Niedergang

Niedergang

Roman Graf, geboren 1978 in Winterthur, Schweiz, arbeitete nach seiner Ausbildung als Forstwart in verschiedenen Berufen und studierte am Leipziger Literaturinstitut. Für seinen ersten Roman „Herr Blanc“ erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Mara-Cassens-Preis 2009 und den Förderpreis des Berner Literaturpreises 2010. Der Autor lebt heute in Berlin.

Sein Roman „Niedergang“ war nominiert für den Schweizer Buchpreis 2013.

„Am höchsten hinauf, am weitesten kommt, wer mit der Natur verschmilzt, dachte André; das schlechte Wetter muss man sich zum Verbündeten machen.

Regenschwerer Neben hatte über Nacht das Tal gefüllt, klebte im Talgrund, hakte sich an Häuserecken, Dachvorsprüngen, Dachrinnen fest, erstickte das Bergdorf. Der Kirchturm und die Giebel der höheren Häuser waren im Nebel verschwunden, wie abgetrennt, nicht mehr Teil dieser Welt. Strasse und Trottoir, aber auch der Felsen neben der Bäckerei lagen vom Nieselregen verfärbt.“

André ist Schweizer und lebt seit einigen Jahren in Berlin. Er hat den Wunsch, seiner deutschen Freundin Louise seine Heimat zu zeigen und mit ihr eine mehrtägige Wanderung in den Bergen zu machen. Minutiös hat er die Bergtour, die sie gemeinsam unternehmen wollen, vorbereitet, nichts dem Zufall überlassen. Die Wanderroute hat er genau studiert, die Zeit berechnet, damit sie ganz sicher rechtzeitig in der Berghütte ankommen, wo sie zu übernachten gedenken. Während den weiteren Tagen werden sie auch im Zelt biwakieren. Die Kondition haben sie bei ausgedehnten Wanderungen auf der Mecklenburgischen Seenplatte antrainiert. Da auch eine kurze Kletterpartie eingeplant ist, haben sie in der Kletterhalle ein Klettertraining absolviert und nach und nach den Schwierigkeitsgrad erhöht.

Nun ist das Paar im Hotel angelangt, André bereit für die Bergtour. Louise hingegen, ist schlecht gelaunt, denn das Wetter ist für alles andere geeignet, denn für eine mehrtägige Tour in den Alpen. Doch André besteht auf Aufbruch, Nieselregen und Nebel hin oder her. Sein ganzes Programm gerät sonst aus den Fugen und das wäre schade. Während André voll in seinem Element ist, trottet seine Freundin mit dem schweren Rucksack missmutig hinterher. André weiss, worauf es in der Natur und beim Wandern ankommt, denn er erinnert sich nur zu gut an die Zeit, als er Pfadfinder war, deshalb spart er auch nicht mit gutgemeinten Ratschlägen an seine Freundin.

„Die zähen Abenteuer als Jugendlicher, die er alle bestanden hatte, führten zu einem Selbstbild, zu einer Einstellung, die er noch heute besass: Kein Wanderweg der Welt konnte ihn, André besiegen! Wenn es sein musste, wurde er eine Maschine; nicht wegen seiner Kraft, die mittelmässig war, vielmehr wegen seines Willens.“

Erst am Tagesziel, einer Berghütte, taut Louise, dank dem Gespräch mit dem deutschen Hüttenwart, etwas auf. Jetzt ist es André, der den „Saisonnier“ am liebsten nach Hause schicken würde. Den wird er ganz bestimmt nicht fragen, wie sich das Wetter entwickeln wird.

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Die Welt sieht am folgenden Morgen ganz anders aus, als endlich die Sonne scheint. Für eine Weile scheint auch für André und Louise alles in Ordnung zu sein. Doch unterschwellig gärt es, jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt, wohl auch mit Zweifeln, was die Bergtour, die Beziehung betrifft. Das Ziel ist nah, die Besteigung des Gipfels steht bevor, als Louise sich entscheidet, die Übung abzubrechen. André kann es kaum fassen, ist aber keineswegs bereit, seine Freundin beim Abstieg zu begleiten – nicht so kurz vor dem Ziel. Er entscheidet sich, den Aufstieg ohne Louise durchzuziehen. Allein und auf sich gestellt, hat er viel Zeit, nachzudenken, sich einsam zu fühlen, wütend auf seine Freundin zu sein, die ihn kläglich im Stich gelassen hat, sie trotzdem zu vermissen, in Selbstmitleid zu zerfliessen.

„Bei Louise wusste er nie, woran er war. Gerne hielt sie Dinge im Geheimen, brütete Vorhaben aus und rückte erst spät damit heraus. So hatte sie ihm nicht zu Beginn ihrer Beziehung erzählt, dass Louise nicht ihr richtiger Name war, sondern erst viel Monate später. […] Er hatte damals gleich gedacht, dass ihr Verhalten von geringem Selbstvertrauen zeuge oder sogar krankhaft sei. Heute noch konnte er nicht verstehen, dass sie ihm ihren richtigen Namen nicht früher gesagt hatte. Noch heute ärgerte er sich darüber.“

„Niedergang“ habe ich zu einem Zeitpunkt gelesen, als wir selber Bergwanderungen unternahmen. Es war einfach, sich in Roman Grafs Figuren hineinzudenken, was das Wandern betrifft. Die Stimmung kann leicht kippen, wenn das Wetter schlecht gelaunt ist. Und welche Euphorie, wenn man am Ziel ist und ein herrliches Bergpanorama in gleissendem Sonnenschein vor sich hat. Vergessen sind alle Strapazen und die Müdigkeit. Doch wenn die Beziehung einen Knick abbekommen hat, können tagelange Wanderungen im Gebirge zum Alptraum werden. Das Schweigen des anderen erschlägt einem wie herabstürzende Felsen. Während den stundenlangen Märschen bekommen die Gedanken Beine und wandern ebenfalls. Der Autor hat die geladene Atmosphäre, die zwischen dem Paar herrscht, sehr präzise beschrieben. André geht einem auf die Nerven mit seinen Pfadfinderweisheiten. Er weicht auch keinen Zentimeter von seinem Plan ab. Was sein muss, muss sein. In Gedanken kritisiert er jeden, nur seine eigenen Fehler sieht er dabei nicht. Louise hingegen entwickelt sich weiter – weg von André – und geht ihren eigenen Weg. Obwohl zwei Menschen „nur“ auf einer Wanderung in die Höhe steigen, wird die Geschichte keinen Moment langweilig. Im Gegenteil, man ist gespannt, was sich zwischen den beiden als nächstes ereignet. Das Buch lässt sich süffig weglesen.

Roman Graf „Niedergang“
Verlag Knaus
erschienen 2013
ISBN 978-3-8135-0566-5

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Motorradfahrt in den Herbst

Das Wetter für eine Fahrt mit dem Motorrad ist perfekt. Es ist mitte Oktober und das Thermometer zeigt 21 Grad an. Wir sind relativ früh dran, für die Fahrt ins Berner Oberland. Ich telefoniere noch auf dem Bahnhof mit meinem Liebsten, er solle doch einmal seine Schwägerin anfragen, ob die Alphütte frei sei. Eigentlich wollten wir erst im November in die Hütte, aber das Wetter könnte nicht schöner sein und irgenwie hat mich Mila noch drauf gebracht. Im Haus ist jedoch nur die Enkelin, Grossmutter und Grossvater sind irgendwo draussen. Als wir losfahren wissen wir also noch nicht, ob wir auf die Alp können.

Die Fahrt Richtung Zentralschweiz ist herrlich und als Sozius kann ich meinen Gedanken nachhängen. Die Spitzen der Berge sind weiss überzuckert, der erste Schnee ist am Montag gefallen und hat seine Spuren hinterlassen.  Wir fahren dem Alpnacher See entlang und auf einer Wiese mache ich weisse Flecken aus, es sind aber keine Schafe oder Ziegen. Ich würde mir die Augen reiben, hätte ich nicht das Helmvisier davor, denn wie die Kühe hockt eine Menge Schwäne im Gras. So etwas habe ich noch nie gesehen.

Das Buchenlaub schimmert golden und bronzefarben in der Sonne, die sich zu dieser Jahreszeit früher auf den Weg macht, hinter dem nächsten Bergkamm zu verschwinden.

Die verfärbten Bäume spiegeln sich im Lungernsee, ein Fischerboot schaukelt im Wasser.

In den Tunnels, die wir passieren, ist es angenehm warm und wie wir wieder hinausfahren und uns Kurve um Kurve den Brünigpass hochschrauben, wird es frischer. Auf der Passhöhe machen wir noch einen Kaffeehalt und setzen uns in die Sonne. Wir telefonieren zum dritten Mal auf den Hof und jetzt ist die Nichte am Apparat und verkündet, nachdem sie ihre Mutter gefunden hatte: „Hütte frei“.

Zahlen, Aufbruch. Jetzt geht es schnell. Auf dem Motorrad gehe ich im Kopf die Liste durch, was wir daheim alles einpacken und danach noch an Lebensmittel einkaufen müssen. Unten im Tal glänzt die Aare in ihrem begradigten Bett und fliesst Richtung Brienzersee. Durch die Bäume sehe ich das Dorf Iseltwald, wo eine Kollegin ihr Elternhaus hat. Es liegt malerisch am See. Dann schaue ich zum Niederhorn hoch, wo wir schon übernachtet haben und Steinböcke beobachten konnten. Die Pyramide des Niesens schaut mich an und der Zahn des Stockhorns ragt wie ein Weisheitszahn rechts raus. Vor dem Rugen-Tunnel werfe ich einen Blick nach hinten und sehe das imposante Trio von Eiger, Mönch und Jungfrau, tief verschneit. Wenn ich die Dreiergruppe sehe muss ich immer an den Song von Florian Ast denken, der innerhalb zwei Stunden, so glaube ich, über diese drei Berge ein Liebeslied schreiben musste. Der Eiger war in die Jungfrau verliebt, doch der Mönch stand halt immer dazwischen, so kamen die zwei nie zusammen.

Zu Hause, im Oberland angekommen, Motorradkleider weg, Schlafsäcke, Klamotten und Lebensmittel, die im Haus sind, einpacken. Wie praktisch, dass wir die Wechselnummern dabei haben, für das zweite Auto, das in der Garage wartet. Nun noch im nächsten Dorf frische Lebensmittel besorgen und ab ins Simmental. Die Dämmerung setzt bereits ein. Die Kurven den Berg hoch kennt mein Liebster im Schlaf, er ist schliesslich hier aufgewachsen. Auf dem Bauernhof stürzen uns die bellenden Hunde entgegen. Noch schnell die Angehörigen begrüssen und einige Worte wechseln. Abfahrt, Geländewagen rein und den steilen Weg hoch, den einige Freunde und Verwandte, nachdem sie ihn das erste Mal gesehen haben, lieber zu Fuss hochsteigen.

Alles auspacken, es ist längst Routine, wir sind ein eingespieltes Team. Ofen einfeuern, denn es soll noch etwas Warmes zu essen geben. Der neue Holz-Herd zieht gut und schon bald sitzen wir bei Pasta à la Bolognese und Salat am Tisch. In der Höhe schmeckt es nochmal so köstlich. Die Nacht ist mild und der Himmel ein einziges Sternenmeer, an dem ich mich kaum satt sehen kann. Das Licht der Petrollampen ermüdet die Augen, so geht man eher mal mit den Hühnern ins Bett. Bald schlüpfen wir in die warmen Schlafsäcke und dämmern unseren Träumen entgegen.

Menschen, die die Berge lieben

„Menschen, die die Berge lieben, sind aus tiefster Seele frei.
Sie entschweben leicht dem Alltagseinerlei.
Menschen, die die Berge lieben – wiederspiegeln Sonnenlicht.
Die Anderen die im Tal geblieben, verstehen ihre Sprache nicht.“

Stefan Schröder

Schöner und einfacher könnte ich es auch nicht sagen. Es war ein Prachtswochenende auf der Alp.