bei ihrem Bruder vorzusprechen und ihr Erbe einzufordern. Weder Deutschland noch Grossbritannien, sind bereit, Emily weiterhin zu unterstützen, trotz einiger Versprechen, die sie ihr zuvor gegeben haben. Sie wird fallengelassen. Die Handelsbeziehungen zum Sultanat sind zu kostbar und kein Staat will den Sultan gegen sich aufbringen. Die Prinzessin muss feststellen, dass sie als politische Schachfigur missbraucht wurde und kehrt Deutschland tief enttäuscht den Rücken. Sie reist mit ihren Töchtern in den Libanon, wo sie sich in Beirut niederlässt, während Rudolph die Kadettenschule besucht.

Emily ist überzeugt, dass es ihr Sohn am ehesten als Offizier zu Ansehen in der deutschen Gesellschaft bringen könnte. Der Junge ist todunglücklich, von seiner Familie getrennt zu sein, fügt sich aber in sein Schicksal. Seine militärische Karriere währt nach der Ausbildung wenige Jahre, denn er lehnt Waffen und Gewalt entschieden ab. Während einem Jahr arbeitet er als Militärattaché in Beirut und lebt so bei seiner Familie. Nach seinem Austritt aus der Armee, wird er in Ägypten Eisenbahninspektor und er heiratet eine Jüdin, die aus gutem Hause stammt. Er führt eine deutsche Bank in Ägypten und setzt sich in späteren Jahren für ein friedliches Zusammenleben zwischen Palästinensern und Juden im Nahen Osten ein.

Antonie, die älteste Tochter, heiratet einen Mann, der als Gouverneur auf die Marshall-Inseln versetzt wird. Ihre Ehe mit dem viel älteren Eugen Brandeis ist unglücklich und fernab von Europa, ist es ihr nur selten vergönnt, ihre Familie zu besuchen.

[…] er sprach zu seiner Frau hauptsächlich in spöttischem oder befehlendem Ton. Nein, verliebt war auch er nie wirklich in sie, er betrachtete sie letztlich, wie alle Männer seines Schlages, als Beute, die nach der Eroberung sogleich an Wert verlor.

Nur Rosalie, die jüngste Tochter, ist der Mutter am nächsten. Sie ist es auch, die ihr hilft, das Manuskript ihrer Memoiren, das Emily verfasst hat, zu korrigieren und schliesslich zu veröffentlichen. Als Rosalie einen Offizier heiratet und der Erste Weltkrieg ausbricht, holt Rosalie ihre Mutter zu sich. Ihr Mann willigt nur widerstrebend ein, dass seine Schwiegermutter unter seinem Dach leben soll. Lange dauert es, bis die beiden sich näherkommen.

Emilys Liebe zu Heinrich Ruete hat ihr und ihrer Familie kein Glück gebracht. Das
Schicksal der Kinder ist eng mit dem ihrer Mutter verwoben. Die politische Situation in Europa gestaltet sich über Jahrzehnte äusserst schwierig – die Lebenswege der Geschwister driften, nicht zuletzt wegen der politischen Gesinnung der Ehemänner von Antonie und Rosalie, auseinander. Rudolph halb Christ, halb Araber und mit einer Jüdin verheiratet, steht mit einem Bein im Okzident und mit dem anderen im Orient. Der Antisemitismus der auf dem Vormarsch ist, zwingt ihn, Deutschland zu verlassen. Mal lebt er mit seiner Familie in London, mal in der Schweiz.

Innerhalb der Familie Ruete haben sich unüberwindbare Mauern aufgetürmt und dadurch ist der Kontakt untereinander lange Zeit gestört und teilweise unterbrochen. Ein versöhnliches Auskommen scheint schier unmöglich und vieles bleibt auch nach dem Tod der Mutter ungesagt. Sie war so sehr mit ihrem eigenen Unglück beschäftigt und zog sich völlig in sich zurück. Ihren drei Kindern hinterliess sie viele offene Fragen, vor allem Rudolph, der schon als Kind die Familie verlassen musste:

„Du musstest die Maske aus goldbesticktem Atlas tragen, nachdem du fünfzehn geworden warst. Diese Maske habe ich nie gesehen, und doch hast du sie stets angelegt, wenn ich erfahren wollte, wie es in dir aussah. Wer warst du, Mutter? Wer warst du im Innersten? Ich habe es erst erfahren, als ich die nachgelassenen Briefe las. Es war zu spät, einander zu erkennen.“

Als Lukas Hartmann im letzten Spätherbst für eine Lesung seines Buches „Räuberleben“ in unserer Stadt weilte, erzählte er uns Zuhörern, dass er für Recherchearbeite in Hamburg war. Bei seinem nächsten Roman, den er schreibe, handle es sich um eine Familiengeschichte, die in Europa und teilweise in Sansibar spiele. Mit Spannung habe ich auf diesen Roman gewartet und durfte ihn nun lesen.

Der Autor hat mich mit seiner interessanten, aber auch tragischen Familiengeschichte, die in Rückblenden erzählt wird, einmal mehr nicht enttäuscht.

Es war schon sehr aussergewöhnlich, dass ein Bürgerlicher im 19. Jahrhundert eine Araberin heiratete, zudem noch eine Prinzessin. Obwohl sich Emily bemühte, sich in das gesellschaftliche Leben in Europa einzufügen, blieb sie die Exotin. Der unverhoffte Tod ihres Mannes erschwerte ihre Situation noch zusätzlich und trieb diese ungewöhnliche Familie in einen Sturm, hinaus ins offene Meer.

Sansibar – die geheimnisvolle Insel, vor der Küste Tansanias. Die Insel, die mich immer fasziniert hat. Vor mir sah ich die schattigen, alten Gassen der Hauptstadt, die traditionellen Dhaus, die sachte im Wind vor der Küste schaukeln und nur darauf warten in den Indischen Ozean zu stechen. Das war die Welt von Prinzessin Salme Mitte des 19. Jahrhunderts. Ich habe wie sie von diesem orientalischen Ort geträumt, nur war dieser Ort ihre Heimat, die mit dem Entscheid, ihrer Liebe nach Europa zu folgen, unwiederbringlich für immer verloren war. Ein Entscheid, den später auch ihre Kinder ihr ganzes Leben lang mitzutragen hatten. Sie mussten einen Weg zwischen zwei Welten und verschiedenen Kulturen und Religionen finden, wie es heute erst recht für viele Kinder von binationalen Eltern zutrifft und mit einer inneren Zerrissenheit zu kämpfen haben, weil sie nirgends je ganz zu Hause sein können.

Emily Ruete war für ihre Zeit eine sehr mutige Frau, die für sich und ihre Kinder kämpfte. Die abweisende Haltung ihres Bruders machte ihr gleichzeitig schwer zu schaffen, so dass sich ein Schleier der Trauer über sie legte. Lukas Hartmann ist ein grossartiger Roman gelungen, der mich mit der tragischen Geschichte dieser Prinzessin aus Sansibar tief berührt hat. Eine absolute Leseempfehlung!

Lukas Hartmann: Abschied von Sansibar
erschienen im Diogenes Verlag Zürich, 2013
336 Seiten
ISBN 978-3-257-86231-7

Weiterführende Links:

Sayyida Salme Foundation

Die vergessene Pionierin

Emily Ruete (Wikipedia)

FLUT

Flut

„Als mein Onkel starb, war ich siebzehn und kannte ihn nur von alten Fotos. Aus irgendeinem Grund meinten meine Eltern, die Initiative für einen Besuch müsse von ihm ausgehen, und weigerten sich, mit mir an die Küste von Santa Catarina zu fahren. Ich wollte wissen, was für ein Mensch er war, und ein paar Mal kam ich sogar in die Nähe von Garopaba, aber letzten Endes schob ich es dann doch immer auf.”

Mit diesen Worten beginnt der Prolog in Daniel Galeras Roman „FLUT“. Es ist der erste seiner Romane, die vom brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner ins Deutsche übersetzt wurde und rechtzeitig vor der Frankfurter Buchmesse, an dem Brasilien Gastland sein wird, auf den Markt gekommen ist.

Der namenlose Protagonist dieses Romans wird zu einem Besuch zu seinem Vater gebeten. Bei seiner Ankunft fällt ihm als Erstes die Waffe auf, die gut sichtbar mitten auf dem Tisch liegt. Der Vater gibt jedoch vorerst keine Antwort auf die Frage, was es mit dem Revolver auf sich hat sondern erzählt seinem Sohn von dessen Grossvater, den er nie kennengelernt hat. Er erfährt, wie sein Vater aufgewachsen ist und dass der Grossvater seinen Hof eines Tages aufgab und nach Argentinin zog, wo er einige Zeit gelebt hat. Als er zurückkehrte, liess er sich in einem Fischerdorf namens Garopaba nieder und wurde von seinen Bewohnern „Gaucho“ genannt. Abgeschieden lebte der Mann mit einer jungen Frau an seiner Seite und war bekannt als guter Taucher, aber als schwieriger Mitmensch, der schnell zu seinem Messer griff, wenn ihm etwas nicht passte. Bei einem Dorffest kam es schliesslich zu einem Tumult, in dem der Grossvater von den Festbesuchern umgebracht wurde. Allerdings ist die ganze Sache äusserst mysteriös, denn das Grab war alles andere als neu ausgehoben, als es der Sohn damals besuchte. War der „Gaucho“ wirklich tot? Eine Frage, die nie beantwortet wurde, schon gar nicht von Garopabas Bewohnern.

Nach dieser Geschichte kommt der Vater auf den Revolver zu sprechen. Er will damit seinem Leben ein Ende setzen. Vor seinem Selbstmord, möchte er seinem Sohn das Versprechen abnehmen, dass dieser seine alte Hündin Beta, die seit fünfzehn Jahren an seiner Seite lebt, beim Tierarzt einschläfern lässt. Sein Sohn ist entsetzt und versucht den Vater von seinem Vorhaben abzubringen.

„Beim letzten Check-up hat sich der Arzt die Tests angesehen und mich dann mit todernster Miene angeguckt, als wäre er von der Menschheit insgesamt enttäuscht. Ich hatte das Gefühl, dass er meinen Fall abgeben will, wie ein Anwalt. Und er hat Recht. Ich werde langsam krank, und ich habe keine Lust dazu. Das Bier schmeckt mir nicht mehr, die Zigarren bekommen mir nicht, aber ich kann trotzdem nicht aufhören, ich habe keine Lust, Viagra zu nehmen, um zu vögeln, ich vermisse es nicht mal. Das Leben ist zu lang, und ich habe keine Geduld. Wenn man so gelebt hat wie ich, ist das Leben ab sechzig nur noch eine Frage der Sturheit. Ich habe Respekt vor den Leuten, die sich das antun, aber ich habe keine Lust dazu. […]“

Der Sohn befindet sich auf dem Weg von Porto Alegre nach Garopaba. Er hat nur einen Rucksack dabei und eine Begleiterin an seiner Seite – Beta, die Hündin seines Vaters. Er hat sein Versprechen nicht eingehalten und den australischen Schäferhund zu sich genommen. Der Sportlehrer und ehemalige Triathlet mietet sich in einem Ferienhaus, direkt am Meer, ein und findet eine Anstellung als Schwimmlehrer in einem Fitnesscenter. Er lernt neue Menschen kennen und findet einige Freunde, trainiert die verschiedensten Leute im Schwimmen, bildet eine Laufgruppe und schwimmt selbst tagtäglich weit hinaus ins Meer.

„Es ist nicht das erste Mal, dass der Lärm der Wellen ihn im Schlaf begleitet, aber diesmal ist es kein fernes Rauschen, kein Hintergrundgeräusch. Das Meer atmet direkt in sein Ohr. Er hört jede einzelne Welle gegen die Steine schlagen, das Schnaufen der Gischt, das Plätschern. […] Die Fischer brüllen sich unverständliche Dinge zu, so laut und aufgeregt, dass es wie besessen klingt, bis ihre Stimmen zusammen mit dem Lärm der Motoren im Rauschen des Meeres untergehen.“

Garopaba ist längst eine Feriendestination geworden und zieht jährlich scharenweise Touristen und seltsame Individuen an. Gewalt und Drogen gehören im einstigen Fischerdorf zum Alltag, umso erstaunter ist der Schwimmlehrer, dass sich keiner für diese Probleme zu interessieren scheint. So lebt er denn genauso zurückgezogen, wie einst sein Grossvater. Bei seinen Gesprächen mit den Fischern, die täglich an seinem Haus vorbeigehen, kommt er auch auf den „Gaucho“ zu sprechen. Deshalb schlägt ihm schon bald Feindseligkeit entgegen und er stösst mit seinen Fragen auf eine Mauer des Schweigens. Er wird gemieden, die Augen werden niedergeschlagen, die Leute drehen sich weg. Es wird ihm geraten, keine weiteren Fragen zu stellen. „Weil man über so etwas nicht spricht. Es spielt keine Rolle, ob es stimmt oder nicht. Wenn die Leute etwas irgendwann nicht mehr wissen, dann weil sie es nicht wissen wollen.“

Bei seinen Schülern ist der Schwimmlehrer hingegen sehr beliebt, obwohl er ein neurologisches Handicap hat, das sein Leben beeinträchtigt – er leidet an Gesichtsblindheit. Er muss sich die Menschen auf andere Weise einprägen, am Schwimmstil, an den Haaren, an Kleidungsstücken oder an ihrer Stimme. Trotz seines Handicaps lernt er eine Frau kennen und verliebt sich in sie. Nach einer grossen Enttäuschung ist er bereit für eine neue Beziehung. Er kann sich vorstellen, mit Jasmina sein Leben zu verbringen.

„Er dachte, er würde sich nie wieder verlieben, und hatte sich damit arrangiert. Er glaubte, ein Mal reiche für ein ganzes Leben, aber jetzt ist es wieder da, dieses Gefühl, das einer leichten Depression nahekommt und ihm alles, was nicht mit der Frau in seinen Armen zu tun hat, bedeutungslos erscheinen lässt.

Die Nachforschungen nach seinem Grossvater  erweisen sich als schwierig. Sein bester Freund, ein Journalist, hat für ihn einige Recherchen angestellt, so dass er sich auf eine lange Reise zu jenem Kommissar aufmachen kann, der in den 1960er-Jahren mit dem Mordfall seines Grossvaters betraut war. Ob dieser ihm weiterhelfen kann?

Es werden sich dem jungen Mann noch viele Schwierigkeiten in den Weg stellen und seiner Hündin beinahe das Leben kosten. Die Suche nach seinem Vorfahr wird zu einer Obsession, die ihn immer mehr von seinen Mitmenschen ausgrenzt und isoliert und die Ähnlichkeit mit seinem Grossvater wird immer frappanter. Er bricht für tagelange Wanderungen in die Hügel der Umgebung auf, wo er nicht nur Antworten für sich selbst sucht, sondern auch zu einem Mann, der wohl ein Mythos ist. Sein Zeitgefühl geht dadurch allmählich verloren und es scheint, als wäre er auf dem besten Weg, verrückt zu werden.

Daniel Galera hat einen grossartigen Roman geschrieben, den ich verschlungen und dessen Sprache förmlich in mich aufgesogen habe. Lange ist es her, dass ich eine so aussergewöhnliche Geschichte gelesen habe. Der Autor entpuppt sich als ein äusserst genauer Beobachter, der Situationen, Orte und Menschen mit unglaublicher Akribie beschreibt. Es scheint, als würde er zu den Augen seines handicapierten Protagonisten. Obwohl sich die Beschreibungen des Tagesablaufs manchmal wiederholen und mir fast zu viel wurden, versteht es Galera, die Spannung voranzutreiben. Die Neugier und die Frage, ob sich das Geheimnis um den Grossvater lüften lässt, bleiben erhalten. Und der Prolog, der einem am Anfang unerschlossen bleibt, wird verständlich, wenn man ihn am Ende nochmals liest. Daniel Galera ist eine absolut vielversprechende Entdeckung aus Südamerika und weitere Werke darf man auf alle Fälle gespannt sein.

Daniel Galera wurde 1979 in Porto Alegre geboren. Er hat Erzählungen, eine Graphic Novel und drei Romane geschrieben. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet, verfilmt und fürs Theater adaptiert worden. Der Autor hat u.a. Zadie Smith, Jonathan Safran Foer, David Foster Wallace und Hunter S. Thompson ins brasilianische Portugiesisch übersetzt. FLUT ist sein erstes Buch in deutscher Sprache.

Daniel Galera: „FLUT“
erschienen im Suhrkamp Verlag Berlin 2013
425 Seiten
ISBN 978-3-518-42409-4